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TU Berlin

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Innenansichten

Zurück in die Zukunft

Freitag, 17. Mai 2019

Seit knapp 20 Jahren baut die TU Berlin ­informationstechnische Strukturen in Afghanistan auf und bildet Informatiker*innen aus

Auf dem Dach der Informatik-Fakultät der Universität Kabul wird eine Internet-Antenne installiert
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Rund 6000 Studierende gab es nach dem Ende der Talibanherrschaft 2001 in ganz Afghanistan. Heute gibt es rund 178 Hochschulen, 38 öffentliche und 140 private, mit mehr als 280 000 Studierenden. Tausende haben bereits eine IT-Ausbildung an den Universitäten genossen und suchen neue Perspektiven für ihr krisengeschütteltes Land. Inzwischen gibt es 25 Millionen Mobilfunk-Nutzer, Facebook und Twitter sind rasant gewachsen.

2001 hatte die Bundesregierung auf der Petersberger Konferenz beschlossen, Afghanistan zu unterstützen. Als einer der Ersten reiste der gebürtige Afghane und TU-Informatiker Dr. Nazir Peroz mit Mitgliedern von Regierung und dem Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) in sein Heimatland, das er seit 20 Jahren nicht mehr gesehen hatte, und es bot sich ihm ein Bild des Grauens: „Das Land war vom Krieg gebeutelt, die Universitäten zerstört, es gab keinerlei Nachrichtenfluss, keine IT-Anbindung, die Menschen waren verzweifelt. Die herrschenden Taliban hatten jegliche höhere Bildung unterdrückt, Unterhaltung und moderne Technologie als ‚Teufelszeug‘ gebrandmarkt und verboten.“ Seitdem haben Nazir Peroz, Leiter des Zentrums für internationale und interkulturelle Kommunikation der TU Berlin (ZiiK), und sein Team aus Studierenden und wissenschaftlichen Mitarbeiter*innen, mit Unterstützung von Auswärtigem Amt und DAAD, später auch der Weltbank, dem Hochschulministerium in Kabul und der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH, den Aufbau von Informationstechnologie-Strukturen und -Ausbildungsmöglichkeiten in dem Land am Hindukusch angeschoben. Er ist überzeugt: „Zum Wiederaufbau und Anschluss an die moderne Welt braucht Afghanistan drei Dinge: Bildung, Bildung, Bildung.“

Das Programm, das am ZiiK der TU Berlin angesiedelt ist, heißt „Aufbau akademischer Strukturen im Bereich IT in Afghanistan“. Bislang konnten fünf Rechenzentren beziehungsweise IT-Center an den Universitäten Kabul, Herat, Balkh, Nangarhar und Kandahar aufgebaut werden. Sie dienen der Betreuung der IT-Infrastrukturen auf dem jeweiligen Campus sowie der Aus- und Weiterbildung, erklärt Nazir Peroz. An der Uni Kabul wurden so inzwischen mehr als 11 000 Universitätsangehörige ausgebildet.

„Arme Länder und Krisenländer benötigen nichts so dringend wie Engagement für Bildung der jungen Generation, die Digitalisierung bietet hierbei enorme Potenziale“, so Prof. Dr. Rita Süssmuth, ehemalige Bundestagspräsidentin, TU-Ehrensenatorin und Botschafterin für Digitalisierung des Einstein Center Digital Future in Berlin. Sie hielt die Eröffnungsrede, als am 14. Mai 2019 mit einem Festakt im Lichthof der TU Berlin im Beisein weiterer hoher deutscher und afghanischer Würdenträger auf fast 20 Jahre ZiiK zurückgeblickt wurde. Rita Süssmuth unterstützt das Projekt bereits seit Jahren. Dabei waren auch viele Studierende und Alumni des zweijährigen Masterprogramms für afghanische Dozent*innen an der TU Berlin, eines wesentlichen Bestandteils des Afghanistan-Projekts.

Der Kommunikationswissenschaftler Daniel Tippmann ist der Projektkoordinator an der TU Berlin und hat sich darauf spezialisiert, Techniker und System-Administratoren sowohl auf der berufsbildenden als auch auf der akademischen Ebene auszubilden.

„Wir arbeiten auch in afrikanischen und anderen asiatischen Ländern“, erklärt er, „ein großer Schwerpunkt liegt aber auf dem Afghanistan-Projekt. Als wir damals in Kabul ankamen, lag alles in Schutt und Asche. Wir mussten quasi bei null anfangen – mit dem Aufbau des ersten IT-Zentrums an der Universität Kabul.“ Später folgte das Masterprogramm an der TU Berlin, eine akademische Ausbildung nach deutschem Standard. Derzeit wird hier bereits die fünfte Generation derer ausgebildet, die später – vertraglich vereinbart – als Botschafter von Bildung und Frieden in ihre Heimat zurückkehren sollen.

Nazir Peroz wurde als „Vater der IT“ in Afghanistan vielfach geehrt und ist Ehrenprofessor in Herat. Ende 2016 erhielt er von Staatspräsident Dr. ­Aschraf Ghani die Sayed-Dschamal-ad-Din-Afghani-Medaille, die höchste akademische Auszeichnung des Landes. Aber auch bei der TU Berlin bedankte sich Afghanistan anlässlich der Unterzeichnung eines Memorandum of Unterstanding zur Weiterführung des Programms bereits mit einer offiziellen Anerkennungs- und Dankesurkunde.

In der Zukunft wird das ZiiK vor allem an der Umsetzung der „Nationalen IT-Strategie für Afghanistan“ arbeiten und an der Ausarbeitung eines „Nationalen Strategie-Plans für IT-Sicherheit in Afghanistan“, dessen Entwurf dem Staatspräsidenten bereits vorliegt. Fragt man Nazir Peroz nach der Quelle seines Engagements, antwortet er gern mit dem berühmten Zitat John F. Kennedys: „Frag nicht, was dein Land für dich tun kann, sondern was du für dein Land tun kannst.“

Patricia Pätzold, "TU intern" Mai 2019

Zwei von 25

Khalid Siddiqi und Azita Azimi absolvieren das IT-Masterprogramm am ZiiK.

Khalid Siddiqi, 25
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Ich habe meinen Bachelor von der Kabul Polytechnic University. Danach arbeitete ich im IT Competence Center of Afghanistan, das von der TU Berlin unterstützt wird. Ich war glücklich, am Auswahlverfahren für den zweijährigen IT-Master in Berlin teilnehmen zu können. Anschließend möchte ich als IT-Netzwerk-Spezialist in Afghanistan arbeiten. Meine Eltern waren sehr stolz, denn die akademische Ausbildung genießt in meiner Heimat höchstes Ansehen. Das ZiiK-Team hat mich sehr unterstützt, zum Beispiel bei der Wohnungssuche. Freunde außerhalb unserer Gruppe zu finden ist allerdings nicht leicht. Doch es ist für mich eine große Chance, hier zu sein – und mein großes Ziel ist es, als IT-Lehrer in meine Heimat zurückzukehren.

Azita Azimi, 24
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Ich habe an der Universität Herat in Afghanistan meinen Bachelor gemacht und danach an der IT-Fakultät als Lecturer gearbeitet. Ich unterstützte natürlich alle Studierenden dort, aber am meisten liegen mir die Mädchen am Herzen. Denn überall in Afghanistan sind sie zu still und unterwürfig. Das nimmt ihnen viele Chancen. Und so versuche ich, sie durch Bildung, besonders in der Computer-Branche, selbstbewusst zu machen. Ich persönlich hatte das große Glück, dass meine Familie und auch meine Lehrer mich sehr zum Studium ermutigt haben. Glücklicherweise hat sich das Leben in Afghanistan, insbesondere für Frauen, sehr zum Besseren gewandelt. Auf dem Lande ist zwar noch viel Aufklärung nötig, aber in den großen Städten können Frauen heute leichter studieren und arbeiten. Nach meiner Rückkehr werde ich wieder als Dozentin an der Universität arbeiten und versuchen, so viele Mädchen wie möglich zu ermutigen, diesen Weg zu gehen.

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Immer unterwegs

Dr. Nazir Peroz (r.) in Mazar-e-Sharif
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Etwa dreimal im Jahr reist Dr. Nazir Pe­roz nach Afghanistan, um die Projekte dort zu überwachen, Gespräche zu führen, Informationen einzuholen. Sein großes Ziel sind Frieden für das Land und eine gute Ausbildung für die Menschen, denn er weiß: „Diejenigen, die sich in die Luft sprengen, wissen nicht, was sie tun. Sie werden gesteuert von bestimmten Gruppen und Personen mit bestimmten Zielen. Ich bin sicher: Wenn die junge Generation eine Perspektive hat, haben die Ideologen keine Chance.“ Für diese Perspektive arbeitet er, mit vielfältiger Unterstützung. Wenn die neue, gut gebildete Generation herangewachsen sei, werde das Land automatisch modernisiert. Eine große Hoffnung liegt für ihn auch auf dem von der UNESCO und der NATO durchgeführten SILK-Afghanistan Project, „der virtuellen Seidenstraße“, die High-Speed- Internetverbindungen zwischen Ausbildungs- und Forschungseinrichtungen quer durch das Land ausbaut und derzeit bereits 18 Universitäten miteinander verbindet. Peroz ist überzeugt: „Eine vernetzte Welt bringt Frieden – auch für Afghanistan.“

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Wie alles begann - Hoffnungen für die Zukunft

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Impressionen vom Festakt 14. Mai 2019

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