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Forschung

Eigensinn im ­Bruderland

Freitag, 25. Oktober 2019

Eine Webdokumentation des ­Zentrums für Antisemitismus­forschung der TU Berlin zeigt das Leben von Migrant*innen in der DDR

1988: Gastarbeiter aus Mosambik im Lederwarenkombinat Schwerin
Lupe
Pham Thi Hoài
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„Meine Eltern haben gejubelt, denn alle träumten davon, ins Ausland zu gehen. Erst kurz vor der Abreise erfuhr ich, wohin es ging Ich kannte die DDR eigentlich gar nicht.“ Als 16-Jährige wird Pham Thi Hoài 1978 aus Nordvietnam in die DDR geschickt, um mit 13 anderen leistungsstarken Schüler*innen im Auftrag der kommunistischen Regierung innerhalb von fünf Jahren Archivwissenschaft zu studieren.

Mai Phuong
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„Wir sollten später das Archivwesen in Vietnam aufbauen. Ich wusste nicht mal, was ein Archiv ist“, erzählt die seit 2000 in Berlin lebende Akademikerin in der Webdokumentation „Eigensinn im Bruderland“, die das Zentrum für Antisemitismusforschung (ZfA)der TU Berlin jetzt veröffentlicht hat. Zwischen 1951 und 1989 studierten circa 70 000 junge Menschen aus über 125 Ländern in der DDR, etwa die Hälfte kam aus den sogenannten „befreundeten Staaten“ wie Vietnam, Mosambik, Kuba oder Chile. Sie bezahlten keine Studiengebühren, bekamen einen Wohnheimplatz und häufig ein Stipendium der DDR.
Die größte Gruppe von Migrant*innen bildeten neben Studierenden und politisch Verfolgten jedoch die „ausländischen Werktätigen“. Bilaterale Abkommen sollten ihnen eine qualifizierte Aus- und Weiterbildung garantieren, doch die DDR-Führung sah in ihnen vor allem dringend benötigte Arbeitskräfte. „Während des Deutschkurses habe ich gedacht: Komisch, wir lernen nur Wörter wie ‚Teller‘, ‚Topf‘, ‚Messer‘. Dann hieß es: ‚Wir stecken euch in die Küche.‘ 1981 war Koch in ­Vietnam kein Beruf, Frauen mussten sowieso immer kochen. Die Ausbildung brachte mir also erst mal gar nichts.“ Trotzdem arbeitete Mai Phuong bis 1989 in den Großküchen des Rostocker Hafens im Schichtsystem, denn die Tätigkeit wechseln zu wollen oder gegen die „sozialistische Arbeitsdisziplin“ zu verstoßen, bedeutete, zurückgeschickt und dort teilweise hart bestraft zu werden. „Die DDR zeigte sich offiziell weltoffen, betonte die internationale Solidarität. Und doch sind heute Alltagsrassismus und rassistische Parteien auf dem Gebiet der ehemaligen DDR so verbreitet. Wir wollten daher wissen, wie sich Migrant*innen in der DDR behauptet haben“, erklärt Dr. Isabel Enzenbach, die als wissenschaftliche Mitarbeiterin des ZfA zusammen mit „out of focus medienprojekte“ die Dokumentation erarbeitet hat. Zeitzeugeninterviews und animierte Illustrationen geben persönliche Einblicke in das Leben als Migrant*innen in der DDR, Akten der DDR-Behörden und Einführungstexte erläutern die politischen Hintergründe. Unterstützt wurde das Projekt von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Ende 1989 lebten rund 190 000 Mi­gran­­t*in­nen in der DDR, fast 60 000 kamen aus Vietnam. Studierende konnten ihr Studium meist im vereinigten Deutschland abschließen, Ar­bei­ter*innen drohte der Verlust des Arbeits- und Wohnheimplatzes und damit die zwangsweise Rückführung. „Die Migrant*innen wurden nun häufig als Konkurrent*innen auf dem Arbeitsmarkt gesehen“, so Isabel Enzenbach. „Rassismus, Gewalt und Ablehnung schlugen ihnen vermehrt entgegen. Ein trauriger Höhepunkt: der Neonazi-Angriff auf ein Wohnheim in Hoyerswerda – unter den Augen der Polizei.“

Romina Becker
1971, Berlin-Ostbahnhof – Gaststudierende aus Vietnam treffen ein
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1975, Leipzig – Deutschunterricht für die Vorbereitung aufs Studium
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1970, Leipzig – Studienbeginn am Herder-Institut
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