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TU Berlin

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Studium & Lehre

Ganztagsschulen als Pflichtschulen

Montag, 18. Mai 2009

Warum 500 Euro Grundsicherung für jedes Kind die Bildungschancen nicht verbessern

Die Familie als Keimzelle der Gesellschaft
Die Familie als Keimzelle der Gesellschaft braucht besondere Unterstützung
Lupe

Derzeit leben 2,4 Millionen Kinder in Armut. Arbeiterwohlfahrt, Kinderschutzbund, GEW und Familienexperten haben deswegen Mitte April eine "eigenständige" Grundsicherung für jedes Kind in Höhe von monatlich 500 Euro gefordert. Kinder, die in einkommensarmen Haushalten aufwachsen, hätten oft kaum Chancen zum sozialen Aufstieg; ein Studium ist für viele noch nicht einmal ein Traum, sondern jenseits ihrer Vorstellungskraft. Verbände und Experten meinen, dass das bisherige zerstückelte System der Kinderförderung versagt hat. Es sei bürokratisch, intransparent und ungerecht.

Anstelle von Kindergeld, Sozialgeld, Kinderzuschlag oder BAföG sollen alle Kinder bis zum 27. Lebensjahr unabhängig vom Einkommen der Eltern den einheitlichen Betrag von 500 Euro erhalten. Die Finanzierung der auf 100 Milliarden Euro jährlich geschätzten Kosten könne weitgehend aus den bisherigen Familienleistungen finanziert werden. Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen äußerte sich skeptisch: "Die bisher präsentierten Modelle sind nicht fundiert genug und werden deshalb von uns nicht unterstützt." Das eigentliche Problem des Grundsicherungsvorschlags sind aber nicht die Finanzierung und seine Details, sondern die Frage, was eine Grundsicherung bewirken würde? Würde Chancengleichheit dadurch gefördert und mehr Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern studieren?

Wenig Geld macht das Leben von Familien sicherlich schwierig. Man wünscht das weder Kindern noch Eltern. Aber wenig Geld muss nicht zwangsläufig zu weniger Chancen für Kinder führen. Das kann man beim Nachwuchs von gut ausgebildeten alleinerziehenden Eltern sehen. In einer bislang unveröffentlichten Analyse auf Basis der Längsschnittsdaten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP), die im Rahmen einer Dissertation an der Universität Essex durchgeführt wurde, kann man auch erkennen, dass es nicht wenig Geld per se ist, das Kindern Chancen raubt und später im Extremfall zu Sozialhilfebezug führt, sondern es sind andere Umstände, die Kindern in Sozialhilfehaushalten als Last auf ihren Lebensweg mitgegeben werden. Etwa die Erfahrung, dass Eltern nicht regelmäßig arbeiten und trotzdem über die Runden kommen. Ein Grundgehalt von 500 Euro für Kinder ändert daran gar nichts. Es würde aber - das zeigt solide empirische Evidenz des Geburtenverhaltens - dazu führen, dass bei insgesamt schlechten Arbeitsmarktchancen noch mehr Kinder von gering qualifizierten arbeitslosen jungen Frauen geboren würden. Und die Grundsicherung würde das Leben für Eltern und Kinder der gebildeten Mittel- und Oberschicht leichter machen, da das "Festgeld" ohne jede bürokratische Prüfung gezahlt würde. Kinder, die das Abitur nicht geschafft haben, hätten davon gar nichts (außer dem Geldbetrag in der Tasche). Aber Abiturienten aus bildungsnahen Elternhäusern ginge es plötzlich viel besser.

Nein, eine Grundsicherung für Kinder ist der falsche Weg. Was wir brauchen, ist die Unterstützung von Eltern bei der frühkindlichen Erziehung, die Abschaffung von Hauptschulen und die Einrichtung von Ganztagsschulen als Pflichtschulen. Ganztagsschulen sind ein viel besserer Weg, die Chancengleichheit in Deutschland zu verbessern.

Prof. Dr. Gert G. Wagner / Quelle: "TU intern", 5/2009

Der Autor ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der TU Berlin. Er leitet die Langzeitstudie "Sozio-oekonomisches Panel" am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin). Bis Oktober 2009 ist er noch Vorsitzender der "Kammer für soziale Ordnung" der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

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