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TU Berlin

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Internationales

Spuren türkischen Lebens in Berlin

Montag, 19. November 2012

Schon das Osmanische Reich und das Deutsche Kaiserreich unterhielten gute Beziehungen – Vortrag auf Türkisch

Die ?ehitlik-Moschee steht auf dem ältesten islamischen Friedhof Deutschlands am Columbiadamm in Berlin. Wilhelm I. schenkte der türkischen Gemeinde in Berlin das Gelände 1866. Fertiggestellt wurde die Moschee allerdings erst 2005.
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Türkisches Leben in Berlin scheint erst mit der Arbeitsmigration Anfang der 60er-Jahre begonnen zu haben. Aber das ist ein weit verbreiteter Irrtum. Die Einflüsse osmanisch-türkischer Kultur auf die Stadt haben eine jahrhundertelange Geschichte, über die man leider nur wenig weiß. Dr. Ufuk Yaltirakli stellt in einer Veranstaltungsreihe des Alumni-Programms der TU Berlin den Einfluss berühmter Türken auf das kulturelle Leben in Berlin vor. In seinem Vortrag am 20. November 2012 erzählt er Geschichten aus der Zeit vom Berliner Kongress 1878 bis zur Gründung der türkischen Republik 1923.

Ein aufmerksamer Beobachter kann osmanisch-türkische Spuren überall im alltäglichen Leben entdecken. Türkenstraßen, Moscheenwege oder der türkische Kaffee als Vorläufer des Espresso sind nur eine Auswahl. Kaum bekannt ist aber, dass die Marschmusik ursprünglich von den Janitscharen-Musikkapellen stammt, die zuletzt im 17. Jahrhundert mit den Eroberungsfeldzügen der Osmanen westwärts vorrückten. Nach der Niederlage der Türken vor Wien hatte sich ein Strom von Kriegsgefangenen Richtung Mitteleuropa in Gang gesetzt. Auch Musiker waren darunter, die von Markgrafen und Fürsten gern an ihre Höfe genommen wurden. So entstanden in vielen deutschen Fürstenhäusern von der Janitscharenmusik beeinflusste Musikkapellen.

Die guten Beziehungen zwischen dem Osmanischen Reich und dem Deutschen Kaiserreich basierten auf einer soliden Grundlage. Die Osmanen brauchten einen verlässlichen Verbündeten in Europa und die Deutschen einen strategischen Zugang zu den Ressourcen im Nahen Osten. Beide Staaten hatten außerdem dieselben europäischen Großmächte als Kontrahenten, was sie militärisch zu verlässlichen Bündnispartnern machte. Deutlich wurden die diversen Interessenlagen der europäischen Großmächte auf dem Berliner Kongress 1878, zu dem Reichskanzler Bismarck nach der Balkankrise zu Friedensverhandlungen einlud. Dem Verhandlungsgeschick des Reichskanzlers war es zu verdanken, dass das Osmanische Reich seine europäischen Besitzungen auf Kosten der nationalen Bestrebungen der kleineren Balkanländer größtenteils behielt und der russische Einfluss auf dem Balkan zurückgedrängt werden konnte.

Das Osmanische Reich versuchte, die versäumte Industrialisierung nachzuholen, und fand im Kaiserreich den geeigneten Partner mit dem erforderlichen Fachwissen. Im Zuge sich verstärkender wirtschaftlicher Beziehungen wurden gegen Ende des 19. Jahrhunderts türkische Auszubildende nach Deutschland geschickt, um sie im Ingenieurwesen, im Straßen- und Maschinenbau und in der Elektrotechnik unterweisen zu lassen. 1907 zählte man bereits über 12 000 Türken, die sich zu Ausbildungszwecken in Deutschland aufhielten. Zu den ersten Unternehmen, die türkische Lehrlinge aufnahmen, gehörte der Elektrokonzern AEG im Wedding, dessen Gebäude heute auch von Instituten der TU Berlin genutzt werden.

Das osmanische Staatswappen, gültig bis zur Gründung der türkischen Republik 1923. Grün steht für die Religion, Rot für das Sultanat
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Ein Teil der damaligen Ankömmlinge war universitär ausgebildet und setzte das Studium an der Vorgängerinstitution der TU Berlin, der Technischen Hochschule Berlin, fort. Sie brachten eine Zeitschrift unter dem Namen „Yildiz“ heraus und gründeten sogar einen „Türkischen Club“, der am Kurfürstendamm tagte.

Zu Beginn des Ersten Weltkrieges wurde in Berlin eine umfassende Offensive gestartet, um die Interessen des Kaiserreiches im Orient auf kultureller und akademischer Ebene zu sichern. Unter Mitwirkung von Orientalisten wie Hugo Grothe und Ernst Jaeckh wurde die „Deutsch-Türkische Gesellschaft“ (DTV) gegründet, die die bekanntesten Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft beider Länder vereinigte. Die Gesellschaft plante neben groß angelegten Schulprojekten und einer Zusammenarbeit im Sanitäts- und Lazarettwesen auch eine enge Kooperation zwischen türkischen und deutschen Wissenschaftlern, Akademikern und Fachleuten.

Als der Krieg begann, kam es zu einem regelrechten Wettlauf um eine Mitgliedschaft in der Gesellschaft. Aber nicht nur in Berlin, im ganzen Land zählten deutsch-türkische Vereinigungen zu den Organisationen mit den am rasantesten steigenden Mitgliederzahlen. Sie hatten großen Einfluss in allen Bereichen des kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Lebens.

Mit dem Untergang der beiden Reiche schwand zunächst auch die hohe Präsenz türkischer Kultur in Berlin. Festzustellen ist jedoch, dass seit dieser Zeit der engen Zusammenarbeit zwischen beiden Völkern die deutschen, besonders die Berliner Universitäten bei türkischen Studienanfängern ein hohes Ansehen genießen. An der TU Berlin sind die Türkinnen und Türken die zweitstärkste Studierendengruppe mit derzeit 517 Studierenden.

20. November 2012, 18–20 Uhr,
TU-Hauptgebäude, Horst-Wagon-Saal, H 1012. Der Vortrag ist auf Türkisch.
www.alumni.tu-berlin.de/international/seminare-fuer-studierende

Christiane Petersen / Quelle: Hochschulzeitung "TU intern", 11/2012

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