direkt zum Inhalt springen

direkt zum Hauptnavigationsmenü

Sie sind hier

TU Berlin

Inhalt des Dokuments

Standpunkte

Das Elektroauto als Wille und Vorstellung: Schopenhauer fährt elektrisch

Einer von mehreren stark befahrenen Verkehrsknotenpunkten in Berlin: der Strausberger Platz in Berlin-Friedrichshain
Lupe

Vor zweihundert Jahren hat der Philosoph Arthur Schopenhauer den Menschen als hilfloses Opfer eines für ihn unergründlichen Weltenlaufs beschrieben. Damit widersprach er der aufklärerischen Vorstellung seiner Zeit, der Mensch könne sich mit Hilfe seines Verstandes aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit herausbewegen. Schopenhauer sah hinter den individuellen Vorstellungen von der Welt als die eigentliche Triebkraft menschlichen Strebens einen grundlosen Willen walten. Dem Menschen wird damit jede Hoffnung auf eine von ihm zum Besseren zu beeinflussende Zukunft genommen, und sein Dasein verwandelt sich in eine nie versiegende Quelle des Leidens.

Man könnte meinen, der Pessimist Schopenhauer habe die heutige Verkehrspolitik beschrieben. Sehen sich die Menschen dort doch seit Jahrzehnten mit einer gewaltig auseinanderklaffenden Diskrepanz zwischen Willen und Vorstellung konfrontiert.

Da ist auf der einen Seite der Wunsch und weitreichende Konsens, den Verkehr nachhaltig zu gestalten. Dementsprechend versammeln sich alle unter dem vom Bundesverkehrsministerium ausgegebenen Schlachtruf „Mehr Mobilität durch weniger Verkehr“. Doch während sie sich noch aneinanderkuscheln, in der wohligen Gewissheit, die richtige Überzeugung zu vertreten und der Vernunft zum Sieg zu verhelfen, türmt sich hinter ihrem Rücken das Verkehrsaufkommen Jahr für Jahr höher auf.

Aber halt, das war die Vergangenheit! Gerade in dem Moment, als die Verkehrspolitik resignierend ihren politischen Gestaltungsanspruch aufgeben will, da taucht am Horizont ein neuer Hoffnungsträger auf: das Elektroauto. Es wird angepriesen als die Lösung all der Verkehrsprobleme, die wir seit Jahrzehnten diskutieren. Und wir lassen uns auch nicht beirren von dem Pessimisten Schopenhauer, der uns an die letzten zwanzig Jahre erinnern will, in denen wir schon andere Säue durchs Dorf gejagt haben, mit denen seinerzeit ähnliche Versprechen verbunden waren, angefangen mit dem Gasantrieb, gefolgt vom Wasserstoffauto bis zum Biokraftstoff. Nein, das Elektroauto ist anders!

Mehr Mobilität durch weniger Verkehr?

Warum eigentlich? Gerade hat das Ökoinstitut noch einmal eindringlich in Erinnerung gerufen, dass es sich bei dem Elektroauto um ein sehr voraussetzungsvolles technisches Artefakt handelt, das nur dann einen Beitrag zur nachhaltigen Verkehrsentwicklung leistet, wenn die erneuerbaren Energien massiv ausgebaut werden. Aber gehen wir einmal davon aus, dieses Problem sei gelöst. Löst der Elektromotor, indem er den Verkehrssektor vom Öl befreit, auch unsere Ressourcenprobleme? Jein, indem sie die eine Abhängigkeit beseitigen, schaffen der Elektromotor und die Batterie neue Ressourcenabhängigkeiten, etwa von Silizium oder den Seltenen Erden. Schon heute verhandelt die Bundesregierung mit den betreffenden Ländern über entsprechende Handelsabkommen. Das Elektroauto muss, wie jedes andere Auto, zusammengebaut werden und verbraucht dabei Energie. Das Elektroauto trägt ebenso viel zum Flächenverbrauch bei wie jedes andere Auto. Das Elektroauto sei leiser als das konventionelle Automobil, wobei verschämt verschwiegen wird, das dies nur für Geschwindigkeiten unter 30 Stundenkilometern gilt, darüber überwiegen die sogenannten Abrollgeräusche, die bei allen Fahrzeugen gleichermaßen zum Tragen kommen. Die Kraftfahrzeuge in Deutschland produzieren 60 000 Tonnen Reifenabrieb und sind damit eine Hauptquelle der gefährlichen Feinstäube, an denen auch das Elektroauto nichts ändern wird. Schließlich müssen die Elektroautos, wie andere Autos auch, entsorgt werden, und sei es durch den Export in andere Länder.

Kurzum, wir wissen, dass sich die Lösung der Verkehrsprobleme nicht darin erschöpfen kann, den Verbrennungsmotor durch den Elektromotor zu ersetzen. Denn bis 2030 wird sich der weltweite Kfz-Bestand von heute 700 Millionen auf 1,5 Milliarden mehr als verdoppeln. Selbst wenn dann alle Menschen mit Elektroautos fahren, würde dies einen gewaltigen Ressourcenverbrauch bedeuten.

Alternative Vielfalt als Lösung

Allen Beteiligten sollte daher klar sein, dass es neben der technologischen Entwicklung einer neuen Mobilitätskultur bedarf, die mit weniger Verkehrswachstum verbunden ist: „Mehr Mobilität durch weniger Verkehr“! Das ist nur durch eine grundlegende Änderung des Verkehrsverhaltens möglich! Das Elektroauto wird nur dann einen Beitrag zu einer nachhaltigen Verkehrsentwicklung leisten, wenn es als ein Baustein im Rahmen eines integrierten Nutzungskonzepts etabliert wird, das vielfältige alternative Angebote miteinander verbindet.

Doch wenn wir den aktuellen Elektroverkehrsdiskurs studieren, finden sich keine Hinweise auf eine politische Nachhaltigkeitsstrategie. Auch diesmal folgen den programmatischen Lippenbekenntnissen keine konkreten Handlungskonzepte. Während das Elektroauto im medialen Hype als nachhaltige Vision vorgestellt wird, setzt sich hinter dem Rücken der Akteure erneut ein anderer Wille durch. Doch im Gegensatz zu Schopenhauer, der an dem Wirken dieses für ihn geheimnisvollen, die Vernunft regelmäßig überlistenden Willens schier irre geworden ist, können wir diese mächtige Kraft heute benennen. Wenn wir dem aktuellen Mediendiskurs aufmerksam lauschen, hören wir deutlich, wessen Willen sich artikuliert: „Begreift man Verkehr als Instrument zur Schaffung von Wachstum, Wohlstand und Beschäftigung, wird deutlich, dass Verkehrspolitik zuvorderst auf die Förderung von Verkehr abzielen muss …“, so der Verband der Automobilindustrie in seinem Jahresbericht 2009.

Eine ähnlich klare Willensäußerung seitens der Politik im Sinne einer nachhaltigen Verkehrsentwicklung hingegen findet man in der aktuellen Debatte nicht. Damit wird die Vorstellung des Elektroautos als Beitrag zu einer nachhaltigen Verkehrsentwicklung ein weiteres Mal durch den Willen nach ökonomischem Wachstum konterkariert. Neben uns im Elektroauto sitzt der Philosoph Schopenhauer, mit dem ihm eigenen sardonischen Lächeln auf den Lippen den Sachverhalt nüchtern kommentierend: „Der Mensch kann zwar tun, was er will, aber er kann nicht wollen, was er will.“

http://www.verkehrsplanung.tu-berlin.de/menue/forschung/abgeschlossene_projekte/e-mobility/

Literatur: Oliver Schwedes/Stefanie Kettner/Benjamin Tiedtke (2011): Elektromobilität – Hoffnungsträger oder Luftschloss. Eine akteurszentrierte Diskursanalyse über die Elektromobilität 1990 bis 2010.

Lupe

Dr. Oliver Schwedes arbeitet seit 2008 als Hochschulassistent am Fachgebiet Integrierte Verkehrsplanung der TU Berlin mit den Forschungsschwerpunkten Stadt- und Verkehrspolitik. Schwedes hat Politikwissenschaft, Soziologie, Philosophie und Psychologie in Marburg, Berlin und Edinburgh studiert. Von 2009 bis 2011 war er stellvertretender Leiter des vom Bundeswirtschaftsministerium geförderten Projekts e-mobility IKT.

Oliver Schwedes / Quelle: Hochschulzeitung "TU intern", 4/2012

Der mediale Hype um die Elektromobilität

Mittwoch, 04. April 2012

Wissenschaftler analysierten, wie das Thema in der Öffentlichkeit diskutiert wird

Stromtankstelle am Ernst-Reuter-Platz
Lupe

Seit 2007 gewinnt das Thema Elektromobilität zunehmend an Aufmerksamkeit. Es setzte ein regelrechter Hype um das Thema ein, der insbesondere an der Berichterstattung in den Zeitungen nachvollzogen werden kann. Dass vor über 15 Jahren eine ähnliche Debatte stattgefunden hat, wird in der aktuellen Diskussion kaum thematisiert. Obwohl der damalige Großversuch auf der Insel Rügen mit 60 Elektrofahrzeugen den bis dahin weltweit größten Feldversuch darstellte, endete der Diskurs ebenso plötzlich, wie er entstanden war.

Welche Ereignisse und Rahmenbedingungen haben nun erneut einen medialen Hype hervorgerufen, und wie unterscheidet sich dieser von dem vorangegangenen in den 1990er-Jahren? Am TU-Fachgebiet Integrierte Verkehrsplanung von Prof. Dr.-Ing. Christine Ahrend untersuchten Forscher anhand von über 1000 recherchierten Artikeln aus fünf überregionalen Printmedien, wie sich der zeitgenössische Diskurs zum Thema Elektromobilität darstellt und welche Akteure dabei die entscheidenden Rollen einnehmen.

Im Vergleich der beiden Diskurse ergeben sich erstaunliche Gemeinsamkeiten. Eine Wirtschaftskrise als Auslöser, von der insbesondere die Automobilindustrie betroffen ist, der Einfluss des zeitgenössischen Umweltdiskurses und das Elektroauto als Fixpunkt, auf den sich alle beteiligten Akteure, unter anderen Politik und Wirtschaft, mehr oder weniger engagiert verständigen konnten. Damals wurde der Diskurs mit dem Hinweis auf den ungünstigen Strommix, auf dessen Grundlage das Elektroauto keinen Beitrag zu einer nachhaltigen Entwicklung geleistet hätte, abgebrochen. Demgegenüber zeichnet sich der aktuelle Elektromobilitätsdiskurs durch eine neue Qualität aus, da heute die erneuerbaren Energien einen anderen Stellenwert haben. Die politische Entscheidung für erneuerbare Energien könnte sich auch positiv auf die Entwicklung des Elektroverkehrs auswirken. Welchen Beitrag leistet der mediale Diskurs jedoch für eine nachhaltige Verkehrsentwicklung? Es herrscht die Überzeugung vor, dass die Elektromobilität grundsätzlich ein positiver Beitrag zur Verbesserung der Umwelt- und Lebensqualität ist. Demgegenüber zeigt die Diskursanalyse, dass die Diskussion derzeit von energie- und industriepolitischen Argumenten geprägt ist. Das Elektroauto wird damit als Teil einer technikorientierten Lösungsstrategie kommuniziert. Verkehrs- und umweltpolitische Überlegungen spielen bisher eine untergeordnete Rolle. Aus der Gegenüberstellung der beiden Elektromobilitätsdiskurse leiteten die TU-Wissenschaftler eine zentrale verkehrspolitische Einsicht ab: Das Elektroauto kann nur im Rahmen einer integrierten verkehrspolitischen Gesamtstrategie seine positiven Potenziale entfalten. Der Bericht ist im Internet verfügbar.

www.tu-berlin.de/ivp/e-mobility

tui / Quelle: Hochschulzeitung "TU intern", 4/2012

Zusatzinformationen / Extras

Direktzugang

Schnellnavigation zur Seite über Nummerneingabe

Diese Seite verwendet Matomo für anonymisierte Webanalysen. Mehr Informationen und Opt-Out-Möglichkeiten unter Datenschutz.