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TU Berlin

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Innenansichten

Bedingungen sichern für die, die drin sind

Mittwoch, 17. Juni 2009

Die ersten Ergebnisse der WIST-Studie zu nachhaltigen Karrieren liegen vor

Stefan Fuchs ist Leiter des Regionalen Forschungsnetzwerks beim Institut für Arbeits- und Berufsforschung
Stefan Fuchs ist Leiter des Regionalen Forschungs- netzwerks beim Institut für Arbeits- und Berufsforschung, der Forschungs- einrichtung der Bundesagentur für Arbeit
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Herr Fuchs, Sie haben - gemeinsam mit Sara Conolly von der University of East Anglia, Norwich - eine Online-Befragung bei Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der TU Berlin durchgeführt, die im kommenden Herbst auch an zwei weiteren großen Universitäten fortgesetzt wird. Ziel ist es, die "leaky pipeline" in akademischen Karrieren zu stopfen. Mit diesem Bild von dem Leck in der Pipeline, ist der Verlust an qualifizierten und talentierten Frauen gemeint, der auf der akademischen Karriereleiter immer größer wird, je höher man in der akademischen Hierarchie nach oben schaut. Was war der Hintergrund dieser Befragung?

Nach 2003 berief die Europäische Kommission im Jahr 2007 die zweite WIST-Arbeitsgruppe ein - Women In Science and Technology. Sie sollte herausfinden, was getan werden kann, um die "leaky pipeline" zu vermeiden. Daneben sollte sie Antworten auf die Frage finden, warum sich Work-Life-Balance, also die Schaffung einer Umgebung, in der sich Karriere und Beruf vereinbaren lassen, für Unternehmen und Universitäten lohnt.

Frauen bilden nur einen kleinen Anteil der Arbeitnehmer in Forschung und Technik an Universitäten und sie erhalten typischerweise weniger Ressourcen und weniger Unterstützung als ihre männlichen Kollegen, hat die amerikanische Akademie der Wissenschaften 2006 festgestellt. Im Vergleich zu der Anzahl von Frauen, die dafür qualifiziert wären, ist der Anteil von Frauen in akademischen und wirtschaftlichen Führungspositionen viel zu gering. Es ist dabei keineswegs der Mangel an Talent, sondern es sind institutionalisierte Strukturen, teilweise unbewusst, die einen raschen und angemessenen Aufstieg von Frauen verhindern. Doch weder die Wirtschaft noch die Forschung können sich eine derartige Verschwendung von Talenten leisten, was beide inzwischen erkannt haben. Doch wo die Lecks sind und wie sie gestopft werden können, ist niemandem klar. Hier soll die Untersuchung helfen. Wir befragen nun Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dreier Universitäten - die TU Berlin war die erste - über aktuelle Tätigkeiten und Merkmale, ihren beruflichen Werdegang, ihre Erfahrungen und Wahrnehmungen, über Berufsunterbrechungen, zu Familie und Haushalt. An dieser Stelle möchten wir gern allen, die an der Befragung teilgenommen und diese unterstützt haben, noch einmal herzlich danken.

Was waren die bemerkenswertesten Ergebnisse?

Es gibt vier Besonderheiten: Erstens: Frauen wie Männer schätzen ihren Arbeitsplatz wegen des Hauptstadt-Standorts und wegen der flexiblen Arbeitszeiten. Zweitens: Die Einwerbung von Drittmitteln wird als besonders wichtig für die Karriere erachtet. Das war vor 15 Jahren noch nicht so. Drittens: Auch bei habilitierten Frauen und Frauen mit habilitationsäquivalenten Leistungen ist die Wahrscheinlichkeit der Erwartung, eine Professur zu erreichen, eklatant niedriger als bei Männern. Viertens ist die Karriereunterbrechung fast ausschließlich Frauensache und erfolgt wegen der Familienplanung. Männer wie Frauen misstrauen aber beide der Parole, eine Karriereunterbrechung bliebe folgenlos, und halten sie sogar für schädlich. Hier muss man sich nun fragen: Welche Botschaft sendet der Wissenschaftsbetrieb aus, dass diese Ansicht vorherrscht? Und wie könnte man das ändern? Das Instrument der befristeten Arbeitsverträge hilft hier sicher nicht.

Wo gibt es die größten Unterschiede?

Wichtige Unterschiede zeigten sich vor allem zwischen den Statusgruppen, weniger zwischen den Geschlechtern. Um hier zu verallgemeinern, muss man aber noch die Ergebnisse aus den anderen Universitäten abwarten. Die Arbeitsbedingungen und die Flexibilität sind vor allem für Frauen sehr wichtig, die nach wie vor stärker auf Verbesserungsmöglichkeiten der "Work-Life-Balance" angewiesen sind.

Können Sie aus den Ergebnissen dieser ersten Befragung bereits Handlungsempfehlungen ableiten?

Deutlich ist, dass Frauen dem Wissenschaftsbetrieb auf allen Hierarchieebenen verloren gehen. Wenn Work-Life-Balance als Instrument dagegen allerdings mehr sein soll als die Vereinbarkeit von Karriere und Beruf, kann das nicht nur ein Thema für Frauen sein. Männer fühlen sich bisher von Maßnahmen wie Sabbaticals, Teilzeit oder Home-Office jedenfalls nicht gleichermaßen angesprochen. Für die Wissenschaft ist es besonders wichtig, dass auch die Marktfähigkeit nach außen für junge Forschende systematisch gepolstert wird. Damit kann man den Druck von ihnen nehmen, ab einem bestimmten Punkt, koste es, was es wolle, nur noch im Wissenschaftsbetrieb Karriere machen zu können. Eine Karriereunterbrechung darf nicht mehr stigmatisiert werden. Hier sind die Verantwortlichen in ihrer Vorbildfunktion gefordert. Insgesamt ist die Fülle von Aktivitäten, Frauen für Wissenschaft zu interessieren, beeindruckend. Doch es ist nichts gewonnen, wenn man einfach mehr Frauen ins System einbringt, es müssen auch die Karrierebedingungen für die, die drin sind, verbessert und gesichert werden.

Vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Patricia Pätzold / Quelle: "TU intern", 6/2009

Die Ergebnisse der Studie sind veröffentlicht unter dem Titel:

European Commission, Directorate-General for Research (2009): Women in science and technology. Creating sustainable careers.

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