TU Berlin

TUB-newsportalBesser, interessanter, wertvoller

Page Content

to Navigation

There is no English translation for this web page.

Hochschulpolitik

Besser, interessanter, wertvoller

Montag, 19. Mai 2008

Was eine autonomere Hochschule für Studierende, Lehrende und Wirtschaft leisten kann

Dr. Andreas Schlüter ist Generalsekretär des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft
Dr. Andreas Schlüter ist seit Januar 2005 Generalsekretär des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft
Lupe

Bundeskanzlerin Angela Merkel versprach im September 2007 ein sogenanntes "Wissenschaftsfreiheitsgesetz". Es soll sicherstellen, dass die nationale und internationale Vernetzung von Forschungseinrichtungen in Deutschland wirklich klappt. Sie stellte insbesondere die tarifliche Flexibilität des derzeitigen Systems infrage. Die Bundesbildungsministerin Annette Schavan beschloss daraufhin, dass die Forschungseinrichtungen mehr Autonomie in Budget- und Vergütungsfragen sowie bei der Gewinnung kompetenten Personals erhalten sollen, und will nun die bestehenden Rahmenbedingungen, die bislang als nur begrenzt konkurrenzfähig gelten, prüfen. Unter anderem steht zur Debatte: ein Verzicht auf Stellenpläne, um mehr Flexibilität und andere Vergütungskonditionen zu ermöglichen, die Einführung von Globalhaushalten, um bedarfsgerecht wirtschaften zu können, oder die Lockerung der Bau- und Vergabeverfahren. Der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft und die Heinz Nixdorf-Stiftung haben im Februar dazu "Leitlinien für die deregulierte Hochschule" vorgestellt. TU intern befragte Dr. Andreas Schlüter, den Generalsekretär des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft.

Der Stifterverband hat fünf Modellhochschulen mit rund 2,5 Millionen Euro unterstützt, die neue Spielräume und neue Autonomien erprobt haben. Daraus sind Ihre "Leitlinien für die deregulierte Hochschule" entstanden. Was waren die wichtigsten Erfahrungen?

Autonomie ist machbar. Und Autonomie bringt Erfolge. Die fünf Hochschulen konnten in den letzten drei Jahren beweisen, dass Autonomie kein Selbstzweck ist. Eine deregulierte Hochschule ist für die Studierenden eine bessere Ausbildungsstätte, für die Professoren ein interessanter Arbeitgeber und für Unternehmen ein wertvoller Kooperationspartner. Erst durch das hohe Maß an Selbstständigkeit und Eigenverantwortung erbringt sie hervorragende Leistungen in Forschung und Lehre, beim Technologietransfer und in der Weiterbildung.

Gab es auch negative Ergebnisse beziehungsweise Vorkommnisse, die man sich so nicht vorgestellt hatte?

Obwohl wir fünf durchaus unterschiedliche Universitäten ausgewählt hatten, waren wir überrascht, in welchem Maße die Vorstellungen von Autonomie an den Hochschulen durch institutionelle Traditionen geprägt waren. Ein wichtiges Fazit lautet: Es gibt keinen Königsweg zur Autonomie. Jede Hochschule muss vor dem Hintergrund ihrer Tradition und ihrer Strukturen, ihrer Größe und ihrer Profilierung entscheiden, wie sie Autonomie gestalten möchte. Die Leitlinien wollen deshalb nicht mehr sein als Richtungsweiser. Jede Hochschule muss ihren eigenen Weg finden.

Was bedarf nach Ihrer Ansicht am ehesten einer Prüfung und in welche Richtung sollte eine Verbesserung zielen?

Wir haben drei große Baustellen und mehrere kleine. Erstens müssen Staat und Hochschule auf der Basis von Zielvereinbarungen zusammenarbeiten. Diese sind kein Ersatz für die Fachaufsicht, sondern ein partnerschaftliches Koordinierungsinstrument. Zweitens müssen Hochschulen ihr Personal viel flexibler einsetzen und leistungs- und erfolgsabhängiger vergüten können. Schließlich ist, drittens, das Qualitätsmanagement an Hochschulen so weiterzuentwickeln, dass sich der Staat tatsächlich aus der Detailsteuerung zurückziehen kann, weil das Qualitätsmanagement die Leistung der Hochschule kontinuierlich misst und zuverlässig ausweist. Zu den weiteren Baustellen zählen verbesserte Möglichkeiten für unternehmerische Aktivitäten der Hochschulen, die bessere soziale Absicherung der wichtigen Studiengebühren und die Verbesserung der Studien- und Lebensbedingungen der Studierenden.

Welche Rolle spielen Bürokratie, also zahlreiche einschränkende Vorschriften und Regelungen, mangelnde Flexibilität in der Gehaltsgestaltung oder gar fehlende Möglichkeiten der Kinderbetreuung bei der Unattraktivität deutscher Arbeitgeber in Wissenschaft und Hochschule?

Sie haben drei zentrale Punkte angesprochen, die es den deutschen Hochschulen schwer machen, international angesehene Professoren und Nachwuchswissenschaftler zu verpflichten. Hochschulen und Politik haben aber mittlerweile den Handlungsbedarf erkannt und beginnen mit ersten Verbesserungen. Ein Beispiel für eine überflüssige Regelung ist die starre Lehrverpflichtungsverordnung, die für jeden Professor acht oder neun Semesterwochenstunden Lehre vorschreibt. Fakultätsdeputate, Forschungs- und Lehrprofessuren schaffen in einigen Bundesländern bereits mehr Freiräume. Auch die Möglichkeiten, die die W-Besoldung den Hochschulen bietet, werden zunehmend offensiver ausgenutzt. Gleichzeitig erhöhen die Hochschulen ihre Attraktivität, indem sie “Doppelkarrierepaaren“ eine Chance geben und sich als familienfreundliche Hochschule zertifizieren lassen. Die Hochschulen sind hier auf einem guten Weg.

Wenn die Hochschulen eigenverantwortlich Studiengebühren festlegen können sollen, wie in Ihren Leitlinien gefordert, wie kann man verhindern, dass Studierende aus finanziellen Gründen vom Studium ausgeschlossen werden?

Das ist tatsächlich die Voraussetzung für die Freigabe der Studienbeiträge. Nur wenn es ausgeschlossen ist, dass Studienbeiträge vom Studium abhalten, kann deren Höhe freigegeben werden. Der Zugang zum Studium muss in der Form einer "need-blind admission" geregelt sein. Jeder, der die Aufnahmeprüfung an einer Hochschule schafft, muss zugelassen werden. Wer die Studienbeiträge nicht zahlen kann, erhält ein Stipendium. Wir benötigen zusätzlich ein attraktives Darlehenssystem, dass es den Studierenden ermöglicht, die Studienbeiträge nach ihrem Studium von ihren - zumeist nicht schlechten - Gehältern zu bezahlen.

Die Fragen stellte Patricia Pätzold / Quelle: "TU intern", 5/2008

Navigation

Quick Access

Schnellnavigation zur Seite über Nummerneingabe