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TU Berlin

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Forschung

Keine Seelenverkäufer

Freitag, 17. Mai 2019

Wrack von La Madrague de Giens: Die Sicherheits­standards römischer Handelsschiffe waren höchst modern

Sebastian Ritz (l.) und Thomas Kirstein fanden heraus, dass das antike Schiff stabil und kentersicherer war als ein modernes Hochseeschiff
Lupe

Schiffe seien „dem Tode willkommene Mittel“ heißt es bei dem römischen Dichter Sextus Propertius. „Das Urteil ist zwar verständlich, weil Propertius bei einem Schiffsunglück einen Freund verloren hatte“, sagt Dr. Thomas Kirstein, „aber es ist maßlos übertrieben.“ Vielmehr, so der Historiker, seien die römischen Handelsschiffe erstaunlich sicher gewesen, denn die Seegangs­eigenschaften wie Kentersicherheit oder das Rollen, Tauchen und Stampfen entsprächen durchaus heutigen Normen. Auch wiesen antike Schiffe eine hohe bauliche Qualität auf. Das ist das Fazit eines interdisziplinären Forschungsprojektes der TU-Fachgebiete Technikgeschichte und Entwurf & Betrieb Maritimer Systeme.

Zusammen mit den Wissenschaftlern Sebastian Ritz und Alwin Cubasch untersuchte Thomas Kirstein, wie es sein konnte, dass den römischen Schiffen als Transportmittel auf den Meeren in schriftlichen Quellen unisono einerseits ein verheerendes Zeugnis ausgestellt wurde, andererseits Passagiere den Seeweg nutzten und Kaufleute ihre Waren den vermeintlich gefährlichen Schiffen immer wieder anvertrauten. „Dieser Widerspruch machte uns stutzig“, sagt Kirstein, der am Fachgebiet Technikgeschichte lehrt. Welcher Kaufmann hätte einem Schiff seine Waren anvertraut, wenn er davon ausgehen musste, dass das Schiff mit hoher Wahrscheinlichkeit untergehen würde, wie zahlreiche Texte von Seneca, Lukrez, Cato und vielen anderen suggerieren. Lukrez zum Beispiel nennt die Seefahrt eine „verderbliche Kunst“.

Ritz, Cubasch und Kirstein nahmen ihre Forschungen am Wrack von La Madrague de Giens vor, einem römischen Handelsschiff vom damals weit verbreiteten Typ Ponto. Sie untersuchten dessen Kenter- und Bewegungsverhalten. Taucher hatten das Schiff, zwischen 60 und 50 v. Chr. nahe der französischen Halbinsel La Madrague de Giens gesunken, 1967 gefunden: ein Zweimaster, 40 Meter lang und neun Meter breit.  Anhand dieser und weiterer Daten zu Beplankung, Spanten, Deck, Ladung, der schiffstechnischen Ausrüstung und mitreisenden Passagieren samt Gepäck ermittelten sie das Gewicht und erstellten ein computerbasiertes Schiffsmodell. Dieses wurde virtuell Wind und Wellen ausgesetzt, um herauszufinden, unter welchen Bedingungen das Schiff kentern oder sinken würde.

„Wir verglichen die Ergebnisse der Stabilitätsuntersuchungen des römischen Handelsschiffes mit einem vergleichbaren modernen Hochseeschiff und stellten fest: Das antike Schiff war kentersicherer als das moderne und zeichnete sich durch eine gute Stabilität aus“, sagt Sebastian Ritz. Seine computerbasierten Simulationen ergaben außerdem, dass das Schiff von La Madrague auch den heutigen Anforderungen des „International Code on Intact Stability“ an die Schiffsstabilität genügt hätte.

Neben der Kentersicherheit des antiken Schiffes wurden seine Roll-, Tauch- und Stampfbewegungen im Seegang untersucht. Auch diesen hydrodynamischen „TÜV“ bestand das Schiff gut. „Lediglich die rundere Rumpfform dämpfte die Rollbewegung des Schiffes weniger, insbesondere bei seitlichem Seegang, sodass mehr Personen seekrank wurden“, so Ritz.

Doch Seekrankheit mindert die Fähigkeit, eine Situation realistisch einzuschätzen. Das, so die Schlussfolgerung der Wissenschaftler, könnte die Ursache dafür gewesen sein, dass die Schifffahrt von den Autoren antiker Reiseberichte als direkter Weg ins „nasse Grab“ empfunden wurde.

Sybille Nitsche, "TU intern" Mai 2019

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