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Hochschulpolitik

Vom Wandel profitieren

Montag, 15. Oktober 2007

Junge Frauen neigen zu interdisziplinären Studienfächern - doch auch die Männer entfliehen der fachlichen Enge

Informatikstudentinnen an der TU Berlin
Neugier und Gestaltungswunsch nach ihren Vorstellungen, treibt auch die Frauen in der Technik an: Informatikstudentinnen an der TU Berlin
Lupe

Seit Jahren warnen kluge Menschen in der westlichen Welt vor dem drohenden Verlust der Führungsmacht in der technischen und naturwissenschaftlichen Entwicklung. Die Ursache wird vorwiegend im steigenden Desinteresse der jungen Generation gesehen, sich technischen Fächern zuzuwenden, in einem individuellen Mangel an Durchsetzungswillen oder der Karriereorientierung auf Finanz- oder Wirtschaftsberufe. Insbesondere die vermeintliche Technikfeindlichkeit junger Frauen den IT- oder anderen technischen oder naturwissenschaftlichen Studienfächern oder Berufen gegenüber ist seit einiger Zeit in den Fokus gerückt. Aufrufe des Verbandes deutscher Ingenieure (VDI) oder der Bundesforschungsministerin oder Initiativen wie die des Kompetenzzentrums Frauen in IT-Berufen in Bielefeld oder die der Initiative D21 sind mäßig erfolgreich.

Auch an der TU Berlin nimmt die Werbung um Schülerinnen (und Schüler) breiten Raum ein. Sie wendet sich mit übergreifenden Projekten wie dem "Probestudium" oder "Vor dem Abi an die Uni" oder den Schülerinnen-&Schüler-Techniktagen - in diesem Jahr bereits zum siebten Mal - an Schülerinnen und Schüler. Seit mehr als fünf Jahren bietet der Techno-Club interessierten Schülerinnen eine frühe Innensicht der Universität an, und nahezu alle Fakultäten haben im Rahmen der Zielvereinbarungen Projekte erarbeitet, mit denen sie gezielt Schülerinnen für ihre Studienangebote interessieren wollen. So bietet die Fakultät II Mathematik und Naturwissenschaften im Projektlabor der Physik die "LabGirls" an, in der Elektrotechnik gibt es das Projektlabor "E-Technik", die Informatik bietet im kommenden Wintersemester die erste "Schülerinnen-Uni" an und die Femtec flankiert diese Maßnahmen mit dem bundesweiten Angebot an Schülerinnen "Try it! Junge Frauen erobern die Technik".

Dass an der TU Berlin nach den Strukturreformen der vergangenen 15 Jahre, im Rahmen derer Geistes- und Sozialwissenschaften und zuletzt die Lehramtsstudiengänge abgewickelt wurden, noch immer knapp ein Drittel Frauen studieren - und dies in Fächern, die dem Profil einer technischen Universität entsprechen -, ist sicher nicht zuletzt diesen Anstrengungen zu verdanken. Ist also wirklich die Reserviertheit von Frauen - und zunehmend jungen Männern - der "Technik" gegenüber verantwortlich für die Probleme, die sich in den Fächern abzeichnen? Die Quote der männlichen und weiblichen Studienabbrecher unterscheidet sich nicht bedeutend, die Gründe für den Studienabbruch ähneln sich erstaunlich: Die hohen theoretischen Anforderungen, die das bisherige Grundstudium stellte, die mangelnde Praxisbezogenheit, die Enge der disziplinären Angebote stellen Hürden dar, über die beinahe 40 Prozent der Studierenden nicht mehr gehen können oder wollen. Das erklärt auch die Neigung junger Frauen zu interdisziplinären ingenieurwissenschaftlichen Studienfächern wie Architektur, Raum- und Verkehrsplanung oder Lebensmitteltechnologie. Ferner orientieren sie sich auf gesellschaftlich "nützliche" Fächer wie Umweltschutz, Naturschutz, Abfall- oder Wasserwirtschaft oder dergleichen. Frauen meiden zudem häufig die Massenfächer und bevorzugen die "kleinen" Fächer, und sie sind mutiger in der Annahme neuer Studienfächer wie Biotechnologie, Agrarbiologie oder Gesundheitstechnik. Sowohl die Fachinhalte, ist daraus abzuleiten, als auch die didaktischen und methodischen Ansprüche von Frauen sind offener und breiter. Will man also vermehrt Frauen anwerben, müssen diese Anforderungen auch berücksichtigt werden.

Bei der Debatte um den Bedarf an hoch qualifizierten Arbeitskräften und der Einführung einer "Blue Card" für solche aus Indien oder China ist es sicher nützlich, zunächst auf einheimische "Ressourcen", zum Beispiel Frauen, aber auch junge Menschen mit Migrationshintergrund, hinzuweisen.

Doch die veränderten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen lassen mittlerweile fragen, ob es ausreicht, die Technikabstinenz der jungen Generation zu bedauern. Ist es nicht an der Zeit, auch das eigene Angebot auf seine inhaltliche Offenheit und Zukunftsorientierung zu prüfen, um mehr Frauen (und Männer) für die Technikwissenschaften zu interessieren? Darüber hinaus geht es nämlich auch darum, was sich ändern würde in der Wissenschaftsentwicklung, wenn dort mehr Frauen die Gelegenheit hätten, mitzuwirken.

Eine moderne, zukunftsorientierte Universität sollte aus dieser Beobachtung Schlüsse ziehen und ihr Angebot im Sinne einer Wertschätzung aller Potenziale umstrukturieren. Das Zulassen von Diversität, die Wertschätzung der Vielfalt, ist ein wichtiges Reformelement.

Heidi Degethoff de Campos / Quelle: "TU intern", 10/2007

Heidi Degethoff de Campos ist die Zentrale Frauenbeauftragte der TU Berlin

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