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TU Berlin

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Menschen

Rückeroberung der Privatheit im Netz

Systemsicherheit und Privatheit für ihre Kunden sind auch für Unternehmen extrem wichtig – und könnten ein Standortvorteil werden

Nachgefragt bei Prof. Dr. Klaus-Robert Müller leitet das Fachgebiet Maschinelles ­Lernen am Institut für Softwaretechnik und Theoretische Informatik der TU Berlin. Er ist unter anderem Mitglied im Bernstein Center for Computational Neuroscience sowie Co-Direktor des Berlin Big Data Center (BBDC).

Klaus-Robert Müller ist auf dem Gebiet des Maschinellen Lernens international vernetzt. Im Oktober 2018 bewilligte das BMBF das Berliner Kompetenzzentrum für Maschinelles Lernen, das mit 8,5 Millionen Euro gefördert wird und dessen Sprecher er ist
Lupe

Prof. Müller, Sie haben in den letzten drei Jahren die gemeinsame Arbeitsgruppe „Privatheit in Zeiten der Digitalisierung“ der Wissenschafts-Akademien Leopoldina, Akademieunion und acatech geleitet. Dort haben sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus der Informatik, den Rechts-, Geistes-, Politik- und Gesellschaftswissenschaften intensiv mit einem Folgeproblem der Digitalisierung auseinandergesetzt: dem zunehmenden Verlust unserer Privatheit im Internet. Was war ihre Motivation, diese Arbeitsgruppe ins Leben zu rufen?

Privatheit gilt als eines unserer wichtigsten Freiheitsrechte. Gleichzeitig gibt jeder von uns, der sich im Internet bewegt, täglich eine unüberschaubare Menge an privaten Informationen preis – häufig ohne es wirklich zu merken. Unternehmen, Behörden oder Medien verfügen über sensible Informationen, die eindeutig einzelnen Personen zuzuordnen sind. Das führt in vielen Fällen zu neuen Dienstleistungen oder auch Entlastungen für den Bürger. Gleichzeitig gewinnen diese Institutionen und Unternehmen mit unseren Daten aber nicht nur ökonomisches Gewicht, sondern auch die Möglichkeit zur massiven Einflussnahme auf unser Verhalten. Durch die ständig wachsende Durchdringungstiefe dieser digitalen Anwendungen und die Geschwindigkeit, mit der sie entwickelt werden, entsteht oft der Eindruck, dass mögliche negative Aspekte der Digitalisierung eine „unumgängliche Naturgewalt“ darstellen. Ich habe durch meine Forschung in den vergangenen 20 Jahren intensiv zu der Weiterentwicklung der Digitalisierung beigetragen, halte diesen Eindruck jedoch für grundfalsch. Es gibt technische und regulatorische Möglichkeiten, sich ein Stück „Privatheit im Netz“ zurückzuerobern.

Wie sieht das Ergebnis dieser Diskussion zwischen Juristen, Geisteswissenschaftlern und Digitalisierungsexperten aus?

Mit der am 26. November 2018 vorgelegten Stellungnahme der Akademien haben wir es nicht bei einer Diskussion belassen, sondern ganz konkrete Handlungsoptionen, gegliedert nach Handlungsfeldern, auf technischer und regulatorischer Ebene aufgezeigt. Ein Großteil dieser Handlungsoptionen sind keine Technik-Utopien, sondern absehbar lösbare Herausforderungen. Jetzt ist die Politik gefragt.

Könnten Sie uns einige konkrete Beispiele nennen?

Wenn ich das mittlere Einkommen einer Personengruppe ermitteln will, dann kann ich das Einkommen jeder einzelnen Person in einer Datenbank speichern, die Zahlen aufaddieren und durch die Anzahl der Personen teilen. Ich kann aber auch alle Einkommen aufsummieren, ohne die einzelnen Zahlen oder die dazugehörigen Personen zu speichern, und dann durch die Anzahl der Personen teilen. Der Unterschied liegt auf der Hand: Wie viele personenbezogene Daten müssen wirklich gespeichert werden, um bestimmte Dienste zu ermöglichen? Was muss das System sich merken und was nicht? Reicht es, wenn die Daten ausschließlich auf meinem System gespeichert bleiben und Anwendungen nur temporär Zugriff darauf haben? Dazu müssen wir klare Regeln entwickeln. 

Ein anderes Beispiel ist das sogenannte „Tagging“ der Daten: Alle meine Daten, die ein System speichert, bekommen eine spezifische Markierung. Wenn ich das System verlasse, also beispielsweise eine App lösche, könnten alle so markierten Daten automatisch gelöscht werden. Und nicht nur das: Unsere Daten werden auch genutzt, um zum Beispiel maschinelle Lernsysteme zu optimieren. Wenn ich das Löschen aller markierten Daten verlange, müssten diese nicht nur in der Anwendung gelöscht werden, sondern auch aus den maschinellen Lernsystemen herausgerechnet werden. Das wäre prinzipiell machbar.

Würden solche Regulierungen nicht das Ende einer aufstrebenden Digitalisierungsbranche in Deutschland bedeuten?

Wir wollen die wachsende Ökonomie und Forschung in dem Bereich nicht behindern, sondern vorwärtstreiben. Deshalb waren neben Juristen auch Ökonomen in dem Gremium vertreten. Auch in den Unternehmen sitzen viele Mitarbeiter, die konkrete Vorstellungen zu Datenschutz und Privatheit haben. Natürlich braucht es dafür europäische Lösungen. Aber ich sehe das so: Systemsicherheit und Privatheit für ihre Kunden sind auch für Unternehmen extrem wichtig. Das wird mittelfristig eher ein Standortvorteil als ein Nachteil sein.

Das Interview führte Katharina Jung; "TU intern" Dezember 2018

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