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TU Berlin

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Forschung

Nachgefragt bei Prof. Dr. Gert G. Wagner, ehemaliger TU-Professor am Fachgebiet Volkswirtschaftslehre

Alterung als zukünftige soziale Herausforderung

Erwerbstätigkeit der Frauen und Zuwanderung waren in den letzten Jahrzehnten die einschneidendsten Veränderungen in Deutschland, sagt Gert G. Wagner, Leiter des Sozio-oekonomischen Panels. Nun geht der Volkswirtschaftler und Sozialwissenschaftler in den Ruhestand

Gert G. Wagner wird sich künftig mit der Erforschung der menschlichen Risikoneigung vom Kindes- bis zum Greisenalter beschäftigen
Lupe

Herr Prof. Wagner, unter Ihrer Regie hat sich das Sozio-oekonomische Panel, SOEP, das Sie von 1989 bis 2011 geleitet haben, zu einer weltweit nahezu einmaligen Langzeitstudie zur sozialen und wirtschaftlichen Lage entwickelt. Sie wissen, wie es den Menschen in Deutschland geht. Welche Themen, welche Entwicklungen haben die Bundesrepublik in dieser Zeit am meisten verändert?
Die gestiegene Erwerbstätigkeit der Frauen war die größte und zugleich – aus meiner Sicht – beste Veränderung. Dadurch wurde die Gesellschaft in vielfacher Weise offener. Auch die Zuwanderung hat Deutschland insgesamt offener gemacht. Und davon profitieren auch diejenigen, die im Moment gegen mehr Zuwanderung sind. Die deutsche Wiedervereinigung war natürlich für sich genommen auch sehr wichtig – und sie hat wiederum die Frauenerwerbstätigkeit, aber auch die Angst vor Offenheit gesteigert. Das Internet hat natürlich auch vieles verändert – aber das ist ja keine spezifisch deutsche Entwicklung.

Sie haben das Fachgebiet Empirische Wirtschaftsforschung und Wirtschaftspolitik an der Fakultät VII Wirtschaft und Management geleitet, als gemeinsam vom DIW und von der TU Berlin berufener Professor. Wie konnten die Institutionen wechselseitig von dieser gemeinsamen Berufung profitieren?
Beide Institutionen konnten so ihren wissenschaftlichen Nachwuchs besser fördern, als das jeweils nur einer Einrichtung möglich gewesen wäre. Fünf meiner TU-Doktoranden beziehungsweise -Habilitanden wurden Hochschullehrer, einer – Nico Ziebarth – sogar an der Cornell University in den USA. Ein solcher Weg ist für einen in Deutschland ausgebildeten Ökonomen ungewöhnlich. Und jüngst („TU intern“ 4/2018, Red.) wurde mein vorerst letzter TU-Doktorand, Jan Marcus, mit dem Nachwuchspreis der Joachim-Herz-Stiftung ausgezeichnet.

Was waren über die Jahre Ihre Erfahrungen mit der Ausbildung der jungen Generation? Wohin haben sich die Themen und Interessen der zukünftigen Volkswirtschaftler nach Ihrer Beobachtung entwickelt?
Die vielleicht wichtigste Entwicklung ist, dass es immer mehr Frauen sind, die sich für eine wissenschaftliche Karriere im Bereich Volkswirtschaftslehre entscheiden. Dadurch werden die mit der Familie zusammenhängenden wirtschaftlichen Entwicklungen deutlich besser analysiert, als das die erste Generation der „Familienökonomen“ getan hat – das waren alles Männer mit einem sehr engen Blick auf die Welt – da schließe ich mich mit ein. Die wichtigste theoretisch-methodische Entwicklung ist der fundierte Einbezug psychologischer Aspekte in die Volkswirtschaftslehre, die im Übrigen sorgfältiges empirisches Arbeiten immer besser beherrscht. Das wird künftig sowohl wissenschaftlich wie praktisch bessere Ergebnisse bringen.

Sie werden der Forschung, auch nach Ausscheiden aus dem DIW-Vorstand und aus der aktiven Dienstzeit an der TU Berlin, weiter erhalten bleiben, insbesondere mit Ihrer Arbeit am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, wo sie bereits seit 2008 als Max Planck Fellow aktiv sind. Womit werden Sie sich konkret beschäftigen?
Unter anderem auch mit dem Übergang in den Ruhestand! Auch in der Politikberatung. Die Altersgrenze ist in Deutschland angesichts der Alterung der Bevölkerung ja ein wichtiges Thema. Viele schaffen es nicht, gesund und mit 65 Jahren oder älter in Rente zu gehen. Wenn wir länger arbeiten wollen, sind Forschungsbedarf und politischer Gestaltungswille notwendig, um frühzeitige Erwerbsminderung zu minimieren. Mein Hauptthema wird aber die Erforschung der menschlichen Risikoneigung sein: vom Kindes- bis zum Greisenalter.

Was ist aus Ihrer Sicht das sozioökonomische Thema, das die Deutschen künftig am meisten beschäftigen wird? Wofür müssen wir also politisch und sozial Vorsorge treffen?
Die Alterung der Gesellschaft wird uns zunehmend beschäftigen – und dabei geht es nicht nur um die alten Menschen, ihr Einkommen und ihre Pflegebedürftigkeit. In einer alternden Gesellschaft ist die möglichst gute und flexible Qualifikation der nachwachsenden Generationen extrem wichtig – und in Deutschland gehört dazu insbesondere die Akzeptanz und Integration von Zuwanderern. Die aktuelle Fluchtzuwanderung wird in der einen oder anderen Form weitergehen. Damit menschenwürdig umzugehen und die Gesellschaft in Deutschland beisammenzuhalten wird die große Aufgabe der nächsten Jahrzehnte sein.

Vielen Dank!

Die Fragen stellte Patricia Pätzold, "TU intern" 18. Mai 2018

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