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Hochschulpolitik

Vielfalt der Hochschulen ist Europas Stärke ...

Montag, 15. Oktober 2007

... Mobilität und Anerkennung im europäischen Hochschulraum müssen noch verbessert werden

Dr. Peter A. Zervakis
Dr. Peter A. Zervakis, Leiter des Bologna-Zentrums der HRK
Lupe

Die von drei europäischen Hochschulforschungsinstituten durchgeführte internationale Vergleichsstudie "The extent and impact of higher education curricular reform across Europe" untersuchte 32 europäische Staaten daraufhin, wie sich die Umstellung auf gestufte Studienstrukturen im Zuge des Bologna-Prozesses ausgewirkt hat. Für TU intern befragte Patricia Pätzold Dr. Peter A. Zervakis, den Leiter des Bologna-Zentrums der Hochschulrektorenkonferenz, der als nationaler Berichterstatter für Deutschland an der Studie mitwirkte.

Die Umsetzung der Bologna-Ideen ist noch sehr unterschiedlich in den Ländern ausgeprägt. Heißt das, "der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach"? Woran hapert es? Ist ein einheitlicher Hochschulraum in absehbarer Zeit überhaupt erreichbar?

Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass die Staaten und Hochschulen die Chancen des Bologna-Prozesses erkannt und vieles auf den richtigen Weg gebracht haben, um europaweit vergleichbare Curricula und Abschlüsse zu schaffen. Die Modernisierung der Hochschulsysteme in Europa wird jedoch auch von den nationalen und disziplinären Erfordernissen und den jeweiligen länderspezifischen Zugängen zu den gemeinsamen Bologna-Leitlinien getrieben. So entstand zum Beispiel bei der Umstellung auf das gestufte System eine neue europäische Vielfalt.

Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass die Staaten und Hochschulen die Chancen des Bologna-Prozesses erkannt und vieles auf den richtigen Weg gebracht haben, um europaweit vergleichbare Curricula und Abschlüsse zu schaffen. Die Modernisierung der Hochschulsysteme in Europa wird jedoch auch von den nationalen und disziplinären Erfordernissen und den jeweiligen länderspezifischen Zugängen zu den gemeinsamen Bologna-Leitlinien getrieben. So entstand zum Beispiel bei der Umstellung auf das gestufte System eine neue europäische Vielfalt.

Die Modelle zur Erlangung eines arbeitsmarktrelevanten Bachelor- und Masterabschlusses reichen von einem Bachelor- + Masterstudium von 3+1 Jahren über 3+2 zu 4+1, 4+2, 3,5+1,5 Jahren und so weiter. Dass jedes Land und Studienfach je nach Reformstand den Bologna-Prozess zur Lösung eigener Probleme nutzt, erschwert zwar die Vergleichbarkeit, bedeutet aber kein Abweichen von der "reinen" Idee, wenn es damit auch gelingt, eine neue Qualitätskultur an den Hochschulen zu etablieren. Anders als hierzulande wahrgenommen, will "Bologna" nicht den Europäischen Hochschulraum vereinheitlichen, sondern insgesamt verbessern. Dazu müssen alle an ihren Schwächen arbeiten. Solange die Bildungshoheit bei den Mitgliedstaaten der EU liegt, besteht eine Spannung zwischen den Bologna-Zielen von Vielfalt und Vergleichbarkeit, Autonomie und Standards, Differenzierung und Konvergenz. Aber es ist weder realistisch noch wünschenswert, dies als einen Konflikt zu verstehen, den es zu lösen gilt. Denn die Vielfalt und die Autonomie der Hochschulen sind die Stärke Europas. Mobilität und Anerkennung müssen verbessert werden, wenn Europa weltoffen und wettbewerbsfähig bleiben will. Zum Wesen des Bologna-Prozesses gehört es, nach einem Ausgleich zu suchen und nicht auf eine automatische und rechtlich abgesicherte internationale Anerkennung von Studienleistungen und -abschlüssen zu warten.

Die Einführung von BA- und MA-Abschlüssen, Modularisierung und Credit-Points (ECTS) war zwar eine wichtige strukturelle Verbesserung, hat aber die Mobilität bisher nicht wesentlich erhöht. Wenn diese zunehmen soll, dann müssen auch die Hochschulen zum Beispiel so genannte Mobilitätsfenster in den Curricula verankern, mehr gemeinsame Studienangebote mit ausländischen Partnerhochschulen entwickeln und Großzügigkeit bei den Anerkennungsverfahren walten lassen. Denn ganz im Sinne der nun auch von Deutschland ratifizierten Lissabon-Konvention kommt es auf die Gleichwertigkeit erworbener fachlicher Kompetenzen an und nicht auf den schematischen Abgleich. Dies erfordert gemeinsame Qualitätsstandards für Studium und Lehre, um die Qualifikationsprofile von BA-/MA-Absolventen weiter zu schärfen. Hierzu empfahl die Studie herausragende "good practice"-Länderbeispiele, darunter auch die Ingenieurwissenschaften in Deutschland, als fach- und hochschulübergreifende Modelle zur weiteren Umsetzung der Bologna-Reformen.

In manchen Ländern haben die Reformen sogar zu mehr und detaillierterer staatlicher Steuerung geführt, statt zu mehr Unabhängigkeit von ministeriellen Vorgaben. In Deutschland gibt es sogar noch regionale Unterschiede in den einzelnen Bundesländern. Wie steht Deutschland im Vergleich zu den anderen Ländern da? Welche spezifischen Schwierigkeiten und Misserfolge gibt es?

Der staatliche Einfluss auf die Hochschulen geht in Europa tatsächlich allmählich zurück, ist aber sehr unterschiedlich ausgeprägt. Deutschland nimmt keine Sonderstellung ein. So sorgt der Bund beispielsweise durch die aktuelle Novellierung des BAföG dafür, dass schon die Mobilität der Erstsemester erleichtert wird. Die Bundesländer setzen in der Kultusministerkonferenz gemeinsame Standards für neue Studiengänge, externe Qualitätssicherung und anderes. Ein deutscher Qualifikationsrahmen soll zukünftig die Abschlüsse aus Schule, beruflicher Bildung und Hochschule international vergleichbar machen. Die eigentliche Umstellung der Studiengänge auf die neuen Abschlüsse liegt aber bei den Hochschulen, die von der Hochschulrektorenkonferenz unterstützt werden. Sie leisten Enormes im laufenden, völlig unterfinanzierten Lehrbetrieb und ohne zusätzliche Finanzmittel.

Zu den bisher vernachlässigten Themen gehören die Orientierung der Lehre an Kompetenzen, die konsequente und korrekte Anwendung von ECTS und die Ausstellung des Diploma Supplement, obwohl der personelle und technische Mehraufwand nicht ausfinanziert ist. Zudem gilt es, die Zahl der hoheitlichen Vorgaben zu reduzieren, sie inhaltlich zu flexibilisieren und Freiräume für die Hochschulen besser zu nutzen.

Besonderer Nachholbedarf besteht ausgerechnet bei den Staatsexamens-Studiengängen, die immerhin über 35 Prozent der Hochschulabsolventen ausmachen, eine deutsche Besonderheit. Die Länder haben in der Lehrerbildung einen Einstieg gefunden, die Hochschulen entwickeln immer mehr Modellprojekte dazu. Wenn aber die rechtlichen und vor allem die finanziellen Rahmenbedingungen in Deutschland nicht wesentlich verbessert werden, setzt die Politik die Chance aufs Spiel, dem Land eine Generation von wissenschaftlich gut ausgebildeten Hochschulabsolventen zu geben.

Vielen Dank für das Gespräch.

Quelle: "TU intern", 10/2007

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