direkt zum Inhalt springen

direkt zum Hauptnavigationsmenü

Sie sind hier

TU Berlin

Inhalt des Dokuments

Innenansichten

Genie in Sprache und Geist

Montag, 15. Oktober 2007

Ernst Reuter hat nichts von seiner Aktualität verloren

Ernst Reuter (l.) war als Regierender Bürgermeister häufig Gast in der TU Berlin.
Ernst Reuter (l.) war als Regierender Bürgermeister häufig Gast in der TU Berlin. Hier bei einem akademischen Festakt 1953 mit Bundespräsident Theodor Heuss, TU-Rektor Iwan N. Stranski und Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard (v. l.)
Lupe

"Berlin-Blockade", "Völker der Welt, seht auf diese Stadt", "Kalter Krieg", das sind Stichworte, die vielen Berlinern zu dem ehemaligen Berliner Regierenden Bürgermeister Ernst Reuter einfallen. Doch das Wirken in diesem Amt stellt nur einen kleinen Abschnitt seines wechselvollen Lebens dar. Heinz Reif, Professor für Geschichte und Stadtgeschichte an der TU Berlin, möchte das Leben und Wirken Ernst Reuters nun wieder ins öffentliche Bewusstsein zurückholen. Für ihn war Reuter in erster Linie ein passionierter Kommunalpolitiker.

Heinz Reif versammelte kürzlich Vertreter fast aller Organisationen, die Reuter mitgeprägt hat, zu einer internationalen Konferenz, an deren Organisation und Durchführung die Friedrich-Ebert-Stiftung beteiligt war, der deutsche Städtetag, die BVG, die türkische Botschaft, die Checkpoint- Charlie-Stiftung und die Landeszentrale für politische Bildung. So manches, was Reuter tat und schrieb, sei schließlich von großer Aktualität.

Früh schon hatte sich der aus gutbürgerlichen Verhältnissen stammende junge Reuter in der SPD engagiert. In russischer Kriegsgefangenschaft nach dem Ersten Weltkrieg lernte er Russisch, knüpfte Kontakte zu den Bolschewiken und wurde schließlich von Lenin, der ihn zwar einen "Sturkopf" nannte, zum Kommissar für Belange der Wolgadeutschen ernannt. Nach Deutschland zurückgekehrt, wirkte er zunächst als Vorsitzender der KPD von Berlin-Brandenburg und später für die SPD als Mitglied des Berliner Magistrats und als Oberbürgermeister von Magdeburg. Er kämpfte für den Ausbau der öffentlichen Verkehrsmittel und gegen die Folgen der Weltwirtschaftskrise, wurde von den Nationalsozialisten schließlich aus seinen Ämtern entfernt und saß sogar im KZ Lichtenburg ein. Er verließ Deutschland, wurde in der Türkei Berater des Wirtschaftsministeriums und lernte dort so gut Türkisch, dass er bald zum Professor für Kommunalwirtschaft an der Universität Ankara ernannt wurde. Dort prägte er eine ganze Generation von Verwaltungsbeamten der jungen türkischen Republik, gestaltete das heutige Bild Ankaras und Istanbuls mit und gab das bis heute wichtigste in der Türkei verfasste Lehrbuch zur Stadtplanung heraus, natürlich auf Türkisch. 1946 nach Berlin zurückgekehrt, wurde er 1947 zum Berliner Oberbürgermeister gewählt. In seine Zeit als Oberbürgermeister fielen die Berlin-Blockade und die Niederschlagung des Aufstandes vom 17. Juni 1953. Vor allem seine Hartnäckigkeit und Unbeugsamkeit, sein stetes Werben für das Durchhalten haben ihn weltweit berühmt gemacht. 1953 verstarb Ernst Reuter 64-jährig an den Folgen einer Krankheit.

Dieser strikte Gegner von Privatisierungen, vom Ausverkauf öffentlicher Güter und beharrliche Befürworter öffentlicher Verkehrsmittel hätte sicher lautstark gegen so manche Entwicklung unserer Tage protestiert, so stellten die Konferenzteilnehmer fest. Am eigenen Leib habe er zudem das Schicksal der Migration erfahren, fließend Türkisch und Russisch gesprochen, die Sprachen der größten Zuwanderergruppen Berlins. Hautnah habe er die Modernisierung der Türkei miterlebt und -gestaltet. Sicherlich hätte er, so Ernst Reuters Sohn Edzard, der ebenfalls an der Konferenz teilnahm, die Aufnahme der Türkei in die Europäische Union gutgeheißen. Edzard Reuter warnte, bei der Beurteilung nicht bei Stereotypen stehen zu bleiben, sondern die Türkei als das vielschichtige, moderne Land zu begreifen, das sie ist. Schließlich legte Edzard Reuter seinem Vater noch einen Wunsch für die Zukunft in den Mund: Vielleicht könne ja eines Tages eine Türkin oder ein Türke Oberbürgermeister von Berlin werden.

Moritz Feichtinger, Centrum für Metropolenforschung / Quelle: "TU intern", 10/2007

Zusatzinformationen / Extras

Direktzugang

Schnellnavigation zur Seite über Nummerneingabe

Diese Seite verwendet Matomo für anonymisierte Webanalysen. Mehr Informationen und Opt-Out-Möglichkeiten unter Datenschutz.