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TU Berlin

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Innenansichten

Für die Warheit ist es nie zu spät

Freitag, 26. Juli 2013

Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens begrüßen die Initiative der TU Berlin zur Aufarbeitung des NS-Unrechts in der Hochschule

TU-Präsident Jörg Steinbach bei seiner Rede im Lichthof am 10. Juli
Lupe

„Trotz ihrer langen humanistischen, pluralistischen Tradition hat die Technische Hochschule, deren Nachfolgerin die TU Berlin ist, doch in wesentlichem Maße Schuld auf sich geladen“, sagte TU-Präsident Jörg Steinbach vor 200 Gästen bei der Vorstellung des Forschungsprojektes und des daraus entstandenen Buches über Diskriminierung, Ausgrenzung und Vertreibung an der TH Berlin in der NS-Zeit.

„Wie sensibel und schützenswert die demokratischen Werte sind, zeigt die Geschichte. Deshalb hat dieses Projekt einen sehr hohen Stellenwert für die Universität“, so Jörg Steinbach weiter. Er bedankte sich auch bei denjenigen Persönlichkeiten, die das Projekt unterstützten: Dr. Barbara John, Ombudsfrau der Bundesregierung für die Hinterbliebenen der NSU-Opfer, Dr. Edzard Reuter, Dr. Martin Salm von der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung, Zukunft“, Staatssekretär André Schmitz von der Berliner Senatskanzlei, Prof. Dr. Wolfgang Benz und Prof. Dr. Stefanie Schüler-Springorum vom Zentrum für Antisemitismusforschung, Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Günter Spur, der selbst auch über das dunkelste Kapitel der Hochschule publiziert, und besonders bei dem Initiator des Projektes, Alt-Präsident Prof. Dr. Dr. h.c. Kurt Kutzler. Er hatte es 2009 ins Leben gerufen und gefördert, nachdem Dimitri Stein im November 2008 mit 88 Jahren an seine Alma Mater zurückgekehrt war, um zu beenden, was ihm 1943 als „Mischling“ verwehrt wurde: der Abschluss seines Promotionsverfahren. Im Publikum waren auch die Familien Ziemek und Huckauf, die Dr. Stein tatkräftig unterstützt hatten.

Außerdem sprachen der Präsident der Gesellschaft von Freunden der TU Berlin, Manfred Gentz, Staatssekretär Knut Nevermann und Kultur-und-Technik-Studentin Filiz Dagci (v.o.n.u.)
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Anschließend ergriff Dr. Manfred Gentz das Wort. Und das nicht nur in seiner Eigenschaft als Präsident der Gesellschaft von Freunden der TU Berlin, sondern auch als jemand, der sich schon lange in diesem Thema engagiert. Er war unter anderem von 2000 bis 2008 Mitglied des Kuratoriums der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ und hatte als Mitgründer und Vorsitzender der Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft das internationale Abkommen, das einerseits humanitäre Hilfe für ehemalige NS-Opfer und andererseits Rechtsfrieden für deutsche Unternehmen erzielt hat, mitinitiiert und begleitet.

Überall habe die Aufarbeitung des nationalsozialistischen Unrechts in Deutschland in den verschiedenen Bereichen zu sehr unterschiedlichen Zeiten begonnen, so Manfred Gentz, überall aber erst Jahrzehnte nach dem Krieg – sei es in Wirtschaftsunternehmen, in Behörden, Kirchen oder auch in Universitäten. „Warum sollte eine Gesellschaft bereit sein und sich verpflichtet fühlen, nationalsozialistisches Unrecht aufzuarbeiten?“, fragte er. Natürlich aus Respekt vor den Opfern, aber auch, um zu verstehen, dass es staatlich organisiertes beziehungsweise legitimiertes Unrecht gibt, dass Verbände, Kirchen, Wirtschaftsunternehmen, Verlage, Behörden bis hin zur Justiz als Institutionen verstrickt waren und moralisch mitverantwortlich sind. Das gelte auch und gerade für Universitäten, die ja eigentlich der „Wahrheit“ verpflichtet sein sollten.

„Vor allem aber kann man aus der Rückbesinnung lernen, wie man sich gegenüber solchen Tendenzen und Verführungen wappnen kann. Demokratien leben von bürgerlichen Freiheitsrechten, die gleichzeitig mit Verantwortung verbunden sind. Geringschätzung von Freiheit und mangelnder Verteidigungswille gefährden Demokratien und können leicht zu Diktaturen führen“, so Manfred Gentz weiter. Und gerade die Universitäten, die junge, qualifizierte Menschen ausbilden, hätten die besondere Verantwortung, diese Zusammenhänge deutlich zu machen. „Die Universitäten in Deutschland sind insgesamt dieser Verantwortung während der NS-Zeit nicht gerecht geworden“, so Gentz. „Sie haben sich teilweise selbst sehr schnell ,gleichgeschaltet‘. Es gibt allerdings in allen Universitäten rühmliche Ausnahmen von Menschen, die sich nicht haben verführen lassen und Opfer oder potenzielle Opfer zu schützen versuchten. So auch an der Technischen Hochschule Berlin.“ Mehrere Kapitel in dem Buch, darauf wies Carina Baganz in ihrem Festvortrag später nochmals hin, beschäftigen sich mit diesem Aspekt der TH-Geschichte, zum Beispiel „Max Volmer – ein ,stiller Held“.

Die vorgelegte umfassende Untersuchung, so Manfred Gentz zum Abschluss seines Vortrages, komme spät, doch dafür sei es – wie bei allen derartigen Arbeiten – nie zu spät. Und Carina Baganz’ Buch sei eine zwar sehr breit angelegte, jedoch keine abschließende Darstellung der Technischen Hochschule während der NS-Zeit. Immer wieder würden neue Fakten gefunden werden. „Umso mehr sollten wir dem früheren Präsidenten Professor Kurt Kutzler für den Auftrag und dem heutigen Präsidium der TU Berlin für die Unterstützung dieser wichtigen Arbeit dankbar sein.“

Die Grüße des Regierenden Bürgermeisters überbrachte Staatssekretär Dr. Knut Nevermann. Die aktuellen Bemühungen der TU Berlin um die Aufarbeitung ihrer Geschichte seien so lobenswert wie wichtig. Mit ihrem Zentrum für Antisemitismusforschung verfüge die Universität über eine hoch renommierte Forschungseinrichtung, welche für eine solche Aufgabe nicht besser geeignet sein könne.

„Das Forschungsprojekt ,Vertriebene Wissenschaften‘ dient hoffentlich auch anderen Institutionen als Inspiration und Wegweiser, wie ein solcher Prozess vorbildlich bewältigt werden kann“, so Nevermann. Die Gründlichkeit und Detailliertheit sei beeindruckend und bewegend. Schonungslos beschreibe Carina Baganz die perfide Ausgrenzungspolitik, die nach der Machtergreifung der NSDAP und der darauffolgenden Gleichschaltung des Bildungswesens zur schrittweisen Entfernung jüdischer und politisch andersdenkender Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und Studierender von der Technischen Hochschule Berlin geführt habe, eine Politik, die von Staatsorganen wie Hochschulleitung gleichermaßen betrieben worden sei. „Der Einzug der nationalsozialistischen Ideologie in die Universitäten und Hochschulen des Landes, der manchmal unter Zwang, jedoch oft auch vorauseilend erfolgte, ist das wohl dunkelste Kapitel der deutschen Wissenschaftsgeschichte.“ Erschreckend und traurig zugleich sei die Zahl derjenigen, die sich in den Dienst dieses menschenverachtenden Systems gestellt hätten. Doch auch wenn viele der Verantwortlichen nie oder nur unzulänglich zur Rechenschaft gezogen worden seien, so zeige ein Fall wie der von Dr. Dimitri Stein, dem nach 65 Jahren die ihm zustehende Doktorwürde von der TU Berlin verliehen werden konnte und dessen Geschichte letztendlich zum Anlass für das Projekt wurde („TU intern“ 2/2009), dass es nie zu spät für den Versuch einer Wiedergutmachung sei.

„Als die Berliner Universität mit dem höchsten Anteil an Studentinnen und Studenten aus dem Ausland kann ich guten Gewissens feststellen, dass die TU Berlin, auch wenn sie sich von ihrer historischen Last nicht befreien kann, mit ihr in einer höchst verantwortungsvollen Weise umgeht. Die Tatsache, dass die Universitätsleitung in solch vollem Umfang hinter diesem Projekt steht, zeugt davon, dass auch heute und in Zukunft Geschichtsaufarbeitung professionell und effektiv betrieben werden kann“, sagte Knut Nevermann, und weiter: „Wie so oft sind auch in dieser Sache vielerorts negative Stimmen zu vernehmen; von denen, die sagen, es möge doch nun einmal gut sein, bis zu denen, die meinen, es handle sich um einen Fall von ,too little, too late‘. Ich meine, wir sollten diese Kritik zurückweisen und stattdessen eine solche Entwicklung hin zur Aufarbeitung der Geschichte als Gesellschaft begrüßen.“ Je mehr Universitäten, Ministerien und Konzerne ihre Geschichte von Historikern unabhängig und gründlich aufarbeiten ließen, desto stärker gehe die Gesellschaft daraus hervor. „Die Wahrheit wird immer ihren Weg ans Tageslicht finden, unser Bestreben sollte es sein, ihr nach unseren besten Möglichkeiten dabei zu helfen.“

„Was hat das mit uns zu tun?“, fragte schließlich Filiz Dagci, Studentin der Kultur und Technik an der Fakultät I Geisteswissenschaften, als Vertreterin der „jungen Generation“. Und sie fand viele Antworten: Diskriminierung aufgrund von Herkunft spiele tatsächlich noch fast überall eine Rolle in unserer Gesellschaft, das erlebe sie selbst in ihrem Alltag. Obwohl als Deutsche mit deutscher Muttersprache und mit deutscher Identität erzogen, werde sie häufig wegen ihres „exotischen“ Namens nach ihrer „eigentlichen“ Herkunft gefragt. Vertreibung, Verfolgung und Hinrichtung, Zwangsarbeit vor aller Augen und öffentliche Demütigung fielen nicht ohne Weiteres aus heiterem Himmel auf eine gerechte Gesellschaft herunter. Vertreibung, wovon Carina Baganz’ Buch handele, stehe erst am Ende einer Kette von Handlungen, deren erstes Glied – die Diskriminierung – auch heute noch wesensbestimmender Bestandteil unserer Gesellschaft sei, so ihre Beobachtung.

„Ich spreche nicht von offen rassistisch motivierter Gewalt, sondern von der alltäglichen, oft unbewussten Ausgrenzung – verpackt in interessierten Nachfragen zur Herkunft, zur sexuellen Orientierung und zu körperlichen Beeinträchtigungen“, so Filiz Dagci. „Jede und jeder kann – ob willentlich oder nicht – Menschen auf verschiedene Arten ausgrenzen.“ Die Situation damals könne man nicht ohne Weiteres mit dem Heute vergleichen, doch: „Uns scheinen die Ereignisse der Vergangenheit in weiter Ferne zu stehen. Die Aufarbeitung überlassen wir vielleicht sogar sehr gerne einem wichtigen und guten Forschungsprojekt wie diesem. Wir Studierende können uns aber nicht auf dem Gedanken ausruhen, stets auf fast schon natürliche Weise die progressive Kraft einer Universität zu sein. Jugendlichkeit und Internetkompetenz macht uns nicht per se zu einer gerechten Gemeinschaft, die sich stets für die Interessen der Schwächeren einsetzt.“

Einen Rückblick auf die Veranstaltung mit Fotos, Texten und dem Filmmitschnitt finden Sie unter:
www.tu-berlin.de/?id=136376

Patricia Pätzold / Quelle: Hochschulzeitung "TU intern", 7/2013

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