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TU Berlin

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Zu viel, zu fett, zu süß, zu salzig – die Politik muss handeln

Susan Jebb über Fehlernährung in der modernen Gesellschaft und was dagegen getan werden muss

Oxford-Professorin Susan Jebb berät Politiker und Spezialisten dazu, wie Forschung erfolgreich in der Politik umgesetzt werden kann
Lupe

Professor Jebb, schlechte Ernährung und Übergewicht zählen mittlerweile zu den größten Risikofaktoren für die Gesundheit. Womit haben wir es genau zu tun?

Zu viel, zu fett, zu süß, zu salzig: Tatsächlich ist schlechte Ernährung verantwortlich für vielfältige Gesundheitsprobleme, mit denen die moderne Gesellschaft kämpft: Herzprobleme, Schlaganfälle, Krebs, Asthma, Leberprobleme, Diabetes, aber auch Depressionen, Schlafapnoe oder Krankheiten des Bewegungsapparates wie Rückenschmerzen oder Arthritis. Besonders betroffen sind die hoch industrialisierten Länder mit hohen Einkommen der Bevölkerung, zu denen Großbritannien wie Deutschland zählen. Die Fehlernährung hat inzwischen das Rauchen als wichtigsten Gesundheits-Risikofaktor überholt. Die Kampagnen gegen das Rauchen waren recht erfolgreich. Doch Einzelne sowohl zur gesundheitsfördernden Ernährung als auch zum Verzicht auf Tabak zu bewegen ist immer möglich. Eine ganz andere Herausforderung ist es, ganze Populationen entsprechend aufzuklären und zu beeinflussen.

Was kann die Wissenschaft tun, was muss sie tun, um Menschen zu gesünderem Essen zu animieren. Und welche Rolle spielt sie?

Viele Erkenntnisse aus der Wissenschaft über Zuckerkonsum, versteckte Fette und so weiter sind sowohl der Industrie als auch der Bevölkerung bekannt. Es ist frustrierend, dass dies wenig Einfluss hat. Die Menschen werden immer wieder von widersprüchlichen Informationen, zum Beispiel aus der Werbung verunsichert und auch in die Irre geführt. Sie haben Schwierigkeiten, die einander widersprechenden Botschaften und Ratschläge immer wieder zu entwirren und die relevanten Informationen herauszufiltern. Auf allen Kanälen, im Internet, im Fernsehen, in den Social Media, werden neue Diäten beworben, die eine schnelle Gewichtsabnahme versprechen, Fertiggerichte und Fast-Food angepriesen sowie Nahrungsergänzungsmittel, die ein langes und gesundes Leben versprechen. Es herrscht ein unglaublicher Wildwuchs, dem niemand Einhalt gebietet.

Ist die Politik der Industrie gegenüber zu rücksichtsvoll?

Die Wissenschaft hat meines Erachtens einen guten Job dabei gemacht, Nachweise für schädliches Gesundheitsverhalten und auch für sinnvolle Ernährung zu erbringen. Es gibt ausreichende Daten, die auf internationalen Untersuchungen basieren, über die Ernährungslage und Ernährungsprobleme weltweit. Aber wo ist die Politik? Sie müsste die Datenlage in Verordnungen und Gesetze, die Lebensmittelindustrie betreffend, umsetzen. Die Wissenschaft hat ihren Teil beigetragen, aber die Politik hat bisher total versagt. Dabei ist es durchaus nicht nur ein Gesundheitsproblem. Fettleibigkeit und Fehlernährung verursachen Milliardenkosten: in der Medizin, im Sozialwesen und vor allem auch in der Wirtschaft, wovon die Fehltage am Arbeitsplatz nur den geringsten Teil ausmachen.

Sie prangern auch die Qualität der Lebensmittel an. Was kann man hier tun?

Ein herausragendes Beispiel sind zuckerhaltige Getränke. Sie bilden eine der Ursachen für die zunehmende Verbreitung der Fettleibigkeit vor allem bei Kindern. Ein weiteres Beispiel ist die Zunahme der Fertiggericht- und Fast-Food-Ernährung, die in der Regel viel zu fett- und salzhaltig ist. Abhilfe könnten hier steuerliche Maßnahmen schaffen, beispielsweise Abgaben der Softdrink-Industrie. Einschränkungen für das Marketing von Lebensmitteln mit hoher Energiedichte sind eine weitere Möglichkeit. Auch die Kommunen könnten tätig werden, indem sie Zonen mit Beschränkungen für Fast-Food-Ketten einrichten. Vor allem aber ist es wichtig, gesündere Alternativen anzubieten, also Rezepturen umzustellen, die Größe von Portionen zu kontrollieren, die Auszeichnung der Waren mit den Inhaltsstoffen zu verbessern.

Kann man als Individuum widerstehen? Können Menschen selbst etwas tun?

Es wird nicht genügen, einzelne Individuen aufzuklären. Wir müssen die Gesamtbevölkerung mitnehmen, unabhängig von ihrem Bildungsstand. Dazu benötigen wir eine Kombination aus Freiwilligkeit und politischen Maßnahmen. Die Umgebung „gesünder“ machen, das ist die Lösung. Wir müssen den Menschen helfen, eine gesündere Wahl zu treffen.

Es braucht Kunden, die sich gesündere Nahrungsmittel wünschen und diese kaufen, um die Industrie dafür zu interessieren, nicht immer mehr Lebensmittel und Kalorien zu verkaufen. Das heißt, wenn es die Kunden wünschen und durch ihr Kaufverhalten Druck ausüben, wird die Industrie diese auch anbieten. Das „Bio“-Label hat es schon gezeigt. Die Menschen möchten sich durchaus gesund ernähren. Nur, man sollte keine Doktorarbeit schreiben müssen, um sich gesund zu ernähren. Aufgabe der Politik ist es, dafür zu sorgen, dass die Bedürfnisse von Industrie und Verbrauchern kombiniert, sie gleichsam orchestriert werden, um den Weg zu einer größeren Volksgesundheit zu finden, und zwar unabhängig vom Einkommen.

Vielen Dank!

Das Gespräch führte Patricia Pätzold

Über Susan Jebb

Prof. Dr. Susan Jebb ist Professorin für Ernährungswissenschaften und Gesundheit der Bevölkerung an der Universität Oxford (Nuffield Department of Primary Care Health Sciences) und Fellow der Academy of Medical Sciences. Ihre Arbeit als Ernährungswissenschaftlerin konzentriert sich darauf, wie das, was wir essen, das Risiko der Gewichtszunahme beeinflusst und welche Schritte das Risiko von Krankheiten durch Übergewicht reduzieren können. Sie berät außerdem Politiker und Spezialisten dazu, wie Forschung erfolgreich in der Politik umgesetzt werden kann, und hat zuvor als Wissenschaftsberaterin für den Report der britischen Regierung zum Thema Übergewicht sowie als Vorsitzende des regierungsübergreifenden Expertenrats für Übergewicht gearbeitet. Sie setzt ihre beratende Tätigkeit in ihrer Rolle als Vorsitzende des NICE Public Health Advisory Committee und in weiteren Beratungskomitees fort. 2008 erhielt sie den Orden des Officer of the British Empire (OBE) für ihre Dienste für das Gesundheitswesen und im Jahr 2015 wurde sie mit dem John Maddoy Prize for Standing up for Science ausgezeichnet.
www.phc.ox.ac.uk/team/susan-jebb

pp, Quelle: TU intern Oktober 2018

Queen’s Lecture: „Diet, obesity and health: from science to policy“

Montag, 5. November 2018, um 17 Uhr
Der Präsident der TU Berlin, Prof. Dr. Christian Thomsen, lädt zusammen mit der Britischen Botschaft und dem British Council, Großbritanniens und Nordirlands internationale Organisation für Kulturbeziehungen, zur diesjährigen Queen’s Lecture ein.
Ort: Audimax der TU Berlin (Raum H 105), Straße des 17. Juni 135, 10623 Berlin
Die Vorlesung wird in englischer Sprache gehalten.
Einen Mitschnitt finden Sie auf: www.youtube.com/user/TUBerlinTV

Berlin Science Week

Die Queen’s Lecture findet im Rahmen der Berlin Science Week statt, die vom 1. bis 10. November 2018 in über 90 Veranstaltungen die innovativsten und führenden Wissenschaftsinstitutionen und Forschungseinrichtungen zusammenbringt, um den interdisziplinären Austausch und das tiefere Verständnis zwischen Wissenschaft und Gesellschaft zu fördern.
https://berlinscienceweek.com

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