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Hochschulpolitik

Ich habe einen Traum

Der Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Prof. Dr. Martin Grötschel, über Open Access

Martin Grötschel, vielfach ausgezeichneter ehemaliger TU-Mathematiker und heute BBAW-Präsident, setzt sich bereits seit vielen Jahren für den freien Zugang zu Wissenschaftspublikationen ein
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Sie sind seit Langem ein glühender Befürworter des Open Access. Wodurch ist das Thema für Sie virulent geworden?
Mir ist Anfang der 1990er-Jahre bewusst geworden, dass das World Wide Web und die damit verbundenen modernen Technologien die bis dahin unvorstellbare Möglichkeit eröffnen, jedem jederzeit Zugang zu Publikationen zu verschaffen. Unter diesen Gegebenheiten ist es ganz natürlich, sich dafür einzusetzen, dass die gesamte wissenschaftliche Literatur öffentlich elektronisch über das Internet verfügbar wird.

Welches sind für Sie die entscheidenden Vorteile des Open Access?
Ein großer technischer Vorteil des elektronischen Publizierens ist, dass man mit Algorithmen über sehr große Datenmengen nach Schlagworten, Autoren, Konzepten et cetera suchen und derartige Daten bearbeiten kann. Auch die internationale Vernetzung von Wissensbeständen wird dadurch möglich. Dies geht allerdings nur dann, wenn das „abzusuchende Material“ jederzeit überall verfügbar ist.

Wo liegen denn die größten noch zu überwindenden Schwierigkeiten, um Open Access als das Standardmodell des wissenschaftlichen Publizierens zu etablieren?
Große Schwierigkeiten bereiten natürlich die Wissenschaftsverlage, die um exorbitante Gewinne – zum Teil 30 bis 40 Prozent vom Umsatz – fürchten und deren Geschäftsmodell sich ändern muss. Im Augenblick verdienen sie durch ihre Open-Access-Aktivitäten zum Teil doppelt – sogenanntes Double Dipping; die Details will ich hier nicht erklären. Einige Verlage haben in verschiedenen Bereichen Oligopole oder Quasi-Monopole aufgebaut, gegen die man schwer ankommt. Niemand will Verlage abschaffen, wir müssen uns aber dagegen wehren, dass öffentlich bezahlte Arbeit in private Profite umgemünzt wird.

Bisher haben die einzelnen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auch von dem Renommee der Verlage profitiert …
Verlage haben zweifellos eine wichtige und auch positive Rolle in der Wissenschaft gespielt. Aber die Welt hat sich geändert, und darauf müssen wir reagieren. Es bleibt eben nicht alles, wie es ist. Dass manche Verlage bessere Qualität publizieren als andere, weiß ich auch. Aber die Qualität eines Buches hängt vom Autor ab, nicht vom Verlag. Mit mehr Selbstbewusstsein ausgestattet, ist ein Verlagswechsel oder der Wechsel zu einer Open-Access-Publikation machbar. Und ich erwarte, dass staatlich alimentierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ihre Publikationen frei verfügbar machen.

Ist die Qualität der wissenschaftlichen Publikationen nach wie vor sichergestellt?
In den meisten Fächern spielen Verlage bei der Qualitätssicherung von wissenschaftlichen Artikeln so gut wie keine Rolle. Ich bin bisher bei ungefähr zwanzig wissenschaftlichen Zeitschriften als Mitherausgeber oder in ähnlicher Funktion tätig gewesen. In allen Fällen wurden Begutachtungen allein von Wissenschaftlern vorgenommen, die Verlage haben sich um inhaltliche Aspekte nicht gekümmert. Qualitätssicherung kann im Open Access genauso gut – oder schlecht – durchgeführt werden wie bei Subskriptionszeitschriften.

Sie haben kürzlich gesagt: „Ich träume davon, dass irgendwann einmal Open Science realisiert wird“. Wird sich Ihr Traum erfüllen?
Hier geht es darum, den gesamten Forschungsprozess transparent und nachvollziehbar zu machen. Aber der Traum wird nie erfüllt werden, weil eben viele „kleine Dinge“ die Verwirklichung behindern: persönliche Interessen; Befürchtungen, Macht und Einfluss zu verlieren; Gewinn- oder Karrierestreben und ähnliche, durchaus menschliche Beweggründe. Aber wenn man keine Träume, Ziele oder Visionen formuliert, wird man nie vorankommen.

Nachdruck in Auszügen: Das Gespräch führte Andreas Schmidt für das Jahresmagazin der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.


Andreas Schmidt, "TU intern" 17. Januar 2017

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