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TU Berlin

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Hochschulpolitik

"Anerkannt wird nur noch das Produzieren von Neuem"

Montag, 14. Dezember 2009

Gerd Folkers über die Gefahren von Managementstrukturen für den wissenschaftlichen Dialog

Gerd Folkers
Lupe

Herr Professor Folkers, Sie forschen über das öffentliche Leben wissenschaftlicher Erkenntnisse. Wie lautet Ihr derzeitiger Befund?

In der wissenschaftlichen Öffentlichkeit ist das Leben der Fakten von Kontexten bestimmt. Sie werden verformt, korrigiert, interpretiert. Das Faszinierende ist, zu beobachten, wie die Fakten vom Labor in die wissenschaftliche Öffentlichkeit gelangen. Der Dialog, die Hypothese jemand anderem mitzuteilen, um sie zu überprüfen oder Widerspruch zu erzeugen, als essenzieller Bestandteil wissenschaftlicher Tätigkeit ist heute vielen anderen medialen Prozessen gewichen. Es kommt zu Neukonstruktionen der Fakten, in dem Sinne, dass sie in andere Zusammenhänge gestellt werden und so auch eine andere Interpretation erfahren können. Erschwerend kommt hinzu, dass der Prozess der Erkenntnisverbreitung auch der Manipulation unterliegen kann. Und dabei denke ich noch nicht einmal an die absichtliche, also an die Fälschung. Die Gefahr der unabsichtlichen Manipulation besteht bei jedem Prozess der Zusammenfassung. Im Grunde genommen müsste jede Abstraktion im Dialog geprüft werden, ob die Erkenntnis die Komprimierung aushält. Das geschieht aber nach meiner Beobachtung in den seltensten Fällen.

Wie erklären Sie sich das?

Nun, jedes Medium, das der Wissenschaftler benutzt, ein Artikel, ein Interview (!), ein Vortrag, ist ein Werkzeug, mit dem er etwas erreichen will, nämlich den Adressaten der Botschaft von seiner Hypothese zu überzeugen. Also wird er jede Abstraktion so anlegen, dass er seine Absicht auch erreicht. Wenn nun der Empfänger, der die Zusammenfassung liest, entweder den Wissenschaftler gut kennt oder ihm die vermittelte Botschaft zusagt, wird er geneigt sein, das, was ihm dargeboten wird, für bare Münze zu nehmen, ohne lange zu überprüfen, was denn mit den Fakten passiert ist, wo die Quelle herkommt und welcher Interpretation sie womöglich unterlegen war. Dieser Effekt tritt besonders dann auf, wenn vorher bereits öfter in positiver Weise über einen wissenschaftlichen Sachverhalt in der Fachliteratur berichtet wurde. Dort kann ein publication bias, also eine unausgewogene Berichterstattung zugunsten der guten Nachrichten in der Wissenschaft, vorliegen. Negative Befunde werden in der Regel als Nicht-Befunde behandelt und gar nicht erst publiziert.

Die Deklaration des Weltärztebundes aus dem Jahr 2000, in der gefordert wird, dass positive wie negative Ergebnisse zugänglich gemacht werden, verweist also auf ein Problem?

Ja, speziell in den Life Sciences. Menschen verhalten sich eben unvorhersehbarer als physikalische Objekte. Um wissenschaftlich fundierte Aussagen über die Wirkung eines Medikaments treffen zu können, müssen sie teure Studien durchführen. Die Praxis ist, dass die forschende Pharmaindustrie diese Studien bezahlt, und niemand kann dem Eigentümer vorschreiben, wie er mit den Daten umgeht. Normalerweise wird er diejenigen Daten publizieren, die in seine Strategie passen. Daraus einen Vorwurf zu konstruieren wäre sehr einfach.

Das Bild von der Wissenschaft, die weder gute noch schlechte Daten kennt, ist also völlig realitätsfremd?

Das ist schlichtweg Unsinn. Wissenschaft hat etwas mit Faszination zu tun. Die einen mögen Käfer, die anderen Moleküle. Allein deshalb kann der Wissenschaftler seinem Objekt nie völlig indifferent gegenüberstehen. Das Einzige, was er versuchen kann, ist, über Vereinbarungen möglichst viele subjektive Regungen aus dem Experiment herauszunehmen. Und das erreicht man nur über den wissenschaftlichen Dialog, indem man anderen Kollegen erzählt, was man tut und denkt, um sie darüber reflektieren und urteilen zu lassen, ob man zum Beispiel befangen ist. Aber für den wissenschaftlichen Dialog ist kaum noch Zeit.

Warum nicht?

In den Hochschulstrukturen wird Zeit permanent reduziert. Anerkannt wird nur noch das Produzieren von Neuem. Das betrachte ich als ein fundamentales Problem. Die Universitätsstrukturen von heute entwickeln sich zu Managementstrukturen, die versuchen, dialogische Prozesse auszuschließen, weil da scheinbar nichts Produktives passiert. Ich glaube aber nicht, dass nur die quantifizierende Produktion von Grunddaten uns ausschließlich erhellt. Das Gespräch darüber, was im Labor passiert, und über Erkenntnisse ist genauso essenziell. Dafür muss Zeit eingeräumt werden. Das aber wird nur geschehen, wenn dem Dialog ein Wert in der wissenschaftlichen Arbeit beigemessen wird. – Und wenn Wissenschaftspolitik sich zu diesem Wert bekennt, dann muss zu jeder Stunde Forschung im Labor eine Stunde Dialog finanziert werden.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Sybille Nitsche / Quelle: "TU intern", 12/2009

Gerd Folkers ist Professor für pharmazeutische Chemie an der ETH Zürich und Leiter des Collegium Helveticum Zürich. Mit seinen Untersuchungen zu "The Public Life Of Scientific Facts" ist er in die Forschungen am Innovationszentrum "Wissensforschung" der TU Berlin involviert.

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