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TU Berlin

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Forschung

Eine Meile in den Schuhen anderer

Montag, 29. Juli 2019

Was mit Ethnografie über Digitalisierung und Zusammenarbeit zu erfahren ist

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Stahlkappenschuhe, Ethnologie, Digitalisierung – das soll etwas miteinander zu tun haben? „Ja“, sagt Frauke Mörike und muss über den ungläubigen Ton, der in der Frage mitschwingt, schmunzeln. Die Ethnologin und Wirtschaftsinformatikerin forscht am Fachgebiet Arbeitswissenschaft von Prof. Dr. Markus Feufel zu der Frage, wie die Digitalisierung die Zusammenarbeit der Beschäftigten in einer Firma verändert. Um die Auswirkungen digitaler Technologien aus der Perspektive der Beschäftigten erfassen zu können, nutzt sie einen Ansatz aus der qualitativen Sozialforschung, die Ethnografie. „Ethnografie”, sagt Dr. Frauke Mörike, „beschreibt man auch als ‚walking a mile in the shoes of others‘, also das zeitweilige Hineinschlüpfen in die Schuhe eines anderen.“
14 Tage lang tauschte sie ihre leichten Sneaker gegen schwere Stahlkappenschuhe, ohne die sie die Werkhallen eines mittelständischen Metallbaubetriebs in Süddeutschland nicht hätte betreten dürfen. So „beschuht“ wich sie den Beschäftigten von Schichtbeginn bis Schichtende nicht von der Seite. Die teilnehmende Beobachtung ermöglicht es ihr, die verborgenen Codes etwa zum Thema Zusammenarbeit in einem Unternehmen aufzuspüren. Wieso dies wichtig sein kann? „Ich erkläre das immer am Beispiel der Kaffeetasse auf dem Schreibtisch meiner Gesprächspartner. Ob die als Geschenk der Firma vergebene Tasse dort steht oder die private mit dem Spruch ‚Das Schönste am Job ist, dass sich der Stuhl dreht‘, ist vielleicht ein Indiz dafür, inwiefern die Firmenphilosophie von den Beschäftigten angenommen wird oder ob eher eine ironische Distanz besteht. So etwas bekomme ich nur heraus, wenn ich vor Ort bin“, erläutert Frauke Mörike. „Ethnologie, die Wissenschaft vom kulturell Fremden, wird meistens mit der Erforschung unbekannter ethnischer Gruppen in fernen Ländern assoziiert. Aber für mich als Wissenschaftlerin ist die Organisationsstruktur eines Unternehmens erst einmal genauso fremd. Deshalb eignen sich diese Methoden eben auch für meine Untersuchungen.“
Was sich Frauke Mörike im Zusammenhang mit der Frage, wie die Digitalisierung die Zusammenarbeit verändert, in dem mittelständischen Unternehmen bot, war so ganz anders, als sich der viel beschworene Aufbruch in das Zeitalter von Industrie 4.0 mit einer allumfassenden digitalen Vernetzung oft in den Medien darstellt. Denn auch wenn in der Firma viele Arbeitsbereiche bereits digitalisiert waren, spielte auch die nichtdigitale Kommunikation noch immer eine Rolle. Bei dringenden Aufgaben lief die Verständigung zwischen Produktions- und Verwaltungsabteilungen über eine gelbe Karte. Wurde sie in die Hand einer Dekofigur im Büro geklemmt, signalisierte das: Achtung, ein Eilauftrag ist zu bearbeiten. Auf diesen Kniff waren die Mitarbeitenden gekommen, nachdem sie festgestellt hatten, dass Eilaufträge zu lange liegen blieben. Da die im IT-System verfügbaren Priorisierungsmöglichkeiten nicht dieselbe Alarmwirkung hatten, bedienten sich die Mitarbeitenden der gelben Karte, um den Prozess zu beschleunigen. Besonders in Stresssituationen wurde auf solche „No-Tech“-Lösungen zurückgegriffen, um reibungslos zusammenzuarbeiten.
„Die Erkenntnisse aus einer solchen Feldforschung erlauben ein besseres Verständnis davon, wie das Zusammenspiel von analogen ‚No-Tech‘- und digitalen ‚Hightech‘-Lösungen aus der Perspektive der Beschäftigten gestaltet werden kann“, so Frauke Mörike.

Hier finden Sie den ausführlichen Bericht: https://www.tu-berlin.de/?id=207140

Sybille Nitsche, "TU intern" Juli 2019

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