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TU Berlin

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Architekturgeschichte

Wie baut man eine technische Hochschule?

Freitag, 13. Juli 2012

Gottfried Semper gab die erste Antwort mit der Züricher Hochschule. Sie wurde zum Stil-Archetypus im 19. Jahrhundert

Die imposante Zweiflügelfassade mit Mittelrisalit und dahinterliegenden Innenhöfen der Züricher Universität wurde zum europäischen Vorbild
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Das 19. Jahrhundert war das letzte Säkulum, in dem Hochschulen als Einheit von Repräsentation und Lehre errichtet wurden. Wie also baute man eine Universität, ein Polytechnikum? Als 1810 die neu gegründete Berliner Universität im Prinz-Heinrich-Palais am Forum Fridericianum eine Heimstatt fand, war das eine Verlegenheitslösung. Preußen war nach der Niederlage gegen Napoleon am Staatsbankrott vorbeigeschrammt. Es gab kein Geld für Neubauten, das Palais stand seit dem Tod des Prinzen leer und suchte eine angemessene Nutzung. So übereignete der preußische Fiskus Eigentumsrecht und Sanierungskosten der jungen Universität.

Während einer Rundreise des zaristischen Baumeisters Wirrich zu europäischen Hochschulen fand dieser die Vorbilder für die Polytechnische Hochschule „Peter der Große“ in St. Petersburg (oberes Bild). Ähnlichkeiten zu diesem Stil zeigt auch die einige Jahr
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Den ersten genuinen Hochschulbau in Spree-Athen schuf 1836 Karl Friedrich Schinkel mit der Bauakademie am Werderschen Markt. Sie galt noch als Schule, nicht als „universitas“. Es war Gottfried Semper, der die Frage stellte: Wie baut man ein Polytechnikum? Die Antwort war das Gebäude der Züricher Hochschule. Es wurde der Archetypus für den Hochschulbau im 19. Jahrhundert. Schon in seiner Dresdner Zeit reflektierte Semper über moderne Universitätsbauweise und vertiefte sich in zwei Traditionslinien. Da gab es die mittelalterliche Klosterarchitektur und die Hochschulbauten der Renaissance – das Collegio di Spaga in Bologna (1365) von Matteo Gattapone und den römischen Palazzo la Sapienza (1575) des Giacomo della Porta. Deren Arkadeninnenhöfe finden sich – vielfältig variiert – in den europäischen Hochschulen wieder. Zugleich war Semper der Auffassung, dass Orte des polytechnischen Wissens als „Paläste des Geistes“ auffallen sollten. Mit seinem Schweizer Kollegen Jakob Burckhardt, Buchautor von „Kultur der Renaissance in Italien“, teilte Semper die These, dass jene Periode auch kultur- und stilbildend für das moderne bürgerliche Zeitalter wirken müsse. Das Züricher Polytechnikum wurde 1858 bis 1864 errichtet. Es ist ein monumentaler Vierflügelbau von 125 mal 75 Metern und mit zwei Innenhöfen, einem repräsentativen Eingangsrisalit, einem festlichen Vestibül und langen Wandelgängen. Die Züricher, als Calvinisten eigentlich eher das Einfache und Ornamentlose liebend, waren von Sempers Bau begeistert. Sie liebten ihn als ihr „Bildungshaus“ in Konkurrenz zum Bundeshaus in Bern.

Etwas mehr als ein Jahrzehnt später erhielt, nach langem Streit, auch Berlin ein Polytechnikum. Im März 1876 beschloss das preußische Parlament die Vereinigung von Bau- und Gewerbeakademie sowie die Errichtung eines repräsentativen Hochschulgebäudes. Mit der Bauplanung wurde Richard Lucae beauftragt. Dieser war – wie Semper – glühender Verfechter des Renaissance-Baustils. Als der Standort der Hochschule am Charlottenburger Knie feststand, präzisierte Lucae im März 1877 seine Entwürfe. Von Semper übernahm er die Idee des geschlossenen Vierflügelbaus, die Innenhöfe, den repräsentativen Hochrenaissance-Stil, die Arkaden des Lichthofes und vieles mehr. Allerdings maß der Grundriss des Berliner Technikums 228 x 90 Meter. Damit war es der damals größte nichtsakrale Bau Preußens. Unerwartet starb Lucae im November 1877. Der Architekt Friedrich Hitzig übernahm Projektplanung und Bauausführung. Konzeptionell änderte er die Breite des nördlichen Mittelrisalits und wählte Kolonnaden- statt Arkadenform. Hitzig starb 1881, als der Rohbau fertiggestellt war. Julius Raschdorff vollendete das Hauptgebäude mit einigen Nebenbauten im Jahre 1884. Am 2. 11. 1884 fand die feierliche Einweihung des neuen „Palastes der Technik“ statt. Bald galt dieser Monumentalbau als architektonisches Vorbild – vor allem für russische Baumeister, was bisher wenig bekannt ist.

Im Zarenreich plante der Eisenbahnmanager und Finanzminister Sergej Witte, der liberale „Diktator des jungen russischen Kapitalismus“ (Essad Bey) eine technische Modernisierung. Dafür sollten in Russland viel mehr Ingenieure und Naturwissenschaftler ausgebildet werden. Für dieses Ziel initiierte Witte 1899 den Bau der Staatlichen Polytechnischen Hochschule „Peter der Große“ in St. Petersburg. Zum ersten Direktor wurde 1900 Fürst Andrej Gagarin ernannt. Die Bauplanung ging an Ernst-Friedrich Wirrich. Der Fürst und Wirrich unternahmen eine Dienstreise durch Europa und informierten sich über 36 Hochschulen in England, Frankreich, Österreich-Ungarn, Deutschland und der Schweiz. Bis 1905 erbaute Wirrich das gigantische Hochschulgebäude im Stil des russischen petrinisch-barocken Klassizismus. Was Fassadengliederung und Mittelrisalit betrifft, weisen sie Ähnlichkeiten mit der Berliner TH auf. Diese traditionsreiche Petersburger Hochschule, die heute Universitätsstatus hat und Kontakte zur TU Berlin pflegt, brachte berühmte Nobelpreisträger, Naturwissenschaftler und Techniker hervor – wie zum Beispiel den Kernphysiker Igor Kurtschatow, den Flugzeugkonstrukteur Oleg Antonow, die Nobelpreisträger Schores Alfjorow und Pjotr Kapiza (Physik) sowie Nikolai Semjanow (Chemie).

Für die russische Volkswirtschaft waren sichere, gut funktionierende Eisenbahnlinien von essenzieller Bedeutung. Durch einen Ukas Nikolais II. wurde 1896 die Eisenbahnhochschule in Moskau gegründet. Der Lehrbetrieb am MIIT begann 1897 mit 63 Studenten in einem Haus in der Twerskaja, unweit des Kremls. 1898 zog die Hochschule in das heutige Hauptgebäude in der Bachmetjevskaja-Straße um. Der Architekt hatte übrigens deutsche Wurzeln: Wilhelm Eduard Maximilian Karl Höppener (russisch Maxim Geppener, 1848–1924). Dieser dreistöckige Flügelbau weist ebenfalls einige visuelle Ähnlichkeiten mit dem Berliner Vorbild auf.

Die Technische Hochschule Charlottenburg (Bild links, heute TU Berlin, die Fassade des Hauptgebäudes ist nicht erhalten) wurde kurz nach dem Züricher Polytechnikum von mehreren Architekten errichtet und übertraf dieses an Größe. Stilbildend war auch das F
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Vier Verwandte

Polytechnikum Zürich, gegründet 1855, heute: Teil der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) und der Universität Zürich. Architekt: Gottfried Semper (1803–1879), der seit 1855 Leiter der Bauschule am Polytechnikum Zürich war. Bauzeit: 1858–1864

Technische Hochschule Berlin, gegründet 1879 durch Zusammenschluss von Bau- und Gewerbeakademie. Architekten: Richard Lucae (1829–1877), seit 1873 Direktor der Bauakademie, Friedrich Hitzig (1811–1881), Privatarchitekt, und Julius Raschdorff (1823–1914), seit 1879 Architektur-Professor an der TH Berlin. Bauzeit: 1878–1884

Staatliche Polytechnische Universität „Peter der Große“ in St. Petersburg, gegründet 1899, heute Universitätsstatus. Architekt: Ernst-Friedrich F. Willich (1860–1949?), seit 1920 in den USA lebend. Bauzeit: 1900–1905

Eisenbahnhochschule Moskau, gegründet 1896, heute: MIIT – Moskauer Institut für Transport-Ingenieure, seit 1993 Universitätsstatus. Architekt: Wilhelm Eduard Maximilian Karl Höppener (russisch Maxim Geppener). Bauzeit: Bauabschluss 1898

Hans Christian Förster / Quelle: Hochschulzeitung "TU intern", 7/2012

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