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Forschung

Erdgas und Klimaschutz – ein Widerspruch

Freitag, 25. Oktober 2019

Hanna Brauers und Isabell Braunger über den Bau von vier Terminals für den fossilen Energieträger in Deutschland

Hanna Brauers (l.) und Isabell Braunger vom Fachgebiet Wirtschafts- und Infrastruktrurpolitik
Lupe

Die Pläne, in Deutschland an vier Standorten Importterminals zu bauen, an denen verflüssigtes Erdgas vielleicht schon ab 2022 angelandet werden soll, sind zum Gegenstand Ihrer Forschung geworden. Warum?
Isabell Braunger: … weil wir in Deutschland keine zusätzliche Erdgasinfrastruktur brauchen. Wir verfügen über eine hervorragend ausgebaute Infrastruktur für den Import, die Speicherung und das Weiterleiten von Erdgas. Energiewirtschaftlich ist diese Investition deshalb nicht notwendig, und die positiven Signale, die den Investoren von Seiten der Politik gemacht werden, sind nicht vereinbar mit Klimaschutzzielen. Erdgas ist ein fossiler Energieträger. Bei der Produktion, dem Transport und dem Verbrennen von Erdgas wird das klimaschädliche Gas Methan freigesetzt. Laut Weltklimarat IPCC ist die Klimawirksamkeit von Methan auf 20 Jahre betrachtet 86-mal höher als die von CO2. Die Frage, mit der wir uns beschäftigen, ist: Warum wird in Deutschland in einen solch klimaschädlichen Energieträger investiert, wenn die Bundesregierung das Ziel hat, dass Deutschland bis 2050 zu 100 Prozent auf erneuerbare Energien umgestiegen, also klimaneutral sein soll? Das passt nicht zusammen.

Und warum wird in Erdgas investiert?
Hanna Brauers: Eine Begründung, die für den Bau der vier Terminals angeführt wird, ist Versorgungssicherheit. Verschiedene Akteure argumentieren, dass vor dem Hintergrund von Atom- und Kohleausstieg Erdgas die Versorgung des Industriestandortes Deutschland mit Strom und Wärme gewährleisten und somit der Erdgasverbrauch steigen müsste. Was wir in Frage stellen, da erstens der Erdgasverbrauch, um Klimaschutzziele zu erreichen, sinken muss und außerdem ausreichend Kapazitäten für den Import von Erdgas bestehen. Die andere Begründung lautet, dass der zusätzliche Import von Flüssigerdgas die Preise für Gas senken würde. Allerdings ist dieses aktuell wesentlich teurer als Pipelinegas.
Braunger: Und ein dritter Grund für den Bau, der lange von der Erdgasindustrie und deren Lobbyverbänden angeführt wurde, ist, dass Erdgas klimafreundlicher sei als Erdöl und Kohle. Aber dieses Narrativ bröckelt zunehmend, da die wissenschaftlichen Erkenntnisse darüber, dass auch Erdgas in hohem Maß zur Klimakatastrophe beiträgt, stark zunehmen. Bei der Argumentation für den Bau der vier Terminals wird das Argument vom klimafreundlichen Erdgas deshalb immer seltener ins Feld geführt, dafür eher die Versorgungs- und Preissicherheit.

Können Sie erläutern, wie Erdgas zu diesem Image kam, ein sauberer Energieträger zu sein?
Brauers: Das hat etwas mit der Entwicklung wissenschaftlicher Erkenntnisse zu tun. Zu Beginn der Debatte um die Erderwärmung lag der Fokus auf CO2 als dem Hauptverursacher, auch um die Kommunikation über den Klimawandel einfacher zu machen. Und CO2 wird eben hauptsächlich beim Verbrennen von Kohle und Erdöl ausgestoßen. Erdgas emittiert bei der reinen Verbrennung „nur“ die Hälfte dessen, was Kohle an CO2 ausstößt. Es lagen lange keine verlässlichen Studien darüber vor, wie viele Treibhausgase über den gesamten Lebenszyklus von Erdgas ausgestoßen werden. International gab es deswegen eine, immer noch wachsende, Allianz gegen Kohle. Und weil der Fokus auf der Kohle lag, konnte sich Erdgas der Aufmerksamkeit von Regierungen und zivilgesellschaftlichen Institutionen entziehen.
Braunger: Außerdem spielt den Projektplanern der Terminals die Tatsache in die Hände, dass der Schiffsverkehr momentan noch mit Schweröl läuft. Es ist richtig, dass verflüssigtes Erdgas hinsichtlich Feinstaub und Stickoxiden eine bessere Bilanz hat als Schweröl. Also wird Erdgas als der saubere, klimafreundliche Energieträger in Szene gesetzt. Unterschlagen wird dabei, dass es die Klimabilanz nur unwesentlich verbessern würde und das Umrüsten auf eine Technologie bedingt, die nicht in eine klimaneutrale und auf erneuerbaren Energien basierende Welt passt. Ein anderes Narrativ, das entwickelt wird, um den Ausbau der Erdgasinfrastruktur zu rechtfertigen, ist, dass diese Terminals und Netzanschlüsse in Zukunft für synthetischen Wasserstoff oder synthetisches Methan genutzt werden können. Ich sage mit Absicht „Narrativ“, da diese Aussage so nicht ganz zutreffend ist. Es ist technisch nicht möglich, die Terminals für Wasserstoff zu nutzen. Es bestünde die Möglichkeit, synthetisches Methan anzulanden. Wir wissen aber heute noch gar nicht, wo sich in Zukunft Märkte dafür entwickeln werden. Häufig wird auch davon gesprochen, dass Erdgas ein unerlässlicher Energieträger für den Übergang vom fossilen in das erneuerbare Energiezeitalter ist.

Was ist daran falsch?
Brauers: Die Klimabilanz von Erdgas ist ähnlich schlecht wie die von Kohle, außerdem würden Erneuerbare mehr zu Versorgungssicherheit und Import­unabhängigkeit beitragen. Erdgas ist ein klimaschädlicher, teurer und, auch durch geopolitische Konflikte, unsicherer Energieträger. Bis 2050 sollen Deutschland und die EU klimaneutral sein. Vor diesem Hintergrund ist eine Reduktion des Erdgasverbrauchs geboten und nicht ein Ausbau einer Erdgasinfrastruktur. Insbesondere, weil erneuerbare Energien tatsächlich zu Versorgungssicherheit und Klimaneutralität beitragen würden.

Wer beabsichtigt, die vier Terminals zu bauen, und wo?
Braunger: Sie sollen in Brunsbüttel, Wilhelmshaven, Stade und Rostock gebaut werden. Es sind private In­vestoren, und ihr Planungsprozess profitiert durchaus von politischem Rückenwind, so unsere ersten Analysen.

Welche Rolle spielt bei diesem politischen Rückenwind der Handelskrieg zwischen den USA und Europa, im Zuge dessen Jean-Claude Juncker mit Donald Trump aushandelte, dass auf europäische Autos keine Zölle erhoben würden, und im Gegenzug, verflüssigtes Gas Amerika abzunehmen?
Brauers: Trump ist definitiv nicht der Hauptgrund für den Bau der Terminals. Wir versuchen gerade zu erforschen, warum sie zu einem Zeitpunkt gebaut werden sollen, der aus Klimaschutzperspektive unsinnig erscheint. Außerdem: Das sind Millionen Euro an Investitionen, die ja nicht in den sprichwörtlichen Sand gesetzt werden, sondern Gewinn bringen sollen. Für wen lohnen sie sich? Und warum werden sie nicht in den Ausbau der erneuerbaren Energien gesteckt, mit dem Ziel, die Klimaneutralität bis  2050 hinzubekommen? Das untersuchen wir am Fachgebiet Wirtschafts- und Infrastrukturpolitik.

Das Interview führte Sybille Nitsche

Louise Michelle Fitzgerald, Isabell Braunger and Hanna Brauers: Destabilisation of Sust­ainable Energy Transformations: Analysing Natural Gas Lock-in in the Case of Germany
https://opendocs.ids.ac.uk/opendocs 

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