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Geschichtspolitik in der geteilten Stadt

Reinhard Rürup holte das Thema des deutschen und europäischen Antisemitismus aus der Randständigkeit – ein Nachruf

Zum 25-jährigen Jubiläum der Stiftung „Topographie des Terrors“ 2017 wurde ein Sonderpostwertzeichen herausgegeben. Der damalige Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (l.) überreichte aus diesem Anlass ein Album an Reinhard Rürup
Lupe

Von Prof. Dr. Uffa Jensen, Zentrum für Antisemitismusforschung

Reinhard Rürup, der am 6. April dieses Jahres im Alter von fast 84 Jahren plötzlich verstorben ist, verdanken die Technische Universität Berlin sowie die dortigen Zentren für Antisemitismusforschung und für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung viel. 1975 wurde der Historiker und Germanist zum Professor für Neuere Geschichte an der TU Berlin ernannt.

Rürup wusste um die Bedeutung von Geschichtspolitik in der geteilten Stadt Berlin. Der Plan aus der Nachkriegszeit, die TU Berlin geistes- und kulturwissenschaftlich zu einer Volluniversität zu erweitern und damit auch Natur- und Technikwissenschaftlern ein Studium generale zu ermöglichen, war wie für ihn geschaffen. Maßgeblich durch ihn erhielt die Geschichtswissenschaft an der TU Berlin einen exzellenten Ruf.

Er selbst sagte einmal in einem Interview, dass ihn auch das Studium der jüdischen Geschichte politisiert hätte. Viele Historiker*innen seiner Generation – also jener Jahrgänge, die den Zweiten Weltkrieg als Kinder erlebt hatten – verstanden sich als politisch und begründeten dies mit ihrer NS-Erfahrung. Aber mit dem Blick auf die jüdischen Opfer hat es wohl nur Reinhard Rürup erklärt. Sehr früh sah er im Holocaust jenen Zivilisationsbruch, als den ihn die Bundesrepublik heute versteht – eine Sichtweise, die er auch durch seine jahrelange Gedenkstätten- und Ausstellungsarbeit maßgeblich mit etablierte. Heraus ragte hierbei sicherlich sein Engagement für die Topographie des Terrors.

Bereits seit Anfang der 1970er Jahre beschäftigte sich Rürup intensiv mit der Geschichte des Antisemitismus und holte dieses zentrale Thema der deutschen und europäischen Geschichte aus seiner Randständigkeit, die es – aus heutiger Perspektive überraschend – selbst in den Debatten über einen deutschen Sonderweg noch lange innehatte. So überrascht es nicht, dass er sich gemeinsam mit dem damaligen Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde, Heinz Galinski, dafür einsetzte, an der TU Berlin 1982 das Zentrum für Antisemitismusforschung zu etablieren.

Reinhard Rürup war – da sind sich seine vielen Schüler*innen einig – ein beeindruckender Lehrer. Ruhig, sachlich, präzise und stets quellenorientiert waren ihm Selbstdarstellung und Dünkel fremd. Im Übrigen hat er das seltene Kunststück vollbracht, gleich viele Männer wie Frauen bis zur Habilitation zu begleiten. Das war Programm, betrieb er doch 1995 ebenso maßgeblich die Gründung des Interdisziplinären Zentrums für Frauen- und Geschlechterforschung an der TU Berlin.

Obwohl er sich zunächst auf die Antisemitismus- und Verfolgungsgeschichte konzentrierte, interessierte er sich zunehmend für die deutsch-jüdische Geschichte. Schon früh galt er jenen deutschen Juden, die ins Exil in Großbritannien oder den USA vertrieben worden waren, als Hauptvertreter einer jungen Generation, mit dem sie zusammenarbeiten wollten. So ermöglichte Reinhard Rürup entscheidend ein bemerkenswertes Phänomen: die erste Gruppe von nichtjüdischen Historikern und Historikerinnen, die sich intensiv mit jüdischer Geschichte und Antisemitismus beschäftigten.

"TU intern" 13. April 2018

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