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Innenansichten

„Wir werden Druck ausüben“

TU-Präsident Prof. Dr. Christian Thomsen zur Open-Access-Strategie der TU Berlin

Prof. Dr. Christian Thomsen
Lupe

Herr Präsident, im August 2016 haben Sie die „Berliner Erklärung über den offenen Zugang zu wissenschaftlichem Wissen“ unterzeichnet. Damit bestätigt die TU Berlin „Open Access“ als strategisches Ziel der Universität. Warum ist das Thema „Open Access“ so wichtig?
Open Access ist für die Gesellschaft wichtig. Denn die Ergebnisse, die in öffentlichen Einrichtungen erzielt werden und die auch vielfach mit öffentlichen Geldern finanziert werden – Geld vom Land, vom Bund, von der Deutschen Forschungsgemeinschaft –, gehören nach meinem Verständnis der Gesellschaft.

Die Verlage haben ja durchaus Publikationskosten …
Auch Open Access ist keineswegs umsonst, die bewegten Geldmengen werden nur verlagert. Die Finanzierungsbasis ist eine andere, wenn die Open-Access-Kosten beispielsweise bei der Projektfinanzierung gleich mit eingestellt werden. Darüber hinaus aber nutzen die Verlage beim derzeitigen Modell ihre monopolistische Stellung aus und genießen durch die Subskriptionskosten Gewinnmargen von 40 Prozent und mehr. Eine sehr wichtige Funktion der Verlage ist allerdings die Organisation der Qualitätssicherung – zum Beispiel durch Gutachten, Peer Reviews. Die Qualität, also die gute wissenschaftliche Praxis, muss selbstverständlich auch durch Open-Access-Journale sichergestellt werden, was einen Teil der Kosten verursacht.

Der Berliner Senat hat 2015 beschlossen, die Open-Access-Strategie für die wissenschaftlichen Einrichtungen verstärkt umzusetzen. Was hat Berlin konkret davon?
Es hat eine große Sogwirkung, wenn man Berlin damit assoziiert, dass die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Berlin nicht nur aktiv und erfolgreich sind, sondern dass all ihre Forschungspublikationen frei zur Verfügung stehen. Das stärkt die Sichtbarkeit und auch den Wert des Wissenschaftsstandorts Berlin.

Bis 2020 sollen laut Open-Access-Strategie des Senats mindestens 60 Prozent der Aufsätze in wissenschaftlichen Zeitschriften aus Berliner Wissenschaftseinrichtungen frei zugänglich sein. Was muss die TU Berlin dafür tun?
Die Widerstände sind hoch, aus den genannten Gründen. Wir müssen also Hürden abbauen, auch bei den Wissenschaftlern selbst, die, abhängig vom Fach und von den Zeitschriften, in denen sie publizieren, auch Sorge um ihr Renommee haben oder sich sorgen, gegebenenfalls von ihrer fachlichen Community abgeschnitten zu werden. In den nächsten Monaten werden wir dazu einen Diskussionsprozess in der Universität anstoßen. Wir müssen also auf beiden Seiten werben. Gerade bei den Verlagen ist das natürlich keine leichte Aufgabe, sie zur Umstellung ihrer Geschäftsmodelle zu bewegen. Aber ich glaube, es gibt dafür Lösungen. Sicher müssen wir auch Druck ausüben.

Haben die Universitäten denn Mittel, um effektiv Druck auf die Verlage auszuüben?
Eins ist klar: Wir müssen diesen Druck ausüben, um unsere Aufgaben in Lehre und Forschung und unsere Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft verantwortlich wahrnehmen zu können. Derzeit binden die Ausgaben für die drei großen Verlage Elsevier, Wiley und Springer Nature bereits rund 60 Prozent des Erwerbungsbudgets der Bibliotheken – auch bei uns. Und wir sind durchaus stark, vor allem im Verbund. Die Allianz der deutschen Wissenschaftsorganisationen hat 2014 das Projekt DEAL initiiert. Ziel ist der Abschluss bundesweiter Lizenzverträge für das gesamte elektronische Zeitschriftenportfolio der großen Wissenschaftsverlage. Mehrere Hundert Universitäten, Hochschulen und Forschungseinrichtungen haben sich bereits für einen solchen Abschluss und für die Unterstützung der Verhandlungen ausgesprochen, auch die TU Berlin. Und mehr noch: Im Oktober 2016 haben, nach einem Aufruf der Hochschulrektorenkonferenz, bereits 60 Wissenschaftseinrichtungen ihre Verträge mit Elsevier zu Ende 2016 gekündigt. Die TU Berlin erwägt, den Vertrag mit Elsevier zu Ende 2017 ebenfalls zu kündigen. Das wird die Position der Verhandlungsführer weiter stärken. Ich werde außerdem die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unserer Universität, die als Mitglied im Editorial Board einer Elsevier-Zeitschrift, als Gutachter oder ähnlich, tätig sind, um Unterstützung bitten; zum Beispiel, indem sie androhen, ihre Tätigkeit niederzulegen, wie es bereits Tausende Forschende in Finnland und anderen europäischen Ländern vorgemacht haben, falls der Verlag in den Verhandlungen kein Entgegenkommen zeigt. Das letzte Angebot, das im November vorgelegt wurde, war weit entfernt von einer fairen Preisgestaltung. Noch vor Frühjahrsbeginn soll nun weiterverhandelt werden.

Ein Kampf mit harten Bandagen also?
Leider ja. Es geht ja auch um viel. Für beide Seiten. Nur, um einmal eine Zahl zu nennen: Die HRK schätzt, dass durch die bisherigen Kündigungen für den Verlag ein Umsatzverlust im sechsstelligen Bereich entsteht – pro Woche! Dennoch sitzen alle noch am Verhandlungstisch und wir hoffen, dass es absehbar zu einem fairen Vertragsabschluss kommt.

Vielen Dank!

Das Gespräch führte Patricia Pätzold

www.projekt-deal.de
https://openaccess.mpg.de/Berliner-Erklaerung

Patricia Pätzold, "TU intern" 17. Februar 2017

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