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Das Denkmal für Freiheit und Einheit – eine deutsch-deutsche Angelegenheit

Die Autorin ist Kunsthistorikerin und Professorin am Institut für Stadt- und Regionalplanung der TU Berlin. Sie leitet das Fachgebiet Denkmalpflege
Lupe

Im Jahre 2007 fasste das deutsche Parlament den folgenden Beschluss: „Die Bundesrepublik Deutschland errichtet in Erinnerung an die Friedliche Revolution im Herbst 1989 und an die Wiedergewinnung der staatlichen Einheit Deutschlands ein Denkmal der Freiheit und Einheit Deutschlands, das zugleich die freiheitlichen Bewegungen und die Einheitsbestrebungen der vergangenen Jahrhunderte in Erinnerung ruft und würdigt. Das Denkmal soll in der Mitte Berlins stehen.“ Nach dem aktuellen Plan von Johannes Milla soll auf dem alten Sockel des Denkmals für Kaiser Wilhelm  I. vor dem neuen Schloss eine monumentale goldfarbene Schale errichtet werden, die sich langsam neigen wird, wenn sich eine Anzahl von Personen gemeinsam zur rechten oder zur linken Seite bewegt. Auf dem Boden der sehr weiten und flachen Schale soll der stark vergrößerte Schriftzug WIR SIND DAS VOLK. WIR SIND EIN VOLK stehen.

Es war eine Zeit großer Hoffnungen. Das Denkmal soll die Bürgerinnen und Bürger der DDR ehren, die im Herbst 1989 den persönlichen Mut aufbrachten, auf die Straße zu gehen und das Ende der Unterdrückung und Bevormundung durch die Staatsführung zu fordern. Dabei konnten die Demonstranten durchaus nicht sicher sein, dass der eigene programmatische Gewaltverzicht auch einen Gewaltverzicht der Polizei und der Armee zur Folge haben würde. Das Risiko gingen sie ein.
Als „asoziale Elemente“ und „Rowdys“ verunglimpft, riefen die Demonstranten in Dresden, in Leipzig, in Berlin und vielen weiteren Städten „WIR sind das VOLK“ und stellten damit den absoluten Herrschaftsanspruch der SED, die sich selbst gern an der Spitze des Volkes sah, lauthals und öffentlich in Frage. Viele wollten damals zunächst eine bessere DDR, nicht wenige einen besseren, demokratischen Sozialismus. Im Zuge der immer größeren Demonstrationen kam der Ruf „WIR sind EIN Volk“ auf. Er wurde zum Ruf nach politischer Annäherung der beiden deutschen Staaten. Es war eine Zeit großer Hoffnungen.

Die beiden Parolen haben in der Tat große historische Bedeutung. Die zu monumentaler Größe gesteigerten Buchstaben auf dem Denkmal machen indes den historisch-kritischen Sinn der Worte unkenntlich. Sie erscheinen auf dem Denkmalentwurf wie eine heutige Aussage. Aber wer spricht da? Und wer bleibt stumm? Wer ist heute „das Volk“ oder gar „ein Volk“? Geht es, wie damals, um eine zutiefst deutsch-deutsche Angelegenheit? Oder sind andere mit gemeint? Wenn ja, wer? Und wer nicht?

Die Schale als Gemeinschaftserleben?

Lupe

Nun zur Form. Im Gegensatz zu früheren Nationaldenkmälern, denn um sein solches handelt es sich hier ohne Frage, wird ganz auf die figürliche Darstellung von Helden und allegorischem Personal verzichtet. Auch erzählende Reliefs oder in Bronze gegossene Schriftstücke entfallen. Die Ausdruck tragende Figur ist eine einzige große Form – eine weite, lang gestreckte Schale, die auf einem durch Treppen und Rampen strukturierten Sockel ruht. Sie ist vollkommen glatt, bruchlos und eindeutig. Man könnte sie zu einem großen dekorativen Tafelaufsatz in Bezug setzen oder jetzt, wo aus Sicherheitsgründen eine Reling vor die Ränder gesetzt wurde, mit einem Schiffskörper assoziieren. In ihrem weiten Schwung lässt sich eine gestische Energie erkennen, die als solche aber richtungslos bleibt. Die Schale offenbart ihren Sinn, wenn sie begangen wird: Sie ist eigentlich ein frei stehendes, beidansichtiges Bühnenbild, wohlplatziert zwischen Spreekanal und dem zukünftigen Eingang des Humboldtforums im Schloss. Hier sollen die „Bürger in Bewegung“ – so der Titel der Arbeit im Denkmalwettbewerb – umherwandeln und, wenn sie gemeinsam zu einer der zwei Schmalseiten hinaufgehen, erleben, dass sich die Schale unter ihrem gemeinsamen Gewicht senkt und einen weiten Blick auf die Denkmalumgebung freigibt. Diese Erfindung geht auf die am Wettbewerbsentwurf, aber nicht mehr an der Umsetzung beteiligte Choreografin Sasha Waltz zurück. Es sei, so wird versichert, ein partizipatorisches Konzept. Aber woran partizipieren die Denkmalbesucher, wenn sie die Schale zur Neigung bringen? Was bedeutet ihr Tun? Ist es wichtig, ob sie nach rechts oder nach links gehen, im Sinne einer politisch konnotierbaren Richtungsentscheidung, die dann, von der anderen Schauseite betrachtet, umgekehrt würde? Die Antwort auf meine Nachfrage war: Nein. Es gehe nur um das Gemeinschaftserleben in der Bewegung.

Das soll also das deutsche Einheits- und Freiheitsdenkmal werden, mit der Freiheit, in einer golden schimmernden Schale hin- und herzugehen, gemeinsam abzusinken und aufzusteigen und sich zu fragen, ob man DAS Volk oder EIN Volk ist oder lieber doch nicht? Das ist mir zu wenig.

Gabi Dolff-Bonekämper, "TU intern" 17. Februar 2017

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