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Neues Profil: Die TU Berlin 2000 – 2010

Netzwerker mit Fingerspitzengefühl

Montag, 22. Februar 2010

Der scheidende Präsident Kurt Kutzler zieht eine Bilanz seiner Amtszeit

Kurt Kutzler auf seinem letzten Neujahrsempfang als TU-Präsident im Lichthof der TU Berlin. Er wurde im vergangenen Jahr mit dem Professor ehrenhalber der Shanghai-Jiao-Tong-Universität und der Ehrendoktorwürde der Moscow State University of Civil Enginee
Lupe

Prof. Dr. Dr. h. c. Kurt Kutzler wird, wenn er am 31. März dieses Jahres in den Ruhestand tritt, auf den Tag genau 37 Jahre der TU Berlin als Professor angehört haben. Davon war er acht Jahre lang Präsident, fast sieben Jahre Vizepräsident und zwei Jahre Dekan. Im Gespräch mit Kristina R. Zerges und Stefanie Terp zieht er eine kurze Bilanz.

Prof. Kutzler, von 1992 bis 2009 sank die Zahl der vom Land finanzierten Professuren samt Ausstattung von 580 auf 276, also um mehr als die Hälfte! Wie hat die Universität darauf reagiert?

In schwierigen entwicklungsplanerischen Prozessen und mit immer neuen Reformen versuchte die TU, die angemessene Struktur und das richtige Profil zu finden. 2004 gelang es uns schließlich, trotz schwierigster interner Auseinandersetzungen zwischen den Fächerkulturen, das klassische Profil einer technischen Universität zu formen. Nach schwersten Budgetkürzungen gewährte das bis heute den Fakultäten Planungsruhe und -sicherheit. Ich fürchte, dass sich kaum jemand an die 90er-Jahre erinnert, als Kürzungen und Einstellungsstopps im "Monatstakt" die Normalität waren. Im Gegensatz dazu können wir nun auf einen ruhigeren Zeitraum zurückblicken, in dem es sechs Jahre lang keine Kürzungs- und Strukturdiskussionen gab und Professuren wie geplant besetzt werden konnten!

Ein "Herzstück" Ihrer Arbeit ist der Strukturplan von 2004. Was entstand mit ihm?

Ein stabiles, allerdings auch nicht mehr zu reduzierendes Tragwerk für die Universität, das sich durch Drittmittel und Kooperationen mit den wissenschaftlichen Partnern erst zu voller Vitalität entwickeln konnte. Mit dem Strukturplan haben wir gleichzeitig eine Matrixorganisation zur systematischen Förderung interdisziplinärer Forschung eingeführt. Quer zu den Fakultäten wurden acht Forschungsschwerpunktfelder benannt, die mit dem Technologieprofil des Landes abgestimmt und deswegen auch von hoher innovativer Bedeutung für die Region sind.

Welche weiteren großen "Baustellen" gab es in Ihrer Amtszeit?

Wir haben die hoffnungslos veraltete IuK-Infrastruktur mit großen Anstrengungen erfolgreich reformiert. Wir entwickelten mit dem Instrument der mittelfristigen Raumplanung eine Strategie der Konzentration auf den Campus, die uns die Abmietung von fast allen angemieteten Flächen und damit die Freisetzung von zirka zwölf Millionen Euro jährlich für Lehre und Forschung gestattete. Mit der Budgetierung, insbesondere mit der für Personalmittel zu Beginn 2007, wurden den Fakultäten neue Spielräume eröffnet, die sie seitdem sehr wohl nutzen. Und um die zuvor genannten Schwerpunktfelder zu organisieren, reformierten wir unsere Forschungsförderung. Dafür gründeten wir Innovationszentren, in denen Forscherinnen und Forscher aus unterschiedlichen Fakultäten sich zur Diskussion und Lösung transdisziplinärer Probleme zusammenfinden. Bisher wurden sechs solcher Zentren gegründet. Sie sollen die Basis für künftige Großprojekte wie Sonderforschungsbereiche, Forschungsallianzen und Cluster bilden.

Welche Vorteile hat die Schwerpunktsetzung in der Forschung für Berlin?

Für Berlin ist es lebenswichtig, industrielle, vor allem technologische Aktivitäten wieder an die Spree zu holen. Das soll unser System der „Innovativen Laboratorien“ bewirken, in denen unsere Forscherinnen und Forscher mit Partnern aus anderen Instituten und der Wirtschaft Inventionen entwickeln, die in den Unternehmen zu Innovationen werden sollen. Daimler, die Deutsche Bahn, die Deutsche Bank, aber auch Konsortien mittelständischer Firmen haben in diesem Sinne mit uns An-Institute gegründet. Vor allem gelang es uns, mit der Deutschen Telekom durch die Gründung der Telekom Laboratories in eine besondere Partnerschaft einzutreten. Mit ihnen, mit Daimler und mit der Fraunhofer-Gesellschaft haben wir vor drei Jahren die bestehende Kooperationsbasis erweitert und das Musterbeispiel eines Innovativen Labors, das European Center for Information and Communication Technologies, gegründet. Als Projektträger betreut es momentan ein Volumen von mehr als 200 Millionen Euro. Unseren hohen Verflechtungsgrad in der Region verdeutlichen auch unsere 57 S-Professuren, die wir gemeinsam mit außeruniversitären Forschungseinrichtungen eingerichtet haben.

Schauen wir auf einen wichtigen Gradmesser für erfolgreiche Forschung: die Drittmittel. Wie haben sie sich entwickelt?

Unsere Drittmittelbilanz hat sich in den vergangenen fünf Jahren um mehr als 50 Prozent gesteigert: Waren es 2004 und 2005 noch zirka 70 Millionen Euro, so sind es im Jahr 2009 rund 120 Millionen! Lagen die Drittmittelausgaben 2004 noch bei rund einem Viertel bezogen auf unseren Landeszuschuss, so beliefen sie sich in 2009 schon auf die Hälfte. Diese weitere Steigerung ist ein großartiger Erfolg für alle Beteiligten. Auch unsere 19 Stiftungsprofessuren zeigen das hohe Interesse bei Geldgebern in der Wirtschaft an der TU Berlin.

Welche Forschungsprojekte waren besonders wichtig und erfolgreich?

Da könnte ich viele nennen. Ich beschränke mich auf wenige: Mit dem MATHEON, das als DFG-Forschungszentrum zu dem Musterbeispiel für die Cluster der Exzellenzinitiative wurde und an der TU Berlin angesiedelt ist, mit der Berlin Mathematical School und mit dem UniCat-Forschungscluster in der Chemie haben wir bei der letzten Runde des Exzellenzwettbewerbs gepunktet. Darauf können wir sehr stolz sein. Diese Beispiele prägen nicht nur die TU Berlin, sondern das wissenschaftliche Netzwerk in der Region.

Wie sieht die wissenschaftliche Bilanz auf europäischer Bühne aus?

Erst kürzlich wurden zwei der hochbegehrten Grants des European Research Council, vergleichbar mit dem Leibniz-Preis der DFG, an TU-Forscher mit Preissummen von insgesamt fünf Millionen Euro vergeben. Ein weiterer großer Erfolg wurde Ende Dezember offenkundig, als das Europäische Institut für Innovation und Technologie die Einrichtung von drei "Knowledge and Innovation Communities" genehmigte. Jedes dieser sogenannten KIC-Netzwerke wird mit mindestens 100 Millionen Euro gefördert. Ihre Leistungen sollen sich mit dem MIT oder der Stanford University vergleichen können. Die TU Berlin ist an zwei KICs beteiligt – im Bereich Klima sowie im Bereich Informations- und Kommunikationstechnologien. Im IuK-KIC sind wir einer der nationalen Hauptpartner, dessen Zentrum, in dem die deutschen KIC-Aktivitäten koordiniert werden, auf dem TU-Campus angesiedelt wird. Ausgehend vom Klima-KIC soll unsere Region ihre Stellung als europäische Spitzenregion im Bereich Klima aufbauen.

Die Ansiedlung von solchen Hotspots hat auch direkte Auswirkungen auf das Umfeld einer Universität. Wie beurteilen Sie das?

Seit eineinhalb Jahren plant eine große Initiative, unseren Standort Charlottenburg zu einem ausgewiesenen Wissenschafts- und Wirtschaftsareal für IuK-Technologien und Medienwirtschaft weiter auszubauen. Auch von den zwei KIC-Initiativen wird eine Strahlkraft ausgehen, die den Campus zu einem Charlottenburg Valley werden lässt, in dem man nicht nur arbeiten und forschen, sondern auch leben und wohnen kann. Außerdem ist die TU sehr stark bei Ausgründungen. In unserem Alumniprogramm gibt es 1076 Absolventinnen und Absolventen, die eine Firma gegründet haben, und in der TU betreut ein starker Gründungsservice die Start-up-Aktivitäten systematisch. In Planung ist ein Zentrum für Entrepreneurship, das für den Technologie- und Forschungstransfer von größter Bedeutung sein wird. Im Jahr 2008 wurden unsere Erfolge durch eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung belegt. Danach beträgt das von uns geschaffene Wissenskapital jährlich zirka 800 Millionen Euro, wovon ein Viertel in Berlin bleibt.

Kommen wir zum Thema Studium. Wo sehen Sie hier die Herausforderungen?

Den Bedarf an Absolventen in den MINT-Fächern zu befriedigen, immer mehr Frauen für ein Studium an der TU Berlin zu gewinnen und gleichzeitig die zusätzliche Belastung durch die kommenden doppelten Abiturientenjahrgänge zu bewältigen sind neben der so eindringlich geforderten Nachjustierung des Bologna-Prozesses die großen aktuellen Herausforderungen.

Welche Schwerpunkte haben Sie für die internationalen Beziehungen gesetzt?

Das Hauptprojekt ist gegenwärtig die Errichtung eines neuen Campus der TU Berlin in El Gouna am Roten Meer in Ägypten. Er wird von der Orascom Foundation finanziert. Hinter dieser Stiftung steht TU-Alumnus Samih Sawiris, der mit seinem Unternehmen weltweit agiert und den Mangel an qualifizierten Ingenieuren kennt und ihm exemplarisch gegensteuern möchte. Wir werden dort ab Oktober drei Masterstudiengänge mit deutschen Lehrkräften anbieten. Neben diesem Beispiel gibt es zahlreiche weitere wie unsere Verbindungen nach China oder in die Türkei, die die Strategie der TU Berlin, nachhaltigen Bildungsexport zu organisieren, sehr gut verdeutlichen.

Sie werden am 31. März aus dem Präsidentenamt scheiden. Was bewegt Sie in diesem Augenblick?

Am Ende meiner Amtszeit möchte ich mich nicht verabschieden, ohne mich zu bedanken. Das liegt mir sehr am Herzen. Mein Dank geht an die Mitglieder des Präsidiums, die in ihren Ressorts zum Erfolg der TU beitrugen, an meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Stabsstellen, die sich immer für das Beste unserer Universität einsetzten, an die Mitglieder in den akademischen Gremien, die sich für ihre Konzeptionen einer Hochschule engagierten, und an alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Zentralen Universitätsverwaltung und den Fakultäten, auf deren bewährten Schultern der Erfolg der Universität ruht. Dank sage ich den Kolleginnen und Kollegen, die mich bei einer Vielzahl von Projekten unterstützt haben. Ich wünsche meiner Universität einen erfolgreichen Weg, viele starke Partner und Visionen für eine exzellente und zukunftsweisende Forschung und Lehre.

Vielen Dank für das Gespräch.

Quelle: "TU intern", 2/2010

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