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Ein Symbol des Vertrauens

Wissenschaft bereitete den Weg der neuen deutsch-israelischen Freundschaft – lange vor der Politik

Seit Jahrzehnten forschen Sason Shaik, Helmut Schwarz und Yitzhak Apeloig gemeinsam über Grenzen hinweg
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Viele Jahre wissenschaftlicher und persönlicher Freundschaft verbinden Helmut Schwarz (TU Berlin), Yitzhak Apeloig (Technion Haifa) und Sason Shaik (Hebrew University of Jerusalem). Sie haben nicht nur zusammen geforscht, sie waren auch mit Wegbe-reiter für den Aufbau der deutsch-israelischen Beziehungen. Jetzt trafen sich die drei hochdekorierten Chemie-Professoren an der TU Berlin, wo Yitzhak Apeloig und Sason Shaik sich derzeit als Preisträger der Humboldt-Stiftung in der Arbeitsgruppe von Helmut Schwarz aufhalten. Sie sprachen über ihre Erfahrungen, Erinnerungen und über die Herausforderungen, die sie meistern mussten, um Vertrauen zu schaffen vor dem Hintergrund der dunklen Geschichte, die diese beiden Länder verbindet und trennt. Sie sind überzeugt: Wissenschaft ist eine „vertrauensbildende Maßnahme“.

Die deutsch-israelische Forschung ist heute sehr vielfältig. Doch nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust waren viele politische und menschliche Hürden zu überwinden. Wie ist alles gekommen?
Helmut Schwarz: Um offizielle diplomatische Beziehungen aufzunehmen, mussten sich Bundeskanzler Konrad Adenauer und der erste israelische Premierminister Ben Gurion in New York treffen, denn diese Gespräche waren in Deutschland und noch mehr in Israel sehr umstritten – mit gutem Grund. Erst 1965 kam es dazu.
Yitzhak Apeloig: Mein eigener Onkel wurde damals eingesperrt, weil er dagegen protestiert hatte. Aber man muss an Wunder glauben, auch wir als Wissenschaftler.
HS: Ja, die Wissenschaft war da schneller als die Politik. Sie übernahm die Vorreiterrolle, besonders die Alexander von Humboldt-Stiftung. Schon 1958 kam die Rechtswissenschaftlerin Eve Chava Landau als erste Humboldt-Stipendiatin nach Frankfurt. Doch es ging langsam. Noch als 1959 eine Delegation deutscher Top-Forscher das Weizmann-Institut in Israel besuchte – Otto Hahn, Feodor Lynen und Wolfgang Genter waren dabei –, war das zunächst eine geheime Aktion, denn noch waren Menschen mit nationalsozialistischem Gedankengut in deutschen Ämtern und Ministerien. Diese Wissenschaftler gehörten zu den Wegbereitern für die offizielle Wiederannäherung Israels und Deutschlands.
Sason Shaik: Aber es war auch die Keimzelle für die Minerva-Zentren, die sich der Kooperation zwischen deutschen und israelischen Forschenden widmen. Die Minerva Foundation hat mit Geld aus einer gemeinsamen Stiftung inzwischen 25 Zentren überall in Israel aufgebaut und bietet ein fantastisches und sehr flexibles Forschungsförderprogramm. Übrigens, Ben Gurion war selbst sehr interessiert am Aufbau einer gemeinsamen deutsch-israelischen Forschungslandschaft, denn sein wissenschaftlicher Berater war der 1927 in Berlin promovierte und dann nach London und später nach Palästina emigrierte Chemiker Ernst David Bergmann gewesen.
HS: Eine Evaluation ergab kürzlich, dass das Lise Meitner Minerva Center, das seit 20 Jahren besteht und dessen Direktor Sason Shaik ist, das erfolgreichste ist, schaut man auf die bi­nationalen Kooperationen, den Output, die Interaktionen zwischen den Ländern. Es ist ein Symbol des Vertrauens, das durch Wissenschaft geschaffen wird.

Prof. Dr. Yitzhak Apeloig ist Experte für siliciumorganische Chemie und Ehrendoktor der TU Berlin. Er war bis 2009 Präsident des Technion Haifa und erhielt neben vielen weiteren Auszeichnungen das Bundesverdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland aus den Händen von Bundespräsident Christian Wulff
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Wann begann die deutsch-israelische Beziehung für Sie alle ganz persönlich?
HS: An diesen Ort werde ich nie wieder kommen, hatte ich mir geschworen, als ich Israel im August 1978 erstmalig zu einer Konferenz im Weizmann-Institut besuchte. Einen vollen Tag hatte ich nämlich auch in Haifa am Strand verbracht – und mir einen Sonnenbrand geholt, der mich zwang, den Rest der Zeit in einem dunklen Raum zu verbringen … Inzwischen war ich rund 125-mal in Israel.
SSh: Ich heiratete 1980 und war damals wissenschaftlich verbunden mit Heidelberg. So schlug ich meiner jungen Frau vor, die Flitterwochen dort zu verbringen. Ich arbeitete viel, und da stellte sie mich vor die Wahl: meine Bücher oder sie. So verbrachte ich natürlich Zeit mit ihr und mit der ersten vorsichtigen Annäherung an Deutschland. Seitdem waren wir viele Male hier. Mit dem späteren Kontakt zu Helmut Schwarz’ exzellenter Gruppe, auch menschlich, sah ich plötzlich ein anderes Deutschland. So ging ich zurück, engagierte mich für die Minerva-Zentren und baute das Lise Meitner Center auf, das heute 14 Arbeitsgruppen umfasst. Helmut ist übrigens Vorsitzender des Beirats, und auch der HU-UniCat-Forscher Joachim Sauer war jahrelang dabei. Damit konnten wir sehr starke Bindungen aufbauen zur nächsten Generation.
YA: Ich beendete 1973 meine Doktorarbeit (PhD), kam zur Armee und wollte danach als Postdoc nach Princeton/USA. Doch dann begann der Yom-Kippur-Krieg und ich musste weitere sechs Monate dienen. Inzwischen war die gesamte Arbeitsgruppe aus Princeton in München verpflichtet. So schlug man mir vor, auch nach München zu kommen. Ich zögerte sehr lange, denn ich wollte nicht nach Deutschland. 1974 waren in Deutschland immer noch viele Menschen, die aktiv mit dem Nationalsozialismus zu tun gehabt hatten. Ich ging dann trotzdem nach München und erlebte eine Überraschung. Ich lernte dort junge Deutsche kennen, gut ausgebildet und kritisch gegenüber der Vergangenheit. 1979 kam dann Helmut Schwarz ins Technion, wo ich gerade meine Karriere startete. Ich lud ihn zum Essen ein und so begann unsere Zusammenarbeit – und unsere Freundschaft. Auch das Technion hat ja deutsche Wurzeln, der Name leitet sich ab von „Technikum“. Dort gibt es den Schlesinger-Lehrstuhl, den die Technische Universität Berlin eingerichtet hatte. Die Deutsche Technion-Gesellschaft war lange direkt an der TU Berlin angesiedelt. Es finden schon jahrzehntelang regelmäßig binationale Konferenzen, Tagungen, Summer Schools und vieles mehr statt.

Prof. Dr. Sason Shaik forscht zu Computational Chemistry und ist Direktor des Lise Meitner Minerva Center for Computational Quantum Chemistry an der Hebrew University of Jerusalem. Er ist Träger vieler Auszeichnungen, unter anderem auch aus Deutschland, zum Beispiel der August-Wilhelm-von-Hofmann-Denkmünze der Gesellschaft Deutscher Chemiker
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Wie arbeiten Sie heute hauptsächlich zusammen?
HS: Wir bauen nach wie vor Brücken. Wir veröffentlichen gemeinsam und erreichen eine hohe Zitationsrate. Die letzte Arbeit mit Sason Shaik zum Beispiel erschien 2017 über ein Problem in der thermischen Aktivierung von Methan. Wissenschaft bleibt natürlich auch immer Wettbewerb. Doch gleichzeitig profitieren alle Seiten davon. Der goldene Weg zum Erfolg ist kooperieren und im Wettbewerb bleiben.
YA: Ich arbeite auch viel mit dem TU-Exzellenzcluster UniCat, mit Professor Matthias Drieß, da eines meiner Hauptforschungsthemen sich mit Organo-Silicium beschäftigt. Inzwischen gibt es ein gemeinsames Stipendium: GIF, den German Israeli Foundation Grant. Durch die Zusammenarbeit mit Helmut Schwarz ergaben sich auch immer wieder viele Kooperationen.

Was bedeutet der Begriff „Freiheit“ für Sie? Persönlich, politisch und auch in Bezug auf die Wissenschaft?
SSh: Denken zu können, was man will, die Freiheit, zu träumen, und vor allem, es auch ausdrücken und verwirklichen zu können. Meinen Studierenden versuche ich beizubringen, keine Angst vor eigenen Ideen zu haben, auch zu zweifeln, nicht automatisch alles als richtig und gegeben anzusehen, was vom Professor kommt. Wo das möglich ist, da ist Freiheit.
HS: Das freie Denken ist das Wichtigste. Ich hatte und habe viele unglaublich begabte Doktoranden und Postdocs, beispielsweise auch aus China. Aber sie kommen oft aus einer Kultur, in der ihnen das eigene Denken kaum gestattet ist, das Nachfragen, Nachbohren. Es ist nicht leicht, sie zu ermutigen, ihre Zweifel anzumelden, frei auch das Unerwartete, Undenkbare zu denken. Übrigens: Selbst Deutsche tun sich da gelegentlich noch schwerer als zum Beispiel Israelis.
YA: Israel begann als rebellischer Staat mit kommunistischen Ideen. So haben wir flache Hierarchien, selbst in der Armee. Die Studierenden sind nicht sehr diszipliniert, es gibt kaum eine Kluft zwischen den Professoren und den Studierenden. Freiheit, die Freiheit, etwas zu versuchen, wird aber oft verhindert durch die Angst, zu scheitern. Das darf nicht sein. Scheitern ist kein Makel, man versucht es einfach noch einmal. Ohne Vertrauen geht gar nichts.
HS: Israel betreibt auch das Fundraising von Privatpersonen sehr viel stärker als wir hier. Eine Universität wie das Technion wirbt rund 100 Millionen Dollar jährlich ein. Aber sie nehmen sich auch die Freiheit, Spenden zurückzuweisen, wenn sie mit Auflagen verbunden sind, die die Freiheit der Forschung einschränken. Da können wir von anderen Ländern lernen.

Prof. Dr. Dres. h. c. Helmut Schwarz lehrt und forscht an der TU Berlin speziell zu Molekularchemie. Er ist Träger vieler Auszeichnungen und Preise, unter anderem des Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Preises. Seit 2008 ist er Präsident der Alexander von Humboldt-Stiftung
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Was wünschen Sie sich für die Zukunft und welchen Rat würden Sie der nächsten Generation geben?
SSh: Die Zukunft ist von der Gegenwart bereits vorgegeben. Deutschland hat sich zu Israels bestem Freund entwickelt, ich bin auch für die Zukunft optimistisch. Nutzt diese Freundschaft und festigt sie.
YA: Aber wir müssen auch aufmerksam bleiben und Entwicklungen weiter vorantreiben. Für die besondere deutsch-israelische Freundschaft lohnt es sich jedoch, zu kämpfen.
HS: Wichtig ist es, weiterhin in Individuen zu investieren, ihnen Vertrauen und Freiräume zu schenken. Wachsam müssen wir auch sein, dass nicht wieder die falschen Leute zu viel Einfluss nehmen. Hier ist die nächste Generation, auch die der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, besonders gefordert. Also: Sprecht miteinander, kommt zusammen, arbeitet zusammen, baut Brücken.

Patricia Pätzold, "TU intern" 9. Oktober 2017

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