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TU Berlin

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Forschung

Pioniere der Kybernetik

Die Gründung der Kybernetik – Grundlage für künstliche Intelligenz und Automatisierungstechnik – wird meist dem US-Mathematiker Norbert Wiener zugeschrieben. Doch als „Allgemeine Regelkreislehre“ etablierte TU-Professor Hermann Schmidt in Deutschland diesen Wissenschaftszweig

Von Thomas Fickenwirth

Hermann Schmidt, TH- und TU-Professor und Begründer der Regelungstechnik
Lupe

Hermann Schmidt (1894–1968) ist der Begründer der Kybernetik in Deutschland. Der ehemalige Professor der TU Berlin sprach jedoch von der Allgemeinen Regelkreislehre oder Regelungstechnik. Selbstverständlich setzte er sich mit der Arbeit des amerikanischen Mathematikers Norbert Wiener auseinander, der weithin als der Vater der Kybernetik gilt. In einer Rezension von Wieners Buch „Mensch und Menschmaschine“ (1953) stellte Schmidt die „grundsätzliche Übereinstimmung der Kybernetik mit dem, was schon vor einigen Jahren in Deutschland als Allgemeine Regelungskunde bezeichnet wurde“, fest.

Im Gegensatz zu Wiener war Schmidt jedoch nicht der Meinung, dass der Mensch eine Maschine und bald vollständig durch Maschinen zu ersetzen sei. „Es kann leicht in die Irre führen, wenn man die Wirkungsweise einer Maschine mit Begriffen beschreibt, die dem Bereich des Lebendigen entnommen sind, also Maschinen sich erinnern, lernen, forschen, sich entscheiden lässt, ja von ihrer ethischen Haltung dem Universum gegenüber spricht“, schrieb er. „Menschmaschine“ und „Maschinenmenschen“ seien irreführende Begriffe, weil der Mensch als Ganzes von Leib, Seele und Geist nicht zum bloßen Objekt gemacht werden könne, ohne wesenlos zu werden.

Hermann Schmidt, geboren 1894 in Hanau, studierte Physik und Philosophie in Göttingen, wo er 1923 promovierte. 1929 habilitierte er an der Technischen Hochschule (TH) Aachen. 1930 kam Schmidt ans Reichspatentamt nach Berlin, wo er 1934 als Regierungsrat verbeamtet wurde. Seit 1935 hielt er Vorlesungen in Technischer Physik an der Technischen Hochschule (TH) Berlin, der Vorläuferin der heutigen TU Berlin.

Als Referent für Patenterteilungen im Bereich der Steuerung und Regelung technischer Prozesse erkannte er, dass die Regelungstechnik ein unübersehbarer Schwerpunkt der damaligen technischen Entwicklung war. Regelungstechnik und Rückkopplungsprinzip wurden sein Forschungsgebiet. Seinem fachübergreifenden Ansatz war es geschuldet, dass er nicht nur die technischen Anwendungen im Blick hatte. Bald hielt er Vorlesungen über physiologische und anthropologische Probleme und organisierte zusammen mit Biologen der Friedrich-Wilhelms-Universität Vorträge über die Regelung bei Pflanzen, Tieren und Menschen. Damit wurde Hermann Schmidt zum Wegbereiter einer neuen wissenschaftlich-technischen Ausrichtung.

Im Juli 1938 wurde er von der TH Berlin zum außerordentlichen Professor ernannt. In diese Zeit fiel auch sein Eintritt in die NSDAP. 1941 veröffentlichte Hermann Schmidt seine wegweisende Denkschrift zur Gründung eines Instituts für Regelungstechnik, in der er die Regelung als technisches wie biologisches Grundproblem definierte, dessen Lösung interdisziplinär zukunftsweisende Auswirkungen haben sollte.

1944 erhielt er den Ruf als ordentlicher Professor an die TH Berlin und übernahm bald darauf den ersten Lehrstuhl für Regelungstechnik, den er bis zum Kriegsende innehatte. Als geschätzter Dozent fesselte Schmidt seine Studierenden mit seinen fachübergreifenden Ansätzen, sodass selbst in den letzten Kriegstagen noch an die 200 Hörer in die bereits stark beschädigte Hochschule kamen, um an seinen Vorlesungen teilzunehmen.

Seine Familie lebte mittlerweile in Neubrandenburg, wohin das Reichspatentamt ausgelagert worden war. Nach einem missglückten Versuch, in die britisch besetzten Gebiete überzusiedeln, verblieb die Familie in Mecklenburg, und Schmidt arbeitete von 1945/46 bis 1951 für die sowjetische Besatzungsmacht. Wieder in Berlin, blieb ihm nicht nur wegen seiner politischen Vergangenheit eine Rückkehr an die mittlerweile als Technische Universität Berlin wiederentstandene TH in Charlottenburg vorerst verwehrt.

Als Privatgelehrter (1951–1954) schrieb er Artikel und Rezensionen und hielt Vorträge, in denen er seine grundlegende These vertrat, die in dem Regelkreis das universelle Gebilde der methodisch vollendeten Technik sieht. Der in der Form eines geschlossenen Kreises vorliegende Regelkreis ist seiner Meinung nach gleich mit dem Handlungskreis menschlicher schöpferischer Tätigkeit.
Im Oktober 1954 wurde Schmidt zum ordentlichen Professor an der TU Berlin ernannt, ohne dass der Lehrstuhl für Regelungstechnik wiederbelebt wurde. Seine intensiven Bemühungen darum blieben erfolglos. Er blieb ohne Fakultätszugehörigkeit, was seinem übergreifenden Ansatz entsprach, der alle Bereiche des menschlichen Wissens einschloss. So förderte und forderte er die Zusammenarbeit verschiedenster wissenschaftlicher und technischer Forschungsgebiete als sich bedingende Synthese, die die menschlichen Gesellschaften in den kommenden Jahrzehnten in nie gekanntem Ausmaß verändern sollte. Hermann Schmidt lehrte bis weit über seine Emeritierung 1960 hinaus an der TU Berlin.

Im Vorfeld seines 50. Todestages, am 31. Mai 1968, ist das wissenschaftliche Interesse an seinem Werk sehr groß. Die zahl- und umfangreichen Ordner seines Nachlasses harren im Universitätsarchiv ihrer wissenschaftlichen Aufarbeitung.

Der Autor ist freiberuflicher Historiker

"TU intern" 18. Mai 2018

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