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TU Berlin

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Forschung

Mit Birchermüsli fing alles an

Trends und Gegentrends in der Esskultur

Bierschinken-Brötchen oder Körner und Obst zum Frühstück? So, wie ich esse, so bin ich. Essen sei auch ein Distinktionsmerkmal, sagt der Historiker Uwe Fraunholz
Lupe

Wenn sich Menschen danach sehnen, möglichst ursprüngliche, unbehandelte und daher scheinbar gesunde Nahrung zu sich zu nehmen, ist das ein Zeichen für einen Wendepunkt. Dann nämlich haben sie genug von industriegefertigter Nahrung, von künstlicher Ernährungsoptimierung, kurz: von all den neumodischen Errungenschaften der Lebensmittelindustrie. Eine solche Gegenbewegung zu Molekularküche, Gentechnik oder industriellem Fleisch beobachtet Prof. Dr. Uwe Fraunholz, Gastprofessor für Technikgeschichte, in den Veganer- und Öko-Bewegungen der Gegenwart. Und er beobachtet Ähnliches auch Anfang und Mitte des 20. Jahrhunderts, als zwei Weltkriege die westliche Welt an den Rand des Zusammenbruchs geführt hatten – und Nahrung generell knapp wurde. „Damals wurde mit Hefepilzen und anderen Zusatzstoffen experimentiert“, so Fraunholz. „Die Herausforderungen waren einerseits, die Zivilbevölkerung zu ernähren. Andererseits musste man energiereiches und leicht transportables Essen für Soldaten erfinden.“ Auf den sprichwörtlichen Geschmack ist zu der damaligen Zeit aber nicht jeder gekommen – im Gegenteil. „Die Entfremdung von der Nahrung führte dazu, dass damals ganz neue gesellschaftliche Strömungen entstanden sind“, so Fraunholz. Schon die Lebensreformer waren die Öko-Hippies des frühen 20. Jahrhunderts, und statt Tofu servierten sie Birchermüsli. Den Mega­trend zu industriell gepimpter Nahrung aufhalten konnten sie freilich nicht. Bis heute finden sich im Supermarkt proteinreiche Sportlerriegel und Astronautennahrung.

Not macht erfinderisch, das hat Fraunholz aus der Geschichte gelernt. Wenn es zu Innovationen im Anbau oder in der Produktion von Lebensmitteln kommt, ist der Grund meist eine Verzweiflung, nicht mehr alle Menschen ernähren zu können. „Wir nennen das eine Malthusianische Wende, benannt nach dem britischen Ökonomen Thomas Robert Malthus“, sagt Fraunholz, „und paradoxerweise ist sie die Folge einer längeren Wohlstandsperiode.“ Als Beispiel führt der Forscher die Jahre 1750 bis 1800 an. „Das war eine Phase relativen Wohlstandes“, so Fraunholz. Die Wirtschaft war gewachsen, durch die beginnende Industrialisierung konnte zunächst auch die Agrarwirtschaft einen neuen Produktivitätsschub erfahren. Doch an einem gewissen Punkt kam die Lebensmittelversorgung nicht mehr hinterher, weil die Bevölkerung explodierte.

Malthusianische Wenden können verschiedene Folge-Szenarien auslösen. Eine Hungersnot und der Ausbruch von Krankheiten wären möglich, ebenso Migrationsbewegungen in fruchtbarere Regionen. Ende des 18. Jahrhunderts reagierte die europäische Bevölkerung auf Hungersnöte mit Aufständen, in deren Mittelpunkt häufig symbolisch aufgeladene Lebensmittel des täglichen Bedarfes standen. „Der Sturm auf die Bastille in Frankreich 1789 wurde auch ausgelöst durch hohe Brotpreise, über die sich die Bevölkerung empörte“, sagt Fraunholz. Daran könne man gut erkennen, welchen hohen Stellenwert das Brot zur damaligen Zeit hatte.

Heute hingegen steht Europa nicht an der Schwelle einer neuen Malthusianischen Wende, da ist sich Fraunholz ziemlich sicher. In Frankreich wird nicht etwa wegen zu hoher Brotpreise, sondern wegen gestiegener Benzinkosten protestiert. Und wie lässt sich mit dem Wissen aus der Vergangenheit der heutige Trend zu Veganismus und Öko-Lebensmitteln deuten? „Essen war schon immer ein Distinktionsmerkmal“, so Fraunholz. „Wenn ich zu einer bestimmten gesellschaftlichen Schicht gehöre, dann ernähre ich mich auch deshalb anders als andere Schichten, weil ich mich von ihnen abgrenzen will.“ Wer sich heute also vegan ernährt, dem ist bestimmt die Umwelt wichtig, und die eigene Gesundheit ebenso. Aber ein bisschen ist es doch Berliner Großstadt-Blase, in der man zeigen will: Ich bin zu gebildet und aufgeklärt, um mir für 1,99 Euro Buletten beim Discounter zu kaufen.

Michael Metzger, "TU intern" Februar 2019

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