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TU Berlin

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Internationales

Leserbrief: Doktoranden - Vorbild USA?

Dienstag, 07. April 2009

Zum Bericht "Blick in die USA. 'Graduate Schools' ein Modell für Deutschland?"

In der Ausgabe 12/2008 wurden in der Zeitung "TU intern" Ergebnisse einer Seminarreise beschrieben, welche zum Ziel hatte den Modellcharakter von amerikanischen "Graduate Schools" zu untersuchen. Es wurde dabei ein sehr vorteilhaftes Bild der sogennanten PhD-Programme, der zum Doktortitel führenden amerikanischen Ausbildung, gezeichnet. Der Bericht hebt weiter hervor dass eine solche Reise in die USA notwendig war, da "eines der größten Probleme der deutschen Ausbildung von Nachwuchswissenschaftlern … eine gegenüber den USA offenbar geringe Erfolgsquote in der Promotionsphase" sei.

In diesem Leserbrief möchte ich argumentieren, dass diese "Erfolgsquote" großmehrheitlich mit der Verschulung des Doktorandenstudiums beantwortet werden kann und wohl eher ein numerisch kalkulierter Erfolg von abgeschlossenen Dissertationen bemisst und weniger die Qualität der Dissertation selbst.

Werden an amerikanischen Universitäten höchsten wissenschaftlichen Anforderungen genügenden Dissertation verfasst? Sicherlich gibt es diese, aber aus Sicht eines an einer der besseren Architekturfakultäten in den USA Lehrenden argumentiere ich, dass die meisten verfassten und für ein Doktorat als würdig empfundenen Dissertationen in den USA betreffend ihrer "Wissenschaftlichkeit" denjenigen in deutschsprachigen Ländern verfassten Dissertationen nachhinken. Mit "Wissenschaftlichkeit" definiere ich den Anspruch, dass eine Dissertation nach disziplin-üblichen Methoden neues Wissen erschafft.

Meiner Meinung nach ist der Grund für das grundsätzlich eher schwache Niveau von amerikanischen Dissertationen ein Symptom, welches ich als die "Allgemeinheit des Doktorenstudiums in den USA" beschreiben möchte. Es wurde im oben zitierten Bereicht "Blick in die USA" festgehalten, dass bei einer "Entscheidung für die Promotion … zunächst übergreifende Kurse zur Vermittlung diverser Fähigkeiten für die Wissenschaftskarriere sowie fachspezifische Vertiefungen zu durchlaufen" sind. Das liest sich sehr schön. Aber um was handelt es sich denn bei diesen fähigkeitsvermittelnden Kursen sehr oft? Drei Beispiele: Ein typischer Fall für einen solchen Kurs in einem amerikanischen PhD-Programm ist ein elementarer Fremdsprachenkurs. Es ist also zu diesem späten Zeitpunkt im Leben eines Studenten, wenn zum ersten Mal überhaupt ein Effort gemacht wird, sich einer Fremdsprache anzunehmen. Man wird also dann dazu angehalten, doch bitte einmal etwas Französisch oder Deutsch zu lernen, damit man vielleicht fremdsprachig abgefasste wissenschaftliche Artikel lesen kann. Ein anderes Beispiel ist ein Elementarkurs in Statistik der in vielen PhD-Programmen als unabdinglich empfunden wird. Normalerweise wird da nichts betreffend Statistik behandelt, was in einem deutschsprachigen Land nicht bereits in einem Mathematikkurs auf Gymnasialstufe erlernt wurde. Ein weiteres Beispiel mag eine Einführung in die Philosophiegeschichte sein, da man der Philosophie sowohl auf High School-Ebene wie auch an der Universität bisher keinerlei Wichtigkeit abringen konnte. Dies sind drei Beispiele von Kursen die oft in PhD-Programmen zu finden sind, die doch eigentlich zu jeder einigermaßen durchschnittlichen Gymnasialausbildung in Deutschland, Österreich oder der Schweiz gehören. Auf dem Gebiet der ebenfalls angesprochenen "fachspezifischen Vertiefung" sieht es nicht viel besser aus. Die Erwartungen an einen Kandidaten, der sich im deutschsprachigen Raum für eine Dissertation befähigt versteht, sind kaum mit den Erwartungen an einen Doktoranden an den meisten amerikanischen Universitäten zu vergleichen. Also: Die Verschulung des amerikanischen Doktorenstudiums ist notwendig, da die gymnasiale Allgemeinausbildung und die Universitätsausbildung wenig allgemein und oft auch mangelhaft ist. Das heißt nicht, dass diese Studenten nicht fähig sind, irgendwann eine gute Dissertation zu verfassen, es heißt aber, dass diese Studenten mit Beginn des Doktorandenstudiums erst einmal vieles nachlernen müssen, um überhaupt irgendwie sinnvoll forschend arbeiten zu können.

Ein anderes Problem der amerikanischen Doktorenausbildung, welches ebenfalls unter "Allgemeinheit des Doktorenstudiums" behandelt werden muss, ist die Absenz der Erwartungshaltung eines klar definierten Dissertationsvorhabens zu Beginn des Doktorandenstudiums. Ich persönlich erhalte jedes Jahr mindestens ein Duzend Anfragen für Doktorenstudien in dem der jeweilige Kandidat kein auch nur rudimentär formuliertes Thema für die Dissertation beschreiben kann. Das wird auch von vielen Universitäten, bzw. Instituten, nicht erwartet. Wie bereits oben beschrieben, wird zuerst einmal zwei bis drei Jahre studiert, um sich dann im Verlaufe der Zeit für ein Thema zu entscheiden. Das ist eine sehr problematische Situation. Wie wählt der Doktorand den Dissertationsbetreuer, der/die ja ein/e ausgewiesene/r Spezialist/in in einem Themenfeld sein soll, aus? Nach zwei oder drei Jahren wechselt der Doktorand auch in den USA nicht die Universität, sondern bearbeitet dann entweder ein Thema welches vom Doktorvater zur Verfügung gestellt wird; oder der Doktorand entwickelt sein eigenes Thema, muss aber damit rechnen dass ihm/ihr dann nicht die richtige Unterstützung zur Verfügung steht, da an der betreffenden Universität oft nicht die genaue Expertise für das nun plötzlich gewählte Dissertationsthema gefunden werden kann. In beiden Szenarien führt dies zu Situationen, die dem rigorosen Nachgehen von Wissen nicht förderlich sind.

Es ist die Meinung, dass ein Doktorenstudium, bzw. das Verfassen einer Dissertation, jenes bleiben soll, was es ist: das Erschaffen und Herausarbeiten von neuem Wissen. Wenn Wissen wirklich neu sein soll (was ein hoher Anspruch ist), dann ist nicht damit zu rechnen dass dieses neue Wissen von Doktoranden, denen eine grundlegende Ausbildung fehlt, gefunden werden wird. Schlussendlich ist es genau jenes "vertikale Denken," im Bericht "Blick in die USA" als Schwäche der deutschen Ausbildung suggeriert, welches dem Ideal der Humboldtschen Universitätsidee (mit allem was es beinhaltet) zu einem weltweit durchschlagenden Erfolg verholfen hat. Es ist ja doch eher so, dass die Amerikaner genau dann erfolgreich sind, wenn diese genau jenes "vertikale Denken" anwenden und wie dies in einer handvoll von Spitzenuniversitäten auch sehr erfolgreich betrieben wird (MIT, Harvard, Yale, Princeton etc.). Das im Bericht "Blick auf die USA" angepriesene "laterale Denken" der Amerikaner ist - grob gesagt - für die Massenausbildung gedacht. Empfohlen kann dieses "laterale Denken" nicht werden, so lange es in der Doktorenausbildung darum gehen soll, unsere Lebensqualität auf höchstem Niveau weiter zu fördern.

Asst. Prof. Dr.-Ing. Markus Breitschmid, M.Arch., Dipl. Arch, S.I.A. / Quelle: "TU intern", 4/2009

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