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TU Berlin

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Hochschulpolitik

Transnationale Erfahrungen

Montag, 16. Juli 2007

Wie andere Länder ihre Forschungsförderung gestalten - Beispiel: Großbritannien

Herr Professor Wagner, welche Rolle spielt Europa in der Forschungsförderung?

Gert G. Wagner
TU Berlin. Gert G. Wagner
Lupe

Wenn in jedem Land die Qualität und Finanzen gesichert sind, muss Europa nicht wirklich eingreifen. Die meisten Projekte können die einzelnen Nationen stemmen. Gefragt ist Europas Zusammenarbeit aber bei der Forschungsinfrastruktur, die, besonders in den Naturwissenschaften, Milliarden kosten kann. Das wurde mit dem neuen Europäischen Forschungsrat und der ersten Roadmap für die Infrastruktur durch ESFRI (Euroean Strategy Forum for Research Infrastructure) soeben in Gang gesetzt.

Welche Infrastrukturen sind da gemeint?

Das sind Einrichtungen, die auf Dauer und auf Mehrfachnutzung angelegt sind. Sie stehen im Prinzip allen Forschern und Forschergruppen zur Verfügung. Ein Berliner Beispiel ist BESSY, der Elektronenspeicherring für Synchrotronstrahlung. Ich selbst bin für eine sozialwissenschaftliche Einrichtung verantwortlich: das Sozio-oekonomische Panel, SOEP, eine langfristige, jetzt schon zweieinhalb Jahrzehnte laufende Längsschnitterhebung. Unsere Daten werden bei steigender Nachfrage von rund 500 Forschern jährlich ausgewertet. Wir können dabei Forschern deutschland- und weltweit die Daten auf DVD schicken. Wer aber Experimental-Daten von BESSY benötigt, der muss sich persönlich nach Berlin begeben.

Sie sind kürzlich zum Mitglied im Research Resources Board des Economic & Social Research Council, ESRC, ernannt worden. Welchen Einfluss hat dieses Gremium, womit ist es in Deutschland vergleichbar?

In England ist die Forschungsförderung, anders als bei der DFG, auf acht Research Councils für unterschiedliche Disziplinen verteilt. Anders als die DFG, die nur Projekte fördert - neuerdings allerdings auch Langzeitprojekte -, fördert das ESRC ausdrücklich auch Forschungsinfrastrukturen. Die sind in Deutschland eher an die außeruniversitären Einrichtungen angebunden.

Was werden Ihre Aufgaben im ESRC sein?

Der "Research Resources Board" entscheidet darüber, was an sozial- und wirtschaftswissenschaftlicher Infrastruktur überhaupt aufgebaut wird und wo, und wer wie ausgiebig bestimmte Einrichtungen nutzen kann. Bei statistischen Erhebungen muss insbesondere kontrolliert werden, dass das erfragt und gemessen wird, was der akademischen Forschung aktuell und künftig dient. Die Research Councils denken dabei strategischer als die DFG und machen langfristige Pläne und vergeben das Geld schließlich im Wettbewerb. Deswegen hat der Resources Board ständig mit der Evaluation zu tun. Für mich persönlich ist besonders die Entwicklung und Mitgestaltung des Verhältnisses der Sozial- zu den Lebenswissenschaften sehr spannend. Denn zunehmend werden auch Gesundheitsinformationen für gesellschaftliche Fragestellungen wichtig: etwa Blutdruck und Gewebeproben. Das biologische Material wird in "Bio-banks", besonders geschützten Datenbanken, gesammelt. Das ist in Großbritannien erheblich weiter fortgeschritten als in Deutschland.

Wieso beruft England Fachleute von ausländischen Instituten?

Großbritannien und Irland wollen sich international weiter öffnen. Neuerdings sollen in einem solchen Board mindestens zwei Ausländer ihre transnationalen Kompetenzen, Erfahrungen und auch Netzwerke einbringen. Man bewirbt sich dafür nicht selber, sondern geeignete Kandidaten werden aufgefordert, ihren Lebenslauf einzuschicken.

Umgekehrt: Was kann ein deutscher Professor dort erreichen, für sich selbst, für die deutsche Forschung?

Ich kann dort persönlich sicher eine Menge Neues lernen, auch in Hinblick auf die Gestaltung solcher Gremien. Inhaltlich ist natürlich die Diskussion um Sozial- und Lebenswissenschaften spannend. Sie wird in Großbritannien viel offener geführt als in Deutschland.

Sollte auch Deutschland Forschungsgremien international besetzen?

Bei den außeruniversitären Einrichtungen wird das tatsächlich schon seit Jahren praktiziert. Etwa der Beirat des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) besteht mehrheitlich aus Ausländern. Die Wirtschaftsforschungsinstitute wurden zum Beispiel alle englischsprachig evaluiert, das heißt, die Evaluationskommissionen hatten einen sehr hohen Anteil von Ausländern. In der DFG wären Quoten-Ausländer keine gute Idee. Die Mitglieder werden schließlich gewählt. Wenn es sich von selbst ergäbe, wäre das natürlich interessant. Insgesamt ist jedoch die Internationalisierung für ein nicht englischsprachiges Land schwieriger. Faktisch müsste man dann ja auch alle Gremiensitzungen auf Englisch umstellen.

Kann es Interessenkonflikte geben?

Ich sehe keine nationalen Interessenkonflikte, in die ich kommen könnte. Forschung ist ja nichts Nationales. Der ESRC handhabt dieses Thema im Übrigen sehr formalisiert; ich halte das für gut. Man muss eine "Conflicts-of-Interest-Charta" unterschreiben. Man darf beispielsweise nicht über Gelder mitentscheiden, von denen man selbst profitiert.

Vielen Dank für dieses Gespräch.

Gert G. Wagner ist TU-Professor für Empirische Wirtschaftsforschung und Wirtschaftspolitik sowie Forschungsdirektor am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin). Er ist unter anderem Mitglied des Wissenschaftsrates und der Working Group "Social Sciences and Humanities" des European Strategy Forum on Research Infrastructure (ESFRI). Gleichzeitig mit der Berufung in den ESRC wurde er in Irland in ein ähnliches Gremium berufen, das sich vor allem mit Nachwuchsförderung befasst.

Patricia Pätzold / Quelle: "TU intern", 7/2007

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