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TU Berlin

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EIN-Blick für Journalisten

Fundgrube der Sitten und Gebräuche

Montag, 20. Juli 2009

Medieninformation Nr. 185/2009

Humboldt-Forschungsstipendiatin Barbara Komenda-Earle sucht die Spuren der Vergangenheit in Redensarten

Wie "aus dem Ärmel geschüttelt" läuft seit September 2007 an der Arbeitsstelle für Semiotik der TU Berlin das Forschungsprojekt "Kulturelle Implikationen der Phraseologie" von Dr. Barbara Komenda-Earle, Linguistin und Dozentin am Germanistischen Institut der Universität Stettin. Im Rahmen eines Forschungsstipendiums der Alexander von Humboldt-Stiftung sortiert sie bildhafte deutsche Redensarten nach einem semiotischen Schlüssel, die anschließend sprachlich und kulturgeschichtlich aufbereitet werden.

Die Fragestellung, an der Barbara Komenda-Earle ihre Arbeit orientiert, ist alles andere als "an den Haaren herbeigezogen". "Die Phraseologie ist für die Forschung eine wahre Fundgrube aktueller und vergangener Sitten, Bräuche, Einsichten, Gewohnheiten", erklärt die Linguistin. "Die Redensarten komprimieren alte Traditionen, Rechtsvorschriften, Aberglauben, aussagekräftige Mimik, Gestik und Körperhaltung." Das bloß metaphorische, der sprachlichen Kreativität entstammende Sprachgut wird von dem realhistorisch fundierten getrennt, es handelt sich also nicht um einfache bildmalerische Ausdrücke wie "Berge versetzen können" oder "das Blaue vom Himmel herunterlügen", sondern um solche, die ihre tatsächlichen Entsprechungen in den Lebensformen und Werthaltungen vergangener Jahrhunderte haben. Beispiele sind "jemandem aufs Dach steigen, Hände ringen, mit Haut und Haaren, am Hungertuch nagen oder jemandem den Kopf waschen".

Neu ist vor allem die Untersuchung der gefundenen Redensarten unter kategorischen Aspekten. Einige Beispiele sind:

  • Sitten und Gebräuche, Traditionen und Verhaltensnormen: jemandem etwas ans Bein binden, ein heißes Eisen anfassen, an den Pranger stellen, auf die Folter spannen (Recht), blauen Montag machen (Handwerk), vom Hundertsten ins Tausendste kommen, tief in der Kreide stehen, einen Strich durch die Rechnung machen (Handel), ans Eingemachte gehen, den Brotkorb höher hängen (Haushalt), Gift und Galle spucken (Medizin),
  • Glauben und Kirche: sich Asche aufs Haupt streuen, jemandem die Leviten lesen, den Teufel an die Wand malen,
  • Gestik, Mimik, Körperaktionen: sich ins Fäustchen lachen, vor jemandem den Hut ziehen, seine Hände in Unschuld waschen,
  • historische Ereignisse und Personen: auf die Barrikaden gehen (französische Revolution), seinen Friedrich Wilhelm darunter setzen (18. Jhd.), in die Bresche springen (Schlacht bei Sempach 1368).

Gleichzeitig geht die polnische Linguistin der Frage nach, wie sich diese Redensarten nach regionalen oder politischen Gegebenheiten verändert haben und prüft, welche gemeinsamen Wurzeln oder Ereignisse ähnlichen Redensarten in Deutschland und Polen oder Deutschland und England zugrunde liegen.

Der wissenschaftliche Gastgeber des Projekts ist Prof. Dr. Roland Posner. Mit historischem Wissen wird Barbara Komenda-Earle unterstützt von Promovend Ronald Rüdiger: "Jede Redensart muss historisch belegt sein, will sie ein Höchstmaß an Authentizität zugesprochen bekommen", sagt er, ",Jemanden um die Ecke bringen‘ hat es historisch-symbolisch nie gegeben, während der Ausdruck ,auf die Barrikaden steigen‘ uns historische Wirklichkeiten vermitteln kann." Die Sammlungen des Archivs der Arbeitsstelle für Semiotik, die umfangreichste Sammlung dieser Art in Deutschland, bieten der Forscherin interessante Anregungen. Das nächste Projekt wird voraussichtlich Recherchen barocker und gestischer Embleme einschließen.

Barbara Komenda-Earle promovierte 2001 an der Adam-Mickiewicz-Universität Posen. Neben der Arbeit "Sekundäre Bedeutungen von Nationalitäts- und Länderbezeichnungen im Deutschen und Polnischen" und dem begleitenden Wörterbuch "Holländern mit englischem Humor" hat sie mehrere Aufsätze unter anderem zu Lexikologie, Lexikografie, Stereotypenforschung und Phraseologie und Parömiologie veröffentlicht. Das laufende AvH-Stipendium ermöglichte ihr außer ergiebiger Vertiefung des Projektthemas sehr wertvolle Kontakte mit internationalen Linguisten, Semiotikern und Kulturforschern.

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Weitere Informationen erteilt Ihnen gern:

Dr. Barbara Komenda-Earle
Technische Universität Berlin
Fakultät I, Geisteswissenschaften
Arbeitsstelle für Semiotik
Tel.: 030/314-23115, 030/308-303-64

Prof. Dr. Roland Posner
Technische Universität Berlin
Fakultät I
Geisteswissenschaften
Leiter der Arbeitsstelle für Semiotik
Tel.: 030/314-23633

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