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Ungeliebte Hightech-Architektur

Freitag, 11. Mai 2012

Eine Zukunft für die Vergangenheit – Annäherung an die jüngere Baugeschichte

Das Internationale Congress Centrum Berlin steht in einer Reihe mit dem Centre Pompidou in Paris, Lloyds in London oder dem Universitätsklinikum in Aachen, die längst Denkmalstatus haben
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von Kerstin Wittmann-Englert

"Die Berliner haben genügend Zeit, sich mit ihrem Kongresszentrum zu befreunden!“ Mit diesem Satz schloss Walter Scheel als Bundespräsident seine Rede zur Eröffnung des Internationalen Congress Centrums (ICC) am 2. April 1979. Blickt man auf die heutigen Diskussionen um das ICC Berlin, so scheinen etliche Berliner immer noch keine rechte Freundschaft mit dem Bau geschlossen zu haben. Denn das technoid-futuristisch anmutende ICC zwischen Autobahn und Messehallen war und ist massiven – wenn auch bislang nur verbalen – Angriffen ausgesetzt. Dabei wird von den Befürwortern des Abrisses ignoriert, dass es sich um ein qualitätsvolles baukulturelles Zeugnis der sogenannten Hightech-Architektur handelt: beachtenswert in seiner Materialität, Konstruktion, technisch inspirierten Gestalt und nicht zuletzt in seinem authentischen Erhaltungszustand.

Das ICC Berlin ist ein in Ästhetik und Funktion gleichermaßen programmatisches Bauwerk. Und eines, hinter dem inzwischen auch der Senator für Stadtentwicklung und Umwelt, Michael Müller, steht, wie seine jüngeren Aussagen der Presse gegenüber erkennen lassen. Auch der Koalitionsvertrag zwischen SPD und CDU vom November 2011 spricht sich für die Sanierung und Weiternutzung des ICC als Kongresszentrum aus. Das hat vor allem praktische Gründe, da das Haus bestens ausgelastet ist und die Kapazitäten des ICC gebraucht werden. Doch das ist nicht der einzige Vorzug dieses Hauses – angesichts der noch ausstehenden Wertschätzung der 60er- und 70er-Jahre-Architektur: Das ICC Berlin bildet mit seiner Hightech-Architektur ein markantes, in seiner Zeit bewusst platziertes Zeichen des Fortschritts, der Modernisierung und Internationalisierung, und es hat architektonisch und städtebaulich Stadtgeschichte geschrieben. Dieser Berliner Großbau steht in einer Reihe mit dem Centre Pompidou in Paris (1971–77), Lloyds in London (1978–86) oder dem Universitätsklinikum in Aachen (1971–85), die entweder längst einen Denkmalstatus erreicht haben oder – wie im Fall des Centre Pompidou – als nationales Kulturgut unangefochten akzeptiert sind.

Die Vergangenheit als Dimension der Zukunft

Nach seiner Wahl zum Vorsitzenden des Deutschen Werkbundes 1973 sprach sich der Architekturhistoriker Julius Posener dafür aus, die Vergangenheit als Dimension der Zukunft zu thematisieren. Ein Gedanke, der auf unterschiedliche Weise architektonisch interpretierbar ist, wie die Rekonstruktionen heutiger Zeit europaweit zeigen, die für die Zukunft keine andere Idee als die Reproduktion der Vergangenheit bieten. Die Geschichte, die heute vielerorts baulich neu entsteht, entspricht den im aktuellen Schönheits- und Wertekanon unangefochtenen historischen Schichten. Zu diesen zählen Barock, Klassizismus, der Historismus des späten 19. Jahrhunderts und in manchen Fällen auch die klassische Moderne, nicht aber die Bauwerke der sogenannten Nachkriegsmoderne, die ab den 1950er-Jahren entstanden. Diese sind häufig noch nicht in ihrer historischen Dimension akzeptiert und werden, insbesondere jene der späten 60er- und 70er-Jahre, häufig als „hässliche Neubauten“ abgelehnt und nicht als historisch wertvolle „Altbauten“ wahrgenommen. Doch die Beurteilung ästhetischer Formen beziehungsweise des Schönen in Kunst und Architektur unterliegt einem steten Wandel. Urteile stehen – vor allem dann, wenn es sich um kulturelle Zeugnisse einer Epoche handelt, die der oder die Beurteilende selbst miterlebt hat – in der Gefahr allzu großer Subjektivität. Erinnert sei in diesem Zusammenhang daran, dass Hiltrud Kier, frühere Stadtkonservatorin von Köln und engagierte Streiterin für die Architektur der Nachkriegsmoderne, 1982 auf dem Deutschen Kunsthistorikertag in Kassel einen Vortrag über „Die 50er-Jahre in Köln“ hielt. Er markiert den Beginn eines Prozesses der Inwertsetzung, der mit Blick auf die 50er-Jahre weitgehend abgeschlossen scheint. Bleibt zu hoffen und dafür zu streiten, dass der Architektur der 60er- und der 70er-Jahre dieser Schritt auch gelingen wird – und zwar solange die Zeugnisse noch existieren. Die TU Berlin bildet dabei mit ihrem von verschiedenen Fachgebieten der Fakultäten I Geisteswissenschaften und VI Architektur getragenen Forschungsschwerpunkt „Nachkriegsmoderne“ einen wichtigen Standort in der Debatte. Er generiert Publikationen, Vorträge und Initiativen wie die „Arbeitsgemeinschaft Nachkriegsmoderne“ und thematisiert dabei den Wert als kulturelle Ressource ebenso wie die langfristige Ökonomie, sprich: die Frage nach der Zukunftsfähigkeit.

Das eingangs angesprochene ICC Berlin ist Teil einer Gruppe von Gebäuden, die eine weit über das Übliche hinausgehende Verknüpfung mit Infrastrukturbauten aufweisen. Es ist umgeben von einem Netz aus Autobahntrassen und Stadtstraßen sowie in Letzteres selbst eingewoben mit einer das Bauwerk unterquerenden und es erschließenden Straße. Weitere Vertreter dieser Gruppe bilden in Berlin der Steglitzer Kreisel (1968–80) mit Busbahnhof und U-Bahnhof, das Turmrestaurant „Bierpinsel“ (1972–76) mit einer baulich integrierten (zweigeschossig geplanten) U-Bahn-Station oder auch die brückenartig eine Autobahn überspannende Wohnbebauung an der Schlangenbader Straße (1976–81). Diese Bauten sind mit und für den Verkehr geplant, ihre ästhetische Gestaltung auch auf die Perspektive aus Fahrersicht ausgerichtet. Dieser Gebäudegruppe – mit dem ICC im Fokus – ist am 2. Juni 2012 unter dem Titel „Großbauten der 60er & 70er Jahre. Zur Zukunft unserer architektonischen Vergangenheit“ eine Tagung des Fachgebietes Kunstgeschichte der Technischen Universität Berlin gewidmet.

Die ästhetische Gestaltung des Steglitzer Kreisels (l.) und der eine Autobahn überspannenden Wohnbebauung Schlangenbader Straße (M.), beide in Berlin, ist auf die Sicht des Autofahrers ausgerichtet. Hightech-Architektur der 70er- und 80er-Jahre: das Lloyd
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Berlin-Tegel ist einer der frühen „Drive-in“-Flughäfen in Deutschland. In naher Zukunft soll hier die letzte Maschine abheben.
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Einst Prestigeobjekt, heute Zeugnis

Ein mit Blick auf das Thema wichtiger Tag, denn am 2. Juni sollte ursprünglich abends die letzte Maschine vom Flughafen Tegel abheben. Auch dieser Flughafen ist in seiner Ausgestaltung ein wichtiges Zeugnis dieser Gebäudeart, denn es handelt sich um einen der frühen „Drive-in“-Flughäfen in Deutschland. Er wirkte mit seiner logisch-rationalen Erschließungsform des Sechsecks und dem Prinzip der kurzen Wege vorbildhaft auch auf andere Flughafenprojekte. Zugleich war es das erste Projekt der heute weltweit agierenden Architekten Meinhard von Gerkan und Volkwin Marg (gmp). Die zu ihrer Zeit zukunftsorientierte Formensprache der Flughafengebäude soll auch der zukünftigen Nutzung ein Gesicht geben: „Dieses Flughafengebäude ist Symbol für Tegel und bildet eine einmalige Adresse, die in Zukunft für urbane Technologien stehen soll“, äußerte jüngst Michael Müller, Senator für Stadtentwicklung und Umwelt, in einem Interview in der Berliner Zeitung.

Die genannten Berliner Beispiele wurden im ehemaligen West-Berlin als wichtige Prestigeobjekte angesehen. Damit stand der Westteil der Stadt aber nicht allein, wie der von 2006 bis 2008 abgerissene Palast der Republik im einstigen Ost-Berlin oder auch die außerhalb der Stadt entstandenen, bereits genannten Beispiele bestätigen. Die hier angesprochenen Großbauten repräsentieren eine kulturpolitische Haltung, deren bauliche Zeugnisse zwar groß dimensioniert, gleichwohl überschaubar in der Anzahl sind. Mit ihnen verbindet sich die wichtige Frage, wie wir den begründeten Anspruch auf Zukunftsfähigkeit mit der Bewahrung des konzeptionellen und ästhetischen Charakters dieser Bauwerke verbinden. Dafür sind ein besseres Verständnis und eine differenzierte Sicht unabdingbar. Es sind aktuelle Nutzungskonzepte mit dem Respekt vor der Substanz in Einklang zu bringen – eingedenk der Eröffnungsworte von Walter Scheel: damit wir uns auch mit dieser Epoche unserer Baugeschichte befreunden können.

Eine Zukunft für unsere Vergangenheit: Dieses Motto des europäischen Denkmaljahrs 1975 hat bis heute nicht an Aktualität eingebüßt. Doch es ist hinsichtlich des Zeitraumes zu erweitern, da seither 37 Jahre vergangen sind, in denen die Nachkriegsmoderne in die Schicht der Vergangenheit einbezogen wurde.

Tagung: Großbauten der 60er- & 70er-Jahre. Zur Zukunft unserer architektonischen Vergangenheit, Tagung des Fachgebiets Kunstgeschichte der TU Berlin, 2. Juni 2012, 9.30–19.00 Uhr, TU Berlin, Erweiterungsbau, Hörsaal EB 202, Str. des 17. Juni 145, 10623 Berlin

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Autorin: Prof. Dr. Kerstin Wittmann-Englert ist seit 1999 als wissenschaftliche Assistentin und Mitarbeiterin im TU-Fachgebiet Kunstgeschichte tätig. 2005 habilitierte sie sich und wurde im Mai 2010 zur außerplanmäßigen Professorin ernannt. Seit Dezember 2009 ist sie Vorsitzende des Landesdenkmalrates Berlin; seit 2012 ist sie Mitglied im Beirat des DFG-geförderten Internationalen Graduiertenkollegs „Die Welt in der Stadt: Metropolitanität und Globalisierung vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart“ am Center for Metropolitan Studies.

Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören die byzantinische Kunst, die Architektur der Moderne und das Weiterbauen im 19. und 20. Jahrhundert.

Kerstin Wittmann-Englert / Quelle: Hochschulzeitung "TU intern", 5/2012

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