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TU Berlin

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Forschung

Wanderer zwischen den Welten

Ingo Kowarik, Pflanzenökologe und Ökosystemkundler, über Pflanzen und Stadtgeschichte

Ingo Kowarik setzt sich als Berliner Landesbeauftragter für Naturschutz und Landschaftspflege für die Stadtnatur ein
Lupe

Herr Kowarik, in der RBB-Mediathek ist noch bis Oktober ein spannender Film über die wilde Stadtnatur Berlins zu sehen. Wie ist Berlin zur wilden Hauptstadt geworden?
Die Brachen der Berliner Innenstadt sind seit der Nachkriegszeit Schauplätze einer neuartigen Naturentwicklung. Am Institut für Ökologie haben wir untersucht, wie sich die Entwicklung vom Aufwachsen von Kräutern, Sträuchern und Bäumen bis hin zum Wald vollzogen hat. Dabei entstanden neuartige „multikulturelle“ Pflanzengesellschaften, zum Beispiel mit Loesels Rauke aus Mittelasien, dem Ruthenischen Salzkraut aus der Ukraine oder Fuchsschwanz-Arten aus Amerika.

Wie konnten sie sich in Berlin ansiedeln?
Auf sehr unterschiedlichen Wegen. Viele eingeführte Pflanzen wurden schon lange als Zierpflanzen in Gärten und Parks kultiviert. Und dann passierte ein ungewolltes Großexperiment. Die Kriegszerstörungen schufen offene Standorte und somit ein Keimbett für Samen, die mit dem Wind von Anpflanzungen auf die Trümmer geweht wurden und dort keimten. Samen anderer Pflanzen gelangten mit dem Verkehr, mit Waren oder Getreide-importen nach Berlin und fanden auf den Brachflächen ebenfalls beste Keimungsbedingungen. Dazu kamen einheimische Arten, deren Samen über weite Strecken mit dem Wind ausgebreitet werden, beispielsweise Birken und Kiefern.

Immer mehr Brachen verschwinden. War’s das mit der wilden Stadtnatur?
Zwischen 1945 und 1990 entwickelte sich der Westteil Berlins langsamer als andere Metropolen. Das war die Chance für wilde Naturentwicklung selbst in der Innenstadt. Im Schatten der Mauer konnten sich viele Brachen in Ruhe weiterentwickeln. So entstanden in Berlin neuartige, wildnishafte Wälder, zum Beispiel mit einheimischen Birken, nordamerikanischen Robinien oder dem chinesischen Götterbaum. Seit der Wiedervereinigung steigt nun der Druck auf die freien Flächen erheblich. Viele Brachen sind schon bebaut – aber nicht alle. Die Berliner Stadtentwicklungspolitik hat früh erkannt, dass die wilde Natur wichtig für die Lebensqualität in Berlin ist. Insofern sind einige Brachen Teil des offiziellen Grünflächensystems Berlins geworden. So ist ein neuer Typ von Grünanlagen entstanden, der viele überrascht und begeistert. Beispiele sind das Schöneberger Südgelände und die Parks an Gleisdreieck und Nordbahnhof. Wilde Natur in die Stadt zu integrieren, darin ist Berlin sicherlich wegweisend.

Was ist so wichtig an Stadtnatur?
Die Stadtnatur ist Lebensraum für Pflanzen und Tiere und trägt zu einem gesunden Stadtklima bei. Für Menschen in der Stadt ist sie besonders wichtig, weil sie einen unmittelbaren Zugang zu wilden Natur-elementen bietet. Gerade Kinder haben immer weniger Kontakt zur Natur, viele verbringen ihre Zeit behütet zu Hause. Deswegen ist es wichtig, dass die Stadtwildnis dort ist, wo die Menschen wohnen – also auch in der Berliner Innenstadt. Auch das wachsende Berlin braucht daher wilde Stadtnatur.

www.rbb-online.de/doku/b/berliner-pflanzen0.html

Der Berliner Florenatlas

Der Florenatlas ist ein Gemeinschaftswerk von über 150 Berliner Ökologen und Botanikerinnen. Über 20 Jahre lang haben sie alle wild wachsenden Farn- und Blütenpflanzen der Stadt erfasst. Herausgegeben hat das bereits 2012 erschienene Werk Birgit Seitz, die seit 2016 Mitarbeiterin für Biodiversitätsanalytik am Institut für Ökologie der TU Berlin ist. Der Atlas listet etwa 2500 Sippen, also Arten, Unterarten, Varietäten und Hybriden, für Berlin auf. Auf rund 1900 Karten wird die Verbreitung fast aller wild wachsenden Pflanzen angezeigt, viele Fotos bebildern Texte zur Berliner Landschaft und zur Geschichte der floristischen Erforschung. „Der Atlas ist eine wichtige wissenschaftliche Grundlage, um Veränderung in der Pflanzenwelt festzustellen und zu erklären, woran das liegt“, sagt der Pflanzenökologe Ingo Kowarik. „Es ist ein epochales Werk für die Forschung zur Berliner Pflanzenvielfalt.“

www.naturundtext.de/shop/gesamtliste/der-berliner-florenatlas.html

Dagmar Trüpschuch, "TU intern" 13. April 2018

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