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Campus Charlottenburg

Stadtgestaltung - welche Rolle spielt die Kunst?

Freitag, 20. Januar 2012

Die Rotation des Verkehrs am Ernst-Reuter-Platz inspirierte 2009 Studierende am Fachgebiet Bildende Kunst zu ihrer Performance "Roundabout" auf der Mittelinsel
Lupe

Als reine Verkehrsverteiler wurden im 82. Architekturgespräch im Musterraum der Bauakademie in Berlin wenig einfühlsam der Strausberger Platz von Hermann Henselmann und sein West-Berlin-Pendant, der Ernst-Reuter-Platz nach den Planungen von Bernhard Hermkes und Werner Düttmann, bezeichnet. Hinter den bedruckten Planen der Schinkel'schen Bauakademie entwickelten der damalige Senatsbaudirektor Hans Stimmann, Walter Prigge vom Bauhaus Dessau und Hans Kollhoff ein Modell für einen zukünftigen Großstadtplatz im Sinne der Europäischen Stadt. Den unwirtlichen Ernst-Reuter-Platz als Ergebnis einer Planung scheinbar aus der Vogelperspektive zählten sie nicht dazu. Ihnen galt der Platz nur als Kreisverkehr ohne Aufenthaltsqualität und von Piazza und Latte Macchiato so weit entfernt wie die Rekonstruktion der Bauakademie und die Nachkriegsmoderne West-Berlins, wozu auch das Ensemble am Ernst-Reuter-Platz gehört.

Der Idee der autogerechten Stadt folgend wurden die Gebäude rund um den Platz in den 50er- und 60er-Jahren errichtet. Im Kreisverkehr, diesem sinnfälligen Archetyp der Mobilität als Rotationskraft beständiger Bewegung, verbindet der Platz Ost und West, verknüpft Bismarckstraße und Straße des 17. Juni.

Was sich im Architekturgespräch 2006 bereits manifestierte, ist sechs Jahre später längst Wirklichkeit. Die Konzentration aller Energien und Investitionen auf die historischen Quartiere im Ostteil der Stadt, die städtebaulichen Entwicklungen des neuen Großstadtszenarios am Potsdamer Platz, der Umbau am Alexander-, aber auch am Breitscheidplatz ließen die City West in Vergessenheit geraten. Der Ku'damm bekam mit der Friedrichstraße Konkurrenz, Stadtführungen erstrecken sich zwischen Berliner Mauer, Brandenburger Tor und Rosenthaler Vorstadt, für Tauentzien und Hardenbergstraße ist da kaum mehr Zeit. Der Bahnhof Zoo dient nur noch dem Regionalverkehr als Zwischenhalt und der Filmfestspiel-Glamour ist vom Zoo an den Potsdamer Platz umgezogen. Angesichts der Entwicklungen Berlins seit dem Mauerfall sieht man am Ernst-Reuter-Platz bestenfalls Stagnation, wenn auch auf hohem Niveau. Das Hochhaus für Bergbau und Hüttenwesen von Kreuer ist erst seit Kurzem wieder ohne Gerüst sichtbar. Das Erdgeschoss des IBM-Hauses dient als Event- und Lagerraum. Einziger Anziehungspunkt ist der Gravis-Apple-Store im Büro- und Geschäftshaus des Unternehmens Pepper, das 1960-63 von Franz-Heinrich Sobotka und Gustav Müller gebaut wurde. Doch reicht das schon, um von einem Wiedererwachen sprechen zu können?

Während rund um den Zoologischen Garten zahlreiche Anstrengungen unternommen wurden, um dem Bedeutungsverlust der City West entgegenzuwirken, wie der Neubau des Zoofensters, der Rückbau des Tunnels an der Budapester Straße oder die Sanierung des Bikini-Hauses, sucht man vergleichbare Entwicklungen am Ernst-Reuter-Platz vergeblich. Doch Bedeutungsverlust ist auch immer Werteverlust, der einhergeht mit einem Funktionsverlust, einem Statusverlust und ganz pragmatisch einem Verlust an Mieteinnahmen. Sind die Aktivierung und das Attraktivieren eines Standortes wie des Ernst-Reuter-Platzes durch Kunst beziehungsweise künstlerische Interventionen überhaupt möglich? Dazu zwei Szenarien zur Rolle von Kunst als Standort- und Stadtentwicklungsfaktor:

Grundlage einer Aktivierung durch Kunst ist die Re-Aktivierung des Vorhandenen durch eine neue ästhetisch sinnliche, also atmosphärische Wahrnehmung.

Dafür darf Kunst nicht als "Dropsculpture" wie beim Skulpturenboulevard zur 750-JahrFeier auf dem Ku'damm oder den Platz dominierend als Monumentalskulptur wie die Siegessäule verstanden werden. Wie obsessiv, provokativ, widersprüchlich sie auch immer gemeint sein mag, wird sie zum Teil der Wahrnehmungstapete der Stadt, die im Alltag versinkt. Kunst soll der Aktivierung des Ortes selbst dienen, um die Qualität des Standortes im Sinne eines "Placemakings" zu entfalten, dafür müssen keine neuen Objekte hinzugefügt werden. Hier sind Partizipations- und Aneignungsstrategien der Kunst mit Performance- oder Interventionscharakter ebenso gefragt wie Zwischennutzungen. Durch eine Kunstaktion von 160 Architekturstudierenden des Fachgebiets Bildende Kunst der TU Berlin 2009 wurde die Mittelinsel des Ernst-Reuter-Platzes wieder zum Zentrum der Bauwerke rund um den Kreisverkehr. Auf 80 Staffeleien waren die Architekturstudierenden aufgefordert, die Stadtlandschaft zu skizzieren. Im Minutenrhythmus ertönte ein Signal per Megafon. Dann mussten sie im Uhrzeigersinn weiterrücken und die Skizze des Nachbarn weiter ausführen. Es entstand ein 360-Grad-Panorama des Platzes als kollektive künstlerische Leistung. Hier in der Aktion "Roundabout" wird die atmosphärische Wahrnehmung für das Stadtbild durch die Okkupation der durch den Verkehr von der Stadt abgeschnittenen Mittelinsel geschärft.

Bei dem studentischen Projekt "Pollergardening" im Fachgebiet Bildende Kunst an der TU Berlin werden die alltäglichen Stadtmöbel aus der Unsichtbarkeit des Banalen herausgerissen und als Teil eines "Pollergardenings" neu bewertet. Mit einfachen Mitteln wie aufgeschnittenen Tetrapacks, Plastikflaschen, Klebeband und Blumenerde entstehen so spontane, urbane Gärten, die eine Re-Aktivierung durch atmosphärische Wahrnehmung erlauben. Aktionen und Ideen in dieser Art eröffnen neue Wahrnehmungsmöglichkeiten des Ortes. Wünschenswert wäre daher ein Ideenwettbewerb für Künstler und Architekten für temporäre Installationen und Interventionen an wesentlichen Standorten am Platz selbst oder im Umfeld der anliegenden Bauwerke. Die Re-Aktivierung von Bauwerken im Sinne einer atmosphärischen Wahrnehmung ist auch durch Lichtsetzungen umsetzbar, wie zum Beispiel am Haus des Lehrers am Alexanderplatz als partizipatorische Installation durch den "Chaos Computer Club" im Jahr 2001 oder 2005 am Potsdamer Platz durch "Realities: United" bereits gezeigt. Sicherlich sind am Ernst-Reuter-Platz keine weiteren Cafés erforderlich, aber vielleicht im Sommer ein Wochenmarkt mit Mittagstisch als Kristallisationspunkt und Kommunikationsplattform für die Beschäftigten der anliegenden Unternehmen und Institutionen. Die Wahrnehmung der Ruhe im Zentrum des Kreisverkehrs und damit die erstmalige Inbesitznahme dieses wenig genutzten öffentlichen Raumes werden auf diese Weise wirksam sein. Dabei ist der ökonomische Nutzen der Akteure als wesentliche Triebfeder mit zu berücksichtigen. Daraus können sich mit der Zeit automatisch lebendige und nachgefragte Nutzungsänderungen in einem Bottom-up-Verfahren entwickeln. Aktivierung von städtischen Orten durch Kultursubventionen ist meist nicht lange wirksam.

Kunst als Stadtentwicklungsfaktor ist oft Grundlage von Gentrifizierungsprozessen und nicht ihr Endprodukt

Ein fiktives Szenario analog zur Entwicklung Ost-Berlins seit der Wende: Die Stagnation in der City West führt gegen 2030 zu ruinösen Entwicklungen. Die City-West-Moderne wird arm, aber sexy. Die Wohnquartiere rund um den Ernst-Reuter-Platz werden so preiswert, dass sie im Vergleich zum teuren Wedding und zum total gentrifizierten Neukölln echte Alternativen darstellen. Hierfür müsste der ganze Stadtteil zuerst einen Bruch, einen "run down to the max" erleben. Dann siedeln sich internationale Künstler wie in den 1990er-Jahren in Berlin-Mitte zu Betriebskostenpreisen mit Zwischennutzungsverträgen an. Es folgen die Cafés, Clubs und Galerien. Dann ziehen die Restaurants und Boutiquen nach und am Ende dann Armani- und Hugo-Boss-Flagshipstores und schließlich einige Jahre später Touristenlokale mit Happy-Hour-Drinks für Berlintouristen aus den Billighotels, die auch was vom wilden, kreativen Berlin erleben möchten.

Der Haken an der Sache ist, dass diese Struktur auf den einmaligen Bedingungen eines Systemzusammenbruchs mit ungeklärten Eigentumsverhältnissen und einem Massenleerstand in stark renovierungsbedürftigen, ja fast abbruchreifen Straßenzügen fußte. In der Grauzone des Grundbesitzes in Ost-Berlin nach der Wende gedieh die Kunst-und-Kultur-Szene und mit ihr die Spekulation.

Und am Ernst-Reuter-Platz? Hier sind keine ungeklärten Eigentumsverhältnisse bekannt, zwischen Steinplatz und Franklinufer ist zwar Leerstand von Büroflächen zu verzeichnen, sind aber keine Hausbesetzungen oder kreativen Zwischennutzungen in Sicht.

Aber ohne Risiko gibt es keinen Gewinn - auch in der Stadtentwicklung nicht.

Stefanie Bürkle, Fachgebiet Bildende Kunst am Institut für Architektur der TU Berlin / Quelle: Hochschulzeitung "TU intern", 1/2012

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