direkt zum Inhalt springen

direkt zum Hauptnavigationsmenü

Sie sind hier

TU Berlin

Inhalt des Dokuments

Forschung

Tröpfchenweise

Manche Importe landwirtschaftlicher Produkte nach Deutschland tragen zur Wasserknappheit in den Exportländern bei. Doch mit Boykotten lässt sich dieses Problem nicht lösen. Wie dann?

Lupe

In Südspanien wird das Trinkwasser knapp, in Kalifornien brennen jährlich die Wälder, im Südosten des Irans breitet sich die Wüste aus und selbst Teile des wasserreichen Brasiliens leiden mittlerweile unter Dürren.

Was haben diese Regionen gemeinsam? Sie exportieren Agrargüter nach Deutschland, wie Oliven, Mandeln, Pistazien oder Kaffee, deren Bewirtschaftung sehr wasserintensiv ist. Trocknen unser Hunger und Durst nach diesen Gütern die Herstellerländer aus? Oder anders gefragt: Sollten wir im Sinne eines nachhaltigen Konsums auf diese Produkte verzichten?

Dr. Markus Berger, Leiter des Teams „Industrial Ecology“ am Fachgebiet für Sustainable Engineering, beschäftigt sich mit solchen Fragen und sagt: „Der Klimawandel bringt in einigen Regionen der Erde eine jetzt schon spürbare Wasserknappheit mit sich, die sich in den folgenden Jahren noch weiter verschlimmern wird.“ Wollen Deutsche diese Entwicklung nicht noch verschlimmern, müssen sie sich laut Berger damit auseinandersetzen, wie viel Wasser in den exportierenden Ländern verbraucht wird, um jene Güter herzustellen, die von Deutschland importiert werden. Dazu hat er mit seinen Mitarbeiterinnen Iulia Dolganova und Natalia Finogenova im Auftrag der Stiftung „Brot für die Welt“ virtuelle Wasserflüsse analysiert, um den spezifischen Wasserfußabdruck von Agrarimporten berechnen zu können (Erklärung siehe unten).

Es entstehen Angaben wie diese: In jeder Tasse Kaffee stecken 140 Liter Wasser. Die entscheidende Frage sei, so Berger, eine einfache: „Ist das schlimm oder nicht?“ 140 Liter können völlig unproblematisch sein, wenn es sich um die natürliche Verdunstung von Niederschlägen in wasserreichen Gebieten handelt. Dieselbe Menge kann aber gravierende lokale Auswirkungen haben, wenn es sich um eine künstliche Bewässerung in ohnehin schon wasserknappen Regionen handelt. Also kein Kaffee aus Brasilien und keine Nüsse aus dem Iran? Nein, denn der Fokus nur auf den Wasserverbrauch greift für die Wissenschaftler*innen zu kurz. Boykotte oder Strafzölle sind schnell bei der Hand und mögen aus dem Grund, dass die Ressource Wasser geschont werden soll, positiv sein. Aber das sei ja nicht alles. Die Menschen in den genannten Regionen verdienen mit dem Handel dieser Güter ihren Lebensunterhalt.

Berger betont daher: „Wenn wir eine nachhaltige Lebensmittelproduktion für den gesamten Planeten anstreben, helfen Pauschalisierungen nicht. In meinem Team geben wir daher keine schlichten Handlungsempfehlungen ab, sondern richten uns an die Politik. Deutschland und die EU sollten durch Forschungsprogramme vielmehr dabei helfen, dass vor Ort das Wasser effizient genutzt wird. Tröpfchenbewässerung kann den Wasserverbrauch um die Hälfte senken! Ich sage also nicht: ‚Kauft keine Nüsse!‘, sondern: ‚Produziert sie so wasserschonend wie möglich.‘“ Und zwar vorwiegend in den exportierenden Ländern mit Wasserknappheit. Das sei keine Verschiebung des Problems, es habe einfach mehr Sinn, in diesen Regionen Wasser zu sparen, als in Deutschland, das trotz des Sommers 2018 ein wasserreiches Land sei, sagt Berger. „Im wasserreichen Deutschland erreichen wir mit immer mehr Geld immer weniger für die Umwelt. Es wäre also ökologisch und ökonomisch deutlich effizienter, Wasser in wasserknappen Entwicklungsländern einzusparen.“

Aus diesem Grund will Berger mit seiner Arbeitsgruppe den Fokus verschieben: „Statt zu Boykotten aufzurufen, halte ich es für sinnvoller, die Menschen in wasserknappen Exportländern dabei zu unterstützen, ihre Produkte wassereffizient und umweltschonend herzustellen.“ Es gäbe beispielsweise auch in Brasilien Plantagen, deren Kaffee bedenkenlos gekauft werden könne. Allerdings wäre dieser Kaffee oft etwas teurer. „Die entscheidende Frage ist: Sind die Leute bereit, dafür mehr Geld auszugeben?“

Der Wasserfußabdruck

Virtuelles Wasser bezeichnet die Gesamtmenge an Wasser, die für die Herstellung eines bestimmten Produkts verdunstet oder verschmutzt wird. Dies geschieht in dem Land, in dem die Ware produziert wird. Das Wasser ist vor Ort nicht mehr verfügbar, wird aber auch nicht direkt importiert, weshalb man von virtuellem Wasser spricht. Der Wasserfußabdruck drückt die lokalen Konsequenzen einer Wassernutzung aus.

Präsentation und Reaktion

Welche Brisanz die Studie zum Wasserfußabdruck europäischer Agrarimporte mit sich bringt, zeigt eine Episode, die Forscherin Iulia Dolganova auf dem World Water Forum im März 2018 in Brasilien erleben musste. Nach der Präsentation ihrer Studienergebnisse wurde sie angefeindet. Und zwar auch von höchster Stelle: „Am Tag nach meiner Präsentation gab Brasiliens Landwirtschaftsminister (der auch Vorstandsmitglied eines großen Agrarkonzerns ist) eine Pressemitteilung heraus, dass die hohen Zahlen für virtuelles Wasser bei landwirtschaftlichen Produkten keine wissenschaftliche Grundlage hätten und nur eine urbane Legende seien.“ Entmutigen lassen sich die Forscher von derartigen „Fake News“ aber nicht. Im Gegenteil, sagt Iulia Dolganova, die Reaktion verdeutliche: „Unsere Wissenschaft zeigt Wirkung!“

Jochen Müller, "TU intern" Februar 2019

Zusatzinformationen / Extras

Direktzugang

Schnellnavigation zur Seite über Nummerneingabe

Diese Seite verwendet Matomo für anonymisierte Webanalysen. Mehr Informationen und Opt-Out-Möglichkeiten unter Datenschutz.