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TU Berlin

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Studium & Lehre

Dichtung und Wahrheit über die "Field Station Berlin"

Freitag, 17. Juni 2011

TU-Studierende legten Untersuchung über die ehemalige Militäranlage auf dem Teufelsberg vor

Zerstörungen und Vandalismus in der ehemaligen Abhöranlage auf dem Teufelsberg
Zerstörungen und Vandalismus in der ehemaligen Abhöranlage auf dem Teufelsberg. Bei den Untersuchungen benötigten die Studierenden Schutzkleidung und Atemmasken. Um die "Field Station" ranken sich auch Mythen, die einem Science-Fiction-Roman alle Ehre mac
Lupe

Der flackernde Schein der Stirnlampen huscht über die alten Betonwände der fensterlosen Räume, Metallteile hängen von der Decke. Nur tastend kann man sich vorwärtsbewegen, denn immer wieder gähnen tiefe Löcher in dem aufgeständerten Boden, die sich als regelrechte Fallgruben erweisen können. Ausgestattet mit Schutzanzügen, Atemmasken und Stirnlampen kriechen vier TU-Studierende an diesem geheimnisvollen Ort umher, um ihn zu erforschen, zu vermessen, zu dokumentieren: die "Field Station" auf dem Teufelsberg, die inzwischen halb verfallene und dem Vandalismus anheimgegebene alte Abhöranlage, eines der letzten Zeugnisse des Kalten Krieges in Berlin.

Wochenlang zieht sich die abenteuerliche Untersuchung hin, manchmal acht Stunden am Tag. Doch endlich gibt es damit zuverlässige Unterlagen, die für die jungen Bauforscher nur einen Schluss zulassen: Die "Field Station"sei eines der letzten in Berlin erhaltenen Zeugnisse des Kalten Krieges, bauhistorisch einzigartig und müsse deshalb unter Denkmalschutz gestellt werden.

Für dieses Areal, das momentan wie eine Mischung aus Abenteuerspielplatz, Müllkippe und der Kulisse eines Endzeitfilmes wirkt, wie der "Tagesspiegel" es Anfang des Jahres beschrieb, konnte seit der Aufgabe 1992 noch keine der geplanten Umnutzungen realisiert werden. Abrisskosten waren Bund und Land zu hoch erschienen, so sollte ein Nachnutzungskonzept greifen. Doch Verkauf, Konzepterstellung und Baugenehmigungen sowie öffentliche Diskussionen darüber zogen sich in die Länge. Zwischendurch wurde das Gelände von der Deutschen Flugsicherung genutzt, später wieder als Waldgebiet ausgewiesen. So blieben Teile der Anlage lange unbeaufsichtigt. Vandalismus und massive Schäden an der Bausubstanz waren die Folge. Einen zuverlässigen Überblick über die derzeitigen Gegebenheiten konnten nun erstmalig die TU-Studierenden mit ihrer Arbeit geben, denn es gab kaum Lagepläne, keine Schnitte, keine Grundrisse.

"Wir wandten uns an das Landesarchiv Berlin, an das Alliiertenmuseum, an den Verein ,Berliner Unterwelten‘, wir beantragten Stasi-Unterlagen und Auskünfte von INSCOM (United States Army Intelligence and Security Command), dem Nachrichten- und Sicherheitsdienst der US-Army, und sprachen mit Zeitzeugen", zählt David Derksen auf. Außerdem arbeiteten sie mit dem derzeitigen Eigentümer, der Investorengemeinschaft Gruhl und Partner, zusammen. Mittels Handaufmaß, mit Laser-Entfernungsmesser, weiterem technischen Gerät und hohem Körpereinsatz konnten sie nach und nach ein zusammenhängendes Bild von Gelände und baulichen Anlagen des historischen Ortes oberhalb des Teufelssees zeichnen, der eine so bewegte Geschichte hinter sich hat.

Einstmals, so hatte es Hitlers Generalbauinspektor Albert Speer geplant, sollte dort als "Tor zur Reichshauptstadt Germania" eine Hochschulstadt für die Ewigkeit entstehen, "nur mit dem alten Ägypten, Babylon oder Rom vergleichbar". Begonnen wurde 1939 jedoch einzig mit der Wehrtechnischen Fakultät, von der nach Kriegsende nur ein ausgebombter Rohbau übrigblieb. Nach dem Ausbau wertvoller Materialien wurde der Bauplatz als Schuttkippe verwendet - Berlin hatte rund 55 Millionen Kubikmeter Schutt zu bewältigen - und entwickelte sich nach und nach zum "Teufelsberg". Zunächst als Ausflugs- und Skigebiet genutzt - 1986 fand hier sogar ein Weltcup-Parallelslalom statt -, wurde auf dem inzwischen 115 Meter hohen Berg schließlich die "Field Station" errichtet. Amerikaner und Briten nutzten sie von 1961 bis 1992 als Abhöranlage. Sie war strategisch optimal mitten im Feindesland gelegen, weshalb sie kontinuierlich erweitert wurde. Es musste Platz geschaffen werden für 1500 Personen, die hier im Drei-Schicht-System mit Abhören, Datensammeln, Auswerten und Verschlüsseln beschäftigt waren.

Als militärisches Speergebiet war die Anlage nicht zu besichtigen und blieb daher immer geheimnisumwittert. So ist es kein Wunder, dass sich auch viele Mythen um die weithin sichtbaren weißen Kuppeln, die Radome, in denen sich die Abhörtechnik befand, am westlichen Horizont Berlins ranken. "Bei gutem Wetter habe man bis nach Moskau sehen und hören können, erzählten sich die Menschen, Raketen wären dort stationiert gewesen oder es handele sich um eine Anlage, die viele Stockwerke in die Erde reiche und außerdem mit U-Booten zu erreichen sei", greift David Derksen einige der fantasievollen Geschichten heraus. Aber: "Wir wollten an diesem Beispiel aus der jüngeren Geschichte wissenschaftlich ergründen, wie es wirklich war, und dies dann auch für die nachfolgenden Generationen festhalten."

Die Arbeit der Studierenden liegt inzwischen beim Berliner Landesdenkmalamt vor. Sie bildet eine Grundlage für die Entscheidung, ob es sich im Sinne des Berliner Denkmalschutzgesetzes um ein Denkmal handelt. Eile ist geboten. Die vergangenen Jahre haben gezeigt, wie durch fortschreitenden Verfall ein hochtechnisiertes Gebäude in kurzer Zeit unwiederbringlich verloren gehen könnte. "Das wäre ein großer Verlust für die Geschichte Berlins und des Kalten Krieges. Wir hoffen, dass wir einen entscheidenden Beitrag für den Erhalt der ,Field Station Berlin‘ geleistet und eine Grundlage für ein mögliches Nachnutzungskonzept geschaffen haben, das die Anlage auch für die Öffentlichkeit zugänglich macht", sagt Robert Haesecke-Diesing. "Geschieht dies nicht, wird die ,Field Station Berlin‘, dieses nicht nur für die Berliner, sondern für die ganze Welt einmalige Zeugnis der Geschehnisse im Kalten Krieg, für zukünftige Generationen für immer verloren sein.

Patricia Pätzold / Quelle: "TU intern", 6/2011

Legal und sicher kann man den Teufelsberg und die ehemalige Abhörstation seit Anfang dieses Jahres auf geführten Touren besichtigen.

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