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Hochschulpolitik

"Ausbildung geht auch ohne Marterwerkzeuge"

Montag, 12. Oktober 2009

Prof. Ortwin Renn
Lupe

Ortwin Renn, Professor für Technik und Umweltsoziologie an der Universität Stuttgart, Leiter des "Nachwuchsbarometers Technikwissenschaften" und Präsidiumsmitglied der acatech - Deutsche Akademie der Technikwissenschaften

Professor Renn, Sie weisen im "Nachwuchsbarometer Technikwissenschaften" darauf hin, dass gerade diejenigen, die für ein naturwissenschaftliches oder technisches Studium besonders geeignet wären, sich dagegen entscheiden, weil sie es als zu kompliziert und anspruchsvoll einschätzten. Heißt das, dass diejenigen, die diese Studiengänge wählen, nicht die besten Köpfe sind?

Es sind meist kluge Köpfe; aber nicht unbedingt diejenigen, die für die spätere berufliche Laufbahn am besten geeignet sind. Viele Studienabbrecher in den Ingenieurwissenschaften scheitern an der Mathematik und der abstrakten Theorie. Ein praxisnäheres und angewandteres Curriculum könnte Abhilfe schaffen. Mehr Probleme bereiten diejenigen, die glauben, es komme vor allem auf reproduzierbares Wissen an. Sie sind im Berufsleben wenig erfolgreich, weil der Ingenieurberuf eher kreative Aufgaben bereit- hält als rein analytische.

Wie erklärt sich diese Diskrepanz?

Zum einen greifen viele Werbeveranstaltungen, in denen suggeriert wird, dass, wer von Technik fasziniert ist, auch geeignet ist, diese zu entwerfen und zu konstruieren. So einfach ist es aber nicht. Gleichzeitig glaubt man, insbesondere in traditionellen Studiengängen, noch immer, in den ersten Semestern mittels der Mathematik und Mechanik die Spreu vom Weizen trennen zu müssen. Andere Länder machen es vor: Gute Ingenieure können auch ohne Marterwerkzeuge ausgebildet werden. Mathematik sollte einen dienenden Charakter haben; Theorie und Praxis sollten aufeinander bezogen sein. Zum anderen wird in Schule und Grundstudium der gestalterische Bereich des Ingenieurwesens zu wenig betont, obwohl gerade besonders talentierte zukünftige Ingenieure dies als besonders entscheidend für ihren beruflichen Erfolg ansehen.

Fehlt es an Lösungen, um talentierte Schülerinnen für ingenieurwissenschaftliche Studiengänge und Berufe zu motivieren, oder werden sie nicht umgesetzt?

Wissen allein reicht nicht; die Strukturen müssen sich ändern. Vor allem muss Technik kontinuierlich vom Kindergarten bis zum Abitur in den Unterricht integriert werden. Ob das im Fach Technik geschieht, ist nicht so entscheidend wie eine stetige Auseinandersetzung mit Technik. Gerade in der Primärstufe, in der überwiegend Frauen unterrichten, die selber technikfern aufgewachsen sind, ist Technik im Unterricht rar.

Der schulischen Studienberatung wird in dem "Nachwuchsbarometer" ein vernichtendes Zeugnis ausgestellt. Versagen nicht auch die Hochschulen?

Ja und nein: Viele Hochschulen bieten heute schon Schnupperkurse für Schülerinnen und Schüler an. Zudem gibt es bereits Kooperationen mit Gymnasien. Was fehlt, sind handfeste Informationen für Schülerinnen und Schüler über den Aufbau des Studiums, die Voraussetzungen und Anforderungen und vor allem das Berufsfeld. Ob das Hochschulen leisten können oder andere Institutionen, mag dahingestellt bleiben. Doch nur so lässt sich die Abbrecherquote von mehr als 30 Prozent abbauen.

Was gelingt den Universitäten bei der Studienberatung nicht?

Sie geben zu wenig Einblick in den späteren Berufsalltag. Unbestritten: Die Universitäten haben auch andere legitime Bildungsziele. Nichtsdestotrotz studieren die meisten jungen Menschen, um sich auf einen Beruf vorzubereiten. Die Verzahnung zwischen beruflichen und universitären Bildungszielen gelingt den Universitäten noch zu wenig.

Die Autoren der Studie plädieren für einen flächendeckenden Technikunterricht an Schulen, weil dieser nachweislich das Interesse an technischen Berufen fördere. Wie könnten sich technische Universitäten in diesen Prozess konkret einbringen?

Zum einen in der Lehrerausbildung: Noch immer wird häufig Studierenden, die das Lernpensum nur schwer schaffen, der Lehrerberuf nahegelegt. So schwächt man langfristig den Nachwuchs. Gerade gut ausgebildete und gleichzeitig pädagogisch begabte Studierende sollten für das Lehrfach motiviert werden. Zum anderen können die Programme der Verknüpfung von Unterricht an Schulen und Hochschulen verstärkt werden. Sinnvoll sind fließende Übergänge. Ideal wäre, wenn sich auch Unternehmen mit einklinken könnten. Dann wüssten Schülerinnen und Schüler, was Hochschulen fordern und was Unternehmen wünschen.

Das Gespräch führte Sybille Nitsche / Quelle: "TU intern", 10/2009

Der Ergebnisbericht des "Nachwuchsbarometers Technikwissenschaften" bestätigt eine traurige Realität

Bei der Förderung des Interesses für Technik bei Jungen und Mädchen kommt der Schule eine immer wichtigere Rolle zu. Ursache dafür ist, dass diese Förderung in den Elternhäusern immer weniger stattfindet. Jedoch: "Der Schulunterricht ist für diese Aufgabe schlecht gerüstet", heißt es in dem aktuellen "Nachwuchsbarometer Technikwissenschaften". Die Studie wurde von acatech - Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und dem Verein Deutscher Ingenieure erstellt, um die Gründe für den Fachkräftemangel in Mathematik, Informatik, Natur- und Technikwissenschaften zu benennen und Empfehlungen zu geben für eine erfolgreiche Nachwuchsförderung.

Erheblich verbessert werden müsse die Studien- und Berufsberatung. Problematisch sei das Image des entsprechenden Studiums. Es fehle ein realistisches Bild über die Anforderungen des Studiums. Laut Studie gehört die Mehrzahl der Ingenieurstudierenden nicht zur Leistungselite in der Schule. Die Leistungsdefizite müssten deshalb von den Hochschulen durch gezielte Programme ausgeglichen werden. Empfohlen wird auch eine Modernisierung der Hochschuldidaktik. Altbekannte Erkenntnisse darüber, dass real existierende Benachteiligungen von Frauen wie geringes Einkommen und ein höheres Risiko der Arbeitslosigkeit deren Studienwahl beeinflussten, bestätigt die Studie leider. "Programme zur Förderung von Chancengleichheit sollten … gezielt und von oben nach unten implementiert werden", heißt es in dem Bericht.

sn / Quelle: "TU intern", 10/2009

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