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TU Berlin

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Forschung

Mut zur Wildnis

Montag, 29. Juli 2019

Berliner Bienen brauchen Futter und geeignete Lebensräume – ein Forschungsprojekt

Auf 15 Modellflächen im Stadtgebiet haben die Forscher*innen ihre vielfältigen Pflanzenkisten aufgestellt, um Daten über Bienen und andere Bestäuber zu sammeln
Lupe

„Den Bienen geht es nicht gut in Deutschland – dabei brauchen wir sie und andere Bestäuber dringend, um die Artenvielfalt zu fördern und zu sichern“, sagte Berlins Umweltsenatorin Regine Günther als sie die neue Berliner „Bienenstrategie“ vorstellte. Doch wie geht es eigentlich den Berliner Bienen? Stehen die Honigbienen in Nahrungskonkurrenz zu den Wildbienen? Finden sie genügend Lebensraum? Hilft die Hobby-Imkerei, die sich derzeit in der Stadt ausweitet, Vielfalt und Bestäubungsaufgaben zu unterstützen? Das TU-Forschungsprojekt „Unterstützung der Berliner Bienenstrategie durch Optimierung des Wildbienenschutzes“, das am TU-Institut für Ökologie angesiedelt ist, will erstmals Grundlagen schaffen.

„Derzeit spielen beim Thema Bienen und Artenschutz Emotionen noch eine größere Rolle als Fakten“, sagt Dr. Sascha Buchholz, einer der Projektleiter neben Prof. Dr. Ingo Kowarik und seiner Kollegin Dr. Leonie Fischer vom TU-Fachgebiet Ökosystemkunde/Pflanzenökologie. „Wir beschäftigen uns bereits seit 2012 mit Forschungen zur Vielfalt urbaner Wildbienen“, so Sascha Buchholz. „Eine Langzeitstudie zum Beispiel, die von einem Insektenrückgang von 76 Prozent innerhalb von 27 Jahren sprach, sorgte 2017 für helle Aufregung. Doch kann eine solche Einzelstudie keine allgemeingültigen Aussagen treffen. Dafür fehlen noch die Grundlagen zu vielen Aspekten der Biodiversitätsforschung.“
Derzeit gewinnen Stadträume als Lebensraum für Bestäuber immer größere Bedeutung, denn Monokulturen, Pestizide und fehlende Blühstreifen drängen diese auf dem Land immer weiter zurück. Doch auch im Stadtgebiet machen Flächenversiegelung und fehlendes Nahrungsangebot insbesondere den Wildtieren immer mehr zu schaffen.
„Die Berliner*innen wollen helfen“, so Sasche Buchholz. „Daher gibt es im Berliner Stadtgebiet mittlerweile eine hohe Dichte von Honigbienenvölkern, aber oft fehlen Qualifikation der Akteure und Wissen über die Auswirkungen von Honigbienendichten auf die einheimische Wildbienenfauna.“ Eines der Ziele des Projekts ist es deshalb, zu untersuchen, wie der Wildbienenschutz mit der Haltung von Honigbienen zu vereinbaren ist. „Insekten, und gerade Bienen, sind allgemein gefährdet, das ist richtig“, erklärt Anita Grossmann, ebenfalls Forscherin im Projekt. „Von den in Deutschland vorkommenden 585 Wildbienenarten steht etwa die Hälfte auf der Roten Liste.“ Die Wissenschaftlerin hat gemeinsam mit ihrer Kollegin Anika Gahof bereits in ihrer Masterarbeit zu Bestäubern in der Stadt geforscht. Auf mehr als 50 Trockenrasen in Berlin hatten sie unter anderem 108 Wildbienenarten gezählt. „Vielen dieser Wildbienen fehlen die Lebensräume sowie ein ausreichendes und geeignetes Nahrungsangebot“, erklärt sie. Im aktuellen Projekt mit der Senatsverwaltung ist unter anderem eine Aufwertung von potenziellen Lebensräumen für Berliner Bienen geplant, indem berlinspezifische Empfehlungen für bestäuberfreundliche Ansaatmischungen und Gehölzpflanzungen erarbeitet werden. Zudem sei es notwendig, geeignete Habitatstrukturen zu schaffen, auch im hauseigenen Garten oder auf dem Balkon, in denen sich die Wildbienen wohlfühlen – zum Beispiel Totholz und Laub liegen zu lassen, wenig zu mähen und Verdichtungen der Böden durch Betonieren zu vermeiden. „Wildbienen sind wichtige Bestäuber, leben vorwiegend solitär, bilden also keine Staaten, sondern versorgen ihre Brutzellen ohne die Hilfe von Artgenossen. Nur Hummeln, die auch zu den Wildbienen zählen, und wenige Wildbienenarten führen eine ähnlich soziale Lebensweise wie die Honigbienen. Doch Honig produzieren diese nicht“, erklärt Anika Gahof. „Sie sind außerdem, anders als die Honigbienen, oft recht spezialisiert und deshalb auf bestimmte Pflanzenarten sowie auf Habitatstrukturen angewiesen.“ Ob sie in Nahrungskonkurrenz zu den Honigbienen stehen, weiß man nicht. Auch darüber soll das Forschungsprojekt Aufschluss geben. Auf 15 Modellflächen im Stadtgebiet, unter anderem in Tegel, in Kladow, in Beelitzhof oder im Wedding, wird ein bislang einzigartiges Experiment durchgeführt. Die Forscher*innen haben Kästen mit – auch farblich – unterschiedlichen Blumen und Pflanzen in verschiedenen Abständen zu Bienenstöcken aufgestellt, um unter anderem zu erfassen, welche Wildbienen und anderen Bestäuber die Pflanzen anfliegen und ob eine Nahrungskonkurrenz zu Honigbienen nachzuweisen ist.
„Wir freuen uns, dass das Thema in der Öffentlichkeit bereits so großen Raum einnimmt“, so Sascha Buchholz, „deshalb ist es wichtig, mit Missverständnissen aufzuräumen.“ Beispielsweise sei Imkerei kein Natur- oder Artenschutz, sondern eine landwirtschaftliche Dienstleistung. „Die Honigbiene ist ein von Menschen gepflegtes Nutztier. Um Artenschutz zu betreiben, müssen wir etwas für Wildbienen tun, für Falter, Schwebfliegen, Wespen und Käfer. Hierfür wollen wir die Bevölkerung sensibilisieren.“ Mut zur Wildnis gehöre dazu, auch im eigenen Garten, und: Freude an einheimischen Pflanzen und an der städtischen Insektenvielfalt.

www.tu-berlin.de/?206347
https://bienen-nachrichten.de/wissenschaften 
www.berlin.de/senuvk/natur_gruen/biologische_vielfalt/de/publikationen (Bienenstrategie)

Patricia Pätzold, "TU intern" Juli 2019

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