direkt zum Inhalt springen

direkt zum Hauptnavigationsmenü

Sie sind hier

TU Berlin

Inhalt des Dokuments

Foschung

Die Theorie des guten Lebens

Die Philosophin Birgit Beck verrät, wie eine als „Schweinephilosophie“ verschriene Ethik uns den Weg zum Genuss ohne Reue weisen kann

Der moderne Mensch macht es im Gehen und Stehen: Mails checken und nebenbei aus dem Pappbecher essen oder umgekehrt
Lupe

Der Bundestagswahlkampf 2013 geriet für die Grünen zum Menetekel. Ihr Vorschlag, einen vegetarischen Tag in öffentlichen Kantinen einzuführen, löste Empörung aus. „Lustfeindlich“ sei diese „Partei der Verbote“, hieß es in Medien und sozialen Netzwerken. Im Ergebnis büßte sie deutlich an Stimmen ein. Der „Veggie Day“ gilt seither als Musterbeispiel linker Bevormundung und als Synonym für politischen Selbstmord.

Das ist erstaunlich, nicht zuletzt angesichts der Tatsache, dass unter Fachleuten Einigkeit darin herrscht, dass wir Bürger*innen wohlhabender Industrienationen unseren Fleischkonsum drastisch reduzieren müssen. Aus gesundheitlichen, ökologischen und tierethischen Gründen. Prof. Dr. Birgit Beck, Leiterin des Fachgebietes Ethik und Technikphilosophie, überraschte die ablehnende Reaktion der Bevölkerung auf den „Veggie Day“-Vorstoß der Grünen dennoch nicht: „Der Vorschlag wurde negativ konnotiert, weil er bei oberflächlicher Betrachtung Verzicht und Bevormundung suggerierte, und war daher chancenlos.“

Ein Blick in die Philosophiegeschichte offenbart, dass es auch anders geht: „Epikur zeigt, dass es gar nicht um Verzicht geht, sondern um ein gutes Leben.“ Der altgriechische Philosoph lebte um 300 vor Christus und prägte eine Ethik, die als „Hedonismus“ bekannt wurde. Eine, so Birgit Beck, „vernachlässigte philosophische Theorie“ von brandheißer Aktualität. Hedonismus? War das nicht die Lehre vom Genuss? „Ja“, bestätigt Beck, um gleich darauf zu betonen, dass meist falsch verstanden wird, was damit gemeint ist. „Der epikureische Hedonismus war einer des Genusses und des freudvollen Lebens. Er wurde von philosophischen Gegnern als ‚Schweinephilosophie‘ diffamiert. Dabei ging es Epikur nicht um Ausschweifungen, sondern im Gegenteil darum, sich mit Einfachem zu begnügen. Epikur meinte, mit einem Stück Käse und Brot in Gesellschaft seiner Freunde sei er vollkommen zufrieden. Hedonismus bedeutet also, zu genießen, was man hat. Mit Maß und Ziel. Denn wer sich moderat verhält, muss auf nichts verzichten.“

Insofern könne man von dem antiken Genießer viel lernen. Statt den Menschen zu sagen, was sie alles nicht dürften, so Beck, wäre der bessere Weg, aufzuzeigen, dass eine Änderung von Ernährungsgewohnheiten lust- und genussvoll sein kann und keineswegs Verzicht bedeuten muss. „Dann entdecke ich vielleicht ganz neue Geschmäcker, jenseits des Schweinefilets. Dabei erhalten auch Einstellungen zu Lebensmitteln die Chance, sich zu ändern. Das Ergebnis eines solchen Bewusstseinswandels könnte sein, eventuell gar keine Produkte tierischer Herkunft mehr essen zu wollen. Wir wissen zum Beispiel heute, dass Schweine sehr empfindsame Wesen sind, und auch, welche bedenklichen Folgen für Menschen, Tiere und Umwelt die gegenwärtige industrielle Nahrungsmittelproduktion hat. Unter Umständen fühle ich mich wohler damit, solche Praktiken nicht wissentlich zu unterstützen, sondern Pflanzen zu essen, denen wir keine Empfindsamkeit zuschreiben“, sagt die Juniorprofessorin. Genuss und Entspannung durch das Auflösen von Widersprüchen? „Genau!“

Davon abgesehen entstehen Gaumenfreuden und Glück nach Epikurs Theorie des guten Lebens auch dadurch, dass man sich Zeit für den Genuss nimmt. Statt jedem Ernährungstrend hinterherzuhecheln und sich unter moralischem Druck die Superfood-Bowl im Stehen reinzuzwingen, während einem der Verzicht bei jedem Happen aufstößt, ist es allemal gesünder, sein Mahl in Ruhe einzunehmen. Dann kann auch eine Stulle ein Vergnügen sein. „Sich keinen Stress zu machen ist, salopp gesagt, eine der Hauptbotschaften Epikurs.“ Und neben einem Weg zum Genuss ohne Reue vielleicht auch ein guter Wahlkampfslogan.

Jochen Müller, "TU intern" Februar 2019

Zusatzinformationen / Extras

Direktzugang

Schnellnavigation zur Seite über Nummerneingabe

Diese Seite verwendet Matomo für anonymisierte Webanalysen. Mehr Informationen und Opt-Out-Möglichkeiten unter Datenschutz.