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Forschung

Mathematik-Ausbildung in der Krise?

„Wir müssen umdenken“

Uni oder Schule: Wer soll die Grundlagen für ein Studium im MINT-Bereich legen?

Volker Mehrmann war unter anderem auch Sprecher des Forschungszentrums MATHEON und ist ERC-Advanced-Grant-Preisträger für Modeling, Simulation and Controll of Multi-Physics Systems.
Lupe

Nachgefragt bei Prof. Dr. Volker Mehrmann, Leiter des Fachgebiets Numerische Mathematik

 

Herr Professor Mehrmann, auf Ihrem ­T-Shirt steht: „Mathe macht glücklich!“ Im Moment sind die Berliner Mathematiker ja eher unglücklich, insbesondere die Hochschullehrer. Grund ist der Befund, dass Berliner Abiturienten nicht mehr über ausreichendes Grundlagenwissen verfügen, das notwendig ist, um in ein mathematisch-natur- und ingenieurwissenschaftliches Studium einzusteigen. Sie haben das mit mehr als 120 weiteren Kolleginnen und Kollegen in einem offenen Brief beklagt … und die Kompetenzorientierung der 2012 erlassenen Bildungsstandards im Verdacht …
Dass Mathe glücklich macht, davon bin ich fest überzeugt. Praktisch jeder Mensch rechnet gern, probiert knifflige Dinge aus, löst Sudokus und Ähnliches. Mit dem mathematischen Adventskalender, den MATHEON und die Deutsche Mathematiker-Vereinigung seit Jahren organisieren, haben wir einen Riesenerfolg bei Schülerinnen und Schülern, sogar weit über europäische Grenzen hinaus. Vor einigen Jahren gab es die Theorie, dass diese Lust an der Mathematik den Kindern in der Schule durch allzu viel Theorie systematisch ausgetrieben wird. Eine Reaktion darauf war unter anderem die Kompetenzorientierung. Jede Aufgabe sollte nun einen Realitätsbezug bekommen. Der ist aber nicht immer einfach herzustellen, und er erschwert es oft den Prüflingen, zum mathematischen Kern der Aufgabe vorzudringen. Man hat hier aus meiner Sicht den Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben.

Der Philologenverband weist die Kritik in weiten Teilen zurück und möchte gern bei der Kompetenzorientierung bleiben, aber auch die Mathematik-Verbände haben sich inzwischen zu Wort gemeldet, bestätigen den alarmierenden Befund und sehen dringenden Handlungsbedarf …
Man kann hier nicht mit Schuldzuweisungen arbeiten. Aus meiner Sicht haben mehrere Ursachen zu der derzeitigen Situation geführt. Zunächst mussten für das Abitur nach zwölf Jahren Inhalte im Schulstoff gestrichen werden. Dann fielen dem Versuch, neue didaktische Konzepte wie die Kompetenzorientierung zu entwickeln, weitere inhaltliche Komponenten zum Opfer. Man kann natürlich trefflich darüber streiten, was wichtig ist und was man weglassen könnte. Ich persönlich will mich gar nicht dazu aufschwingen, dies zu entscheiden. Aber gewisse elementare Kenntnisse sollte man erwarten. Das sind zum Beispiel die trigonometrischen Funktionen, Sinus und Cosinus, der Umgang mit Wurzeln oder Grundkenntnisse von Differentialrechnung. Wer zum Beispiel einen Ingenieurstudiengang studieren will, braucht diese Kenntnisse unbedingt. Es scheint hier „verschlimmbessernd“ auf den Schulstoff eingewirkt worden zu sein, so, wie wir das vor 30 Jahren schon einmal mit der Mengenlehre im Mathematikunterricht hatten, die später als Lehrmethode wieder abgeschafft wurde, weil sie nicht zielführend war. Die Kompetenzorientierung heute hat zwar durchaus sehr positive Aspekte und sie hat dazu geführt, dass die verstaubte Mathematik, wie man sie vor 60, 70 Jahren lehrte, berechtigt in Frage gestellt. Damals war die Frage „Wozu?“ überhaupt nicht relevant. Ich kann als „angewandter“ Mathematiker durchaus bejahen, dass die Frage, wozu eine Sache berechnet werden soll, hilfreich ist. Nur ist man hier meines Erachtens über das Ziel hinausgeschossen, indem man heute wirklich jedes Problem mit einem „Wozu?“ versieht. Denn dabei bleiben leider einige der Basis-Werkzeuge, die man braucht, um im MINT-Bereich zu studieren, auf der Strecke.

Muss und kann die Universität diesen „Verfall des Anspruchsniveaus“ auffangen?

Wir können natürlich, wenn die Schule etwas anderes lehrt, unsere Inhalte verändern, oder weitere Brückenkurse einrichten oder ein propädeutisches, also vorbereitendes Semester einschieben, um den angehenden Studierenden beizubringen, was sie in der Schule nicht gelernt haben. Die Konsequenz könnte dann aber sein, dass weiterer Schulstoff entfernt wird und die Uni – wie oft im amerikanischen System – irgendwann bei null startet. Wenn die Bildungspolitik das so will, ist das natürlich alles möglich. Ich bin da sehr pragmatisch. Nur muss dann auch das Geld, das bisher für diese Ausbildung an die Schulen fließt, an die Universitäten gehen. Denn ohne zusätzliches Personal ist dies nicht durchführbar. Und auch die zusätzliche Zeit, die angehende Studierende dafür aufwenden müssen, muss natürlich eingeplant werden. Bis vor wenigen Jahren hatten wir 13 Schuljahre und bundesweit einen relativ gleichen Standard, sodass alle irgendwo in der Bundesrepublik ins Studium einsteigen konnten. Jetzt stehen wir Hochschullehrer, insbesondere wir Berliner, deren Studienanfänger aus allen Ecken der Republik kommen, vor einer riesigen Spanne von Wissenslücken. Wie gesagt, wenn die Politik das so will, müssen wir damit klarkommen, nur an irgendeiner Stelle muss ein annähernd gleiches Niveau geschaffen werden.

"Bei den Natur- und Technikwissenschaften wurde in den letzten Jahren immer mehr Stoff reduziert. Bei Goethe, Schiller und Brecht käme keiner auf die Idee."

Wohin führt das die Gesellschaft, wenn letztlich auch die Universitäten gezwungen sind, ihr Niveau zu senken, um die Studierenden in der gleichen Zeit durch Bachelor und Master zu schieben?
Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass Politiker nicht für MINT entscheiden. Sie werden keinen deutschen Kultusminister finden, der zustimmen würde, Schiller, Goethe oder Brecht aus dem Rahmenplan zu nehmen. Bei den Natur- und Technikwissenschaften wurde in den letzten Jahren aber immer mehr Stoff reduziert. Das kann man natürlich machen, muss sich aber über die Konsequenzen im Klaren sein. Deutschland hat nun mal keine Ressourcen. Wir verkaufen gute Ideen, die, um auf dem Weltmarkt zu bestehen, besser sein müssen als die der anderen. Und diese entstehen nun einmal großenteils im Ingenieur- und Technikbereich. Im Kulturbereich, zum Beispiel beim Film, gibt es weltweit jede Menge gleich- oder sogar besserwertige Konkurrenz. Autos, Flugzeuge und andere Technologien können aber oft wir besser. Und die Universitäten haben unter anderem die Aufgabe, die Leute, die diese Ideen haben, für Wissenschaft und Wirtschaft auszubilden. Über Jahre hat sich die Zahl der Studienanfänger in Ingenieurwissenschaften, in Mathematik, Physik und Chemie der TU Berlin gesteigert. Und wir tun alles dafür, ihnen eine gute Ausbildung angedeihen zu lassen – mit im Wesentlichen konstantem Personal. Aber dauerhaft können wir das ohne die geeigneten Rahmenbedingungen nicht schaffen. Mir tun die jungen Leute leid, denen man sagt, sie haben jetzt Abi und können nun zum Beispiel Maschinenbau studieren – und die dann gleich zu Anfang scheitern, weil sie die Grundlagen einfach nicht haben. Ich bin keineswegs für das kritiklose Einbimsen und Reinpauken von Lernstoffen. Aber man muss Kompromisse finden, wenn man den Standard des hoch qualifizierten deutschen Ingenieurs und damit auch eine der wesentlichen Grundlagen von Wohlstand und Sozialstaat in Deutschland erhalten will. Ob nun die Schule die Grundlagen legt oder die Universität, spielt dabei keine Rolle. Denn an den jungen Menschen liegt es nicht, die sind genauso clever wie früher.

Ist vielleicht der Anspruch, mehr als 40 Prozent eines Jahrgangs zum Studium zu bringen, zu hoch gegriffen?
Nein, wenn wir als Gesellschaft auf diesem Niveau überleben wollen, brauchen wir gut ausgebildete Leute, und zwar viele. Also ist das schon der richtige Ansatz. Unser Bildungsauftrag lautet also, dies zu erreichen. Nur, dafür das Niveau zu senken, halte ich für den falschen Weg. Und andererseits können wir niemanden dazu zwingen, MINT zu studieren. Aber es sollte zum Beispiel der Qualität der Lehramtsausbildung wieder mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden.

Vielen Dank!

 

Das Gespräch führte Patricia Pätzold

Der offene Brief ist zu finden unter: www.tagesspiegel.de/downloads/19549926/2/offener-brief.pdf   

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