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TU Berlin

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Forschung

Wie der Ausstieg aus der Kohle gelingen kann

Für den Klimaschutz: Die Bundesregierung muss schnell und entschieden handeln

Ottmar Edenhofer, Direktor des Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC) und Professor an der TU Berlin, Fachgebiet „climatcon – Ökonomie des Klimawandels“, sowie Chefökonom am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung
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Von Ottmar Edenhofer

Die Klima-Uhr tickt immer schneller – doch zwischen Worten und Taten klafft nach wie vor eine große Lücke. Zwar hat die Klimakonferenz Ende 2017 in Bonn erneut gezeigt, dass die Staaten – bis auf beispielsweise die USA – geschlossen hinter den Klimazielen von Paris stehen. Doch das Problem ist: Selbst wenn die Staaten ihre bisherigen Klimazusagen komplett umsetzen, steuert die Welt auf eine Erwärmung von drei Grad und mehr zu. Das hat nicht zuletzt der neueste Bericht des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) ergeben.

Haupttreiber der globalen Treibhausgas-Emissionen ist die Kohlekraft. Wenn die Staaten die Paris-Ziele erreichen wollen, ist daher der weltweite Kohleausstieg der wichtigste Schritt. Welche konkreten Politik-Instrumente es dafür gibt, ist bekannt – es hapert aber an Entschlossenheit und Umsetzung. Zwar ist es ein gutes Zeichen, dass etwa China und Indien ihre Pläne zum Kohleausbau zuletzt zurückgefahren haben. Aber viele schnell wachsende Schwellenländer wie die Türkei, Indonesien oder Vietnam wollen ihre Pläne für den Ausbau sogar noch verstärken – Ägypten beispielsweise sogar um 800 Prozent. Das Fatale an der Kohle-Infrastruktur ist, dass sie sehr langlebig ist. Heute neu errichtete Kraftwerke werden über viele Jahrzehnte das Klima belasten. Die aktuell im Bau befindlichen sowie die zusätzlich geplanten Kohlekraftwerke werden über ihren Lebenszyklus hinweg etwa 150 Gigatonnen (Gt) CO2 ausstoßen. Diese Menge kommt zu der ohnehin bestehenden Infrastruktur, etwa Kraftwerken und Gebäuden, hinzu, die über die Jahre für 500 Gt verantwortlich sein werden. Wenn sich aber die Welt um nicht mehr als zwei Grad erwärmen soll, stehen ihr nur noch etwa 700 bis 800 Gt zur Verfügung. Weitere Emissionen wie die aus dem Wachstum beim Verkehr oder bei der Landwirtschaft würden das Gesamtbudget dann übersteigen. Bei dem derzeitigen jährlichen Ausstoß von etwa 40 Gt weltweit bleiben weniger als 20 Jahre.

Um das Comeback der Kohle zu stoppen und einen globalen Kohleausstieg innerhalb eines überschaubaren Zeitraums einzuläuten, wären weltweit stetig steigende CO2-Preise nötig. Wie schwierig die Einigung auf eine substanzielle CO2-Bepreisung allerdings ist, sieht man bereits in Europa. Hier ist im Emissionshandel der Preis, der sich auf dem Markt für Verschmutzungsrechte ausbildet, mit etwa sieben Euro pro Tonne viel zu niedrig. Die Preisbildung ist zum Wetten auf politische Entscheidungen verkommen: Die Unternehmen erwarten von der Politik nicht, dass sie die Anzahl der Verschmutzungszertifikate auf lange Sicht reduziert.

Recht auf Verschmutzung verteuern
Bereits eine einfache Maßnahme könnte das Problem lösen: die Einführung eines Mindestpreises im Europäischen Emissionshandel. Dieser sollte sich, wie vom französischen Präsidenten Emmanuel Macron jüngst vorgeschlagen, im Bereich von etwa 25 bis 30 Euro pro Tonne CO2 bewegen – und über die Jahre kontinuierlich steigen. Ein Mindestpreis auf gesamteuropäischer Ebene erscheint derzeit zwar wenig wahrscheinlich, denn gerade osteuropäische Länder wie Polen setzen verstärkt auf die Kohle. Aber Deutschland könnte zum Beispiel mit Frankreich, den Niederlanden, Italien und den skandinavischen Ländern vorangehen und einen Mindestpreis bei der Zertifikatsversteigerung einführen.

Darüber hinaus sollte die nächste Bundesregierung dringend die Energiesteuern reformieren, damit alle Wirtschaftssektoren – gerade auch der Verkehrs- und Wärmebereich – einen Preis auf ihre Emissionen entrichten. Im Gegenzug könnte die Stromsteuer abgeschafft werden. Denn sie besteuert Strom aus Erneuerbaren und schmutziger Braunkohle in gleicher Höhe. Die zusätzlichen Einnahmen aus Steuern und der Auktionierung von Verschmutzungsrechten könnten dafür verwendet werden, die Bevölkerung zu entlasten – zum Beispiel bei der Einkommenssteuer für Mittel- und Geringverdiener. Auch die Finanzierung nachhaltiger Infrastruktur könnte damit vorangetrieben werden.

Die Sondierer der Großen Koalition haben das Klimaziel für 2020 praktisch aufgegeben. Jedoch haben sie versprochen, das ambitioniertere 2030-Ziel von 55 Prozent weniger Treibhausgasen im Vergleich zu 1990 zu erreichen. Dafür muss die nächste Bundesregierung schnell und entschieden handeln – und Vorschläge für ganz konkrete Politik-Instrumente auf den Tisch legen. Tut sie es nicht, steht die Politik in zehn Jahren an demselben Punkt – mit dem Unterschied, dass die Zeit dann noch knapper ist. Mit den Gesetzen der Physik lässt sich aber nicht verhandeln: Der Klimawandel ist bereits Realität.

Buchtipp

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Die wachsende Ungleichheit zwischen den Ländern und Einkommen ist die vielleicht größte Herausforderung für die Klimapolitik – das ist eine zentrale These des neuen Buches von MCC-Direktor Ottmar Edenhofer sowie Michael Jakob, leitender Wissenschaftler am MCC. Das Buch liefert eine Übersicht über die aktuelle Klimapolitik sowie die daraus erwachsenden Konflikte und Möglichkeiten zu deren Lösung. Ziel ist es, den aktuellen Stand der Forschung in allgemein verständlicher Sprache darzustellen, ohne dabei die komplexen Zusammenhänge, die es zur Vermeidung des Klimawandels zu berücksichtigen gilt, so zu vereinfachen, dass ein Eindruck falscher Sicherheit erweckt wird. Auf dem YouTube-Kanal der TU Berlin erklärt Ottmar Edenhofer, was wissenschaftliche Freiheit für ihn ist und wie er mit öffentlichen Zweifeln an wissenschaftlichen Erkenntnissen umgeht.

Ottmar Edenhofer/Michael Jakob:
Klimapolitik. Ziele, Konflikte, Lösungen,
Verlag C. H. Beck 2017,
ISBN-13: 978-3406688744

Auf dem YouTube-Kanal der TU Berlin „TUBerlinTV“ finden Sie „Drei Fragen an … Ottmar Edenhofer“ youtu.be/jk0ikRUX35M

"TU intern" 16. Februar 2018

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