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TU Berlin

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Internationales

„Haymatloz“ – ein türkisches Wort mit deutschen Wurzeln

Montag, 18. Juni 2012

Die zwei Seiten deutsch-türkischer Wissenschaftsgeschichte

Universität Ankara: Theatersaal und Aula der Literaturfakultät wurden von Bruno Taut in den Jahren 1937–1940 gebaut
Lupe

Am 30. Mai 2008 unterzeichneten die Republik Türkei und die Bundesrepublik Deutschland die Gründungsurkunde einer staatlichen Türkisch-Deutschen Universität (TDU) in Istanbul. Damit begann ein neues Kapitel in der wissenschaftlichen Zusammenarbeit beider Länder.

Im Oktober 2011 fand in Anwesenheit des türkischen Staatspräsidenten, des Bundespräsidenten und hochrangiger Delegationen auf dem Universitätsgelände in Beykoz/Istanbul die feierliche Grundsteinlegung statt. Seitdem sind die Bauarbeiten in vollem Gange und werden voraussichtlich im nächsten Jahr abgeschlossen sein. Demnächst sollen dort 5000 Studierende erfolgreich studieren und über 1500 Wissenschaftler und Angestellte forschen, lehren und verwalten. Die TU Berlin ist federführend zuständig für die Unterstützung beim Aufbau der ingenieurwissenschaftlichen Fakultät der TDU, mit Studiengängen auf Bachelor- und Master-Ebene, PhD- und Austauschprogrammen. Erklärtes Ziel ist es, die TDU zu einer exzellenten Forschungsuniversität auszubauen, die in naher Zukunft zu den fünf besten Universitäten der Türkei gehören soll.

Schon einmal sind deutsche Wissenschaftler in die Türkei gegangen, allerdings unter sehr viel schwierigeren, ja lebensbedrohlichen Umständen. Über tausend gut ausgebildete Auswanderer fanden zwischen 1933 und 1945 nach einer ungewissen Reise in der Türkei Zuflucht vor dem Nationalsozialismus. Hunderte deutsche Wissenschaftler, Politiker und Künstler emigrierten damals auf Einladung der türkischen Regierung, um als Architekten, Mathematiker, Biologen, Juristen oder Musiker an der Modernisierung der türkischen Republik mitzuwirken. Sie waren den Behörden hochwillkommen. „Haymatloz“ (heimatlos) stempelten die türkischen Behörden den deutschsprachigen Flüchtlingen in ihre Pässe. Das Wort „haymatloz“ ging als eines der seltenen deutschen Lehnwörter in die türkische Sprache ein und ist bis heute gebräuchlich.

Die Emigration von Deutschen und Österreichern in die Türkei stellte einen glücklichen Ausnahmefall für beide Seiten dar. Einerseits konnten deutsche Wissenschaftler und Künstler nicht nur ihr Leben retten, sondern sogar einen ihrer bisherigen Tätigkeit und ihren Talenten entsprechenden Arbeitsplatz finden, andererseits wäre der beachtliche Aufschwung der türkischen Wissenschaft zweifellos nicht so rasch zu verwirklichen gewesen, wäre nicht eine so große Zahl angesehener Persönlichkeiten des deutschen wissenschaftlichen und kulturellen Lebens auf einen Schlag in die neu gegründete Republik Türkei gekommen und hätte sich voller Engagement an dem radikalen Reformkurs Kemal Atatürks beteiligt.

Zu diesen gehörte eine Reihe prominenter Namen, wie die Architekten Bruno Taut und Gustav Oelsner, beide Alumni der Technischen Hochschule Charlottenburg, ebenso der Wiener Clemens Holzmeister, der in Ankara das Parlamentsgebäude, Ministerien und Hochschulen entwarf und baute, der Jurist Ernst Eduard Hirsch, Verfasser des türkischen Handelsgesetzbuches und Begründer des Urheberrechts, später Rektor der Freien Universität Berlin, der Komponist Paul Hindemith, Gründer des Konservatoriums in Ankara, der Biophysiker und Radiologe Friedrich Dessauer, der neoliberale Ökonom Wilhelm Röpke, einer der geistigen Väter der sozialen Marktwirtschaft, der sein wichtigstes Werk „Die Lehre von der Wirtschaft“ an der Istanbuler Universität schrieb.

Die deutschen Wissenschaftler gründeten nicht nur Fakultäten und Bibliotheken, in vielen Disziplinen schufen sie auch die Grundlagen einer Fachliteratur modernen Stils. Dem Wirken dieser deutschen Experten ist es mit zu verdanken, dass die türkischen Hochschulen sich nicht nur von Grund auf reformieren konnten, sondern auch über eine beträchtliche Zahl gut ausgebildeter Hochschullehrer verfügten, die das Wissen und die Erfahrungen dieser „Elite-Emigranten“ weitergaben.

Christiane Petersen / Quelle: Hochschulzeitung "TU intern", 6/2012

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