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TU Berlin

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Menschen

"Die Welt besteht aus Strukturen, die es nur zu finden gilt"

Donnerstag, 14. Juli 2011

AvH-Forschungspreisträger Dagfinn Føllesdal forscht am Innovationszentrum Wissensforschung (IZW)

Dagfinn Føllesdal
Philosoph Dagfinn Føllesdal liebt Mathematik
Lupe

Dagfinn Føllesdal konnte sich früher nicht vorstellen, wie man Philosophie zum Beruf machen kann. Er war Mathematiker mit Leib und Seele, hatte in Oslo und Göttingen studiert. Dann entdeckte er den Philosophen W. V. Quine, der in Harvard lehrte. Daraufhin ging er nach Harvard, wo er zur Sprachphilosophie und Logik arbeitete.

Platon, der erste Philosoph, der sich ernst mit Mathematik beschäftigte, lässt in seinem Dialog "Menon" Sokrates ein Experiment mit einem Sklavenjungen vorführen, der nie Bildung genossen hat, aber eine geometrische Aufgabe lösen kann. Der Junge konnte dies nicht gelernt haben, das Wissen um abstrakte Strukturen musste also schon vorher in ihm vorhanden gewesen sein, war Platons Folgerung. Diese Strukturen gelte es zu erinnern beziehungsweise aufzudecken.

Auch dem Berliner Mathematiker Leopold Kronecker aus dem 19. Jahrhundert ging es um die Erkenntnis bereits vorhandener Strukturen. Allerdings waren für ihn lediglich die natürlichen Zahlen "Gotteswerk", alles andere in der Mathematik dagegen "Menschenwerk". Aber nicht nur in Geometrie und Arithmetik, sonder überall in der Welt, behauptet Føllesdal, würden Strukturen nicht erfunden, sondern entdeckt. Føllesdal glaubt aber nicht, wie Platon, dass wir diese Strukturen aus einem früheren Leben kennen. Die zwei grundlegenden Fragen in der Philosophie der Mathematik sind: Gibt es überhaupt mathematische Gegenstände? Und wenn ja, wie können wir sie erkennen?

Als Philosoph beschäftigt sich Føllesdal zwar insbesondere mit Sprachphilosophie und mit der Philosophie der Logik - in beiden Feldern veröffentlichte er bahnbrechende Arbeiten. Darüber hinaus hat er besonders gründlich Edmund Husserl studiert, der 1938 starb. Auch Husserl hatte eine mathematische Ausbildung, war ein Schüler von Karl Weierstraß und Kronecker hier in Berlin.

Quine, der hervorragendste Vertreter der analytischen Philosophie, und Husserl, der Vater der sogenannten Kontinentalphilosophie, werden häufig als unvereinbare Gegenpole betrachtet. Føllesdal will aber das Schubladendenken loswerden und die "-ismen" zurücklassen: "Ich empfehle meinen Studierenden, mit offenem Geist ganz unterschiedliche Philosophen zu lesen und zu studieren. Jeder Philosoph hat seine individuelle Sichtweise."

Heute ist der vielfach ausgezeichnete Philosoph, der an der Universität Stanford in Kalifornien lehrt, weltweit anerkannt und Mitglied vieler internationaler Wissenschaftsakademien. Als Alexander von Humboldt-Forschungspreisträger arbeitet Dagfinn Føllesdal derzeit am Innovationszentrum Wissensforschung (IZW) der TU Berlin. Er unterstützt die Bestrebungen von Prof. Dr. Günter Abel zum Aufbau eines Forschungsschwerpunktes "Mathematisches Wissen" an der TU Berlin. Die Forscher arbeiten dabei eng mit Kolleginnen und Kollegen aus dem "MATHEON", dem DFG-Forschungszentrum "Mathematik für Schlüsseltechnologien", zusammen.

Um die Studierenden mit Grundlagenfragen der Philosophie der Mathematik vertraut zu machen, veranstaltete Dagfinn Føllesdal gemeinsam mit seinem Landsmann Øystein Linnebo, der am Birkbeck College London lehrt und ebenfalls in diesem Semester Gast am IZW ist, sowie mit Ulrich Dirks von der TU Berlin ein Forschungsseminar zur Philosophie der Mathematik. Die zwei oben erwähnten Hauptfragen diskutierten sie mit den Studierenden ebenso wie mit Kollegen aus der Mathematik und Informatik: die Fragen der Existenz und der Erkennbarkeit mathematischer Gegenstände. Eine weitere Frage war, welche Einsichten wir aus mathematischen Beweisen gewinnen können. "Wichtig war es uns dabei, die mathematischen Beispiele so ausführlich zu erläutern, dass auch Nicht-Mathematiker sie verstehen können", so Føllesdal. "Philosophie und Mathematik haben viel gemeinsam. Beide befassen sich mit Strukturen. Man erkennt diese Strukturen im Zuge der gewöhnlichen Wahrnehmung, die viel reicher ist, als man sie sich normalerweise vorstellt."

Für den krönenden Abschluss seines Seminars hatte der norwegische Gastwissenschaftler einen weiteren hochkarätigen Stanford-Kollegen eingeladen: Michael Friedman, der einen Vortrag hielt über "Mathematical Science, Naturalism, and Normativity".

Patricia Pätzold / Quelle: "TU intern", 7/2011

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