direkt zum Inhalt springen

direkt zum Hauptnavigationsmenü

Sie sind hier

TU Berlin

Inhalt des Dokuments

Queen’s Lecture

Ein Intelligenzforscher, der nicht an Intelligenz glaubt

Für Zoubin Ghahramani sind kluge Maschinen Werkzeuge, die unser Leben verbessern. Der Informatik-Professor von der University of Cambridge hält die diesjährige Queen's Lecture an der TU Berlin. „TU intern“ sprach vorab mit ihm darüber, ob und wie Maschinelles Lernen unseren Alltag verändert.

Livestream aus dem Audimax der TU Berlin:

Interview mit Zoubin Ghahramani

Professor Ghahramani, maschinelles Lernen und Künstliche Intelligenz sind keine Zukunftsmusik – sie betreffen jetzt schon unseren Alltag. Der Begriff „Künstliche Intelligenz“ wirft in der Gesellschaft viele Fragen auf. Wo genau ist der Unterschied zwischen maschinellem Lernen und Künstlicher Intelligenz?

Historisch gesehen ist das maschinelle Lernen eher eine Splittergruppe der klassischen KI-Wissenschaft, der Wissenschaft von der Künstlichen Intelligenz. Maschinelles Lernen bedeutet, einen Computer mit einem Algorithmus auszustatten, der es ihm ermöglicht, aus Unmengen von ungeordneten Daten Muster zu erkennen und zu lernen. Praktisch gibt es eine sehr schwammige Grenze zwischen statistischer Analytik von Daten, maschinellem Lernen und Künstlicher Intelligenz. Das sieht man auch daran, dass maschinelles Lernen in ganz vielen praktischen Bereichen verbreitet ist, die wir gar nicht als „intelligent“ wahrnehmen. Wenn eine Bank nachprüft, ob es sich bei dem Einsatz einer Kreditkarte im Ausland um einen Betrugsversuch handelt oder nicht, dann beruht das auf Statistik und maschinellen Lernverfahren, aber wir würden das nicht als Künstliche Intelligenz bezeichnen.

Zoubin Ghahramani, FRS, Professor für Informationstechnik an der University of Cambridge, Leitender Wissenschaftler bei Uber Al Labs, stellvertretender Direktor des Leverhulme Centre for the Future of Intelligence und Fellow des St.?John‹s College, Cambridge
Lupe

Was genau sind dann intelligente Maschinen?

Obwohl ich ursprünglich aus dem Bereich der Künstliche-Intelligenz-Forschung komme, glaube ich nicht an das Wort Intelligenz. Das Problem ist, dass wir Menschen sehr anthropozentrisch denken: Wir bezeichnen alles, was wir gut können, als Intelligenz und alles, was wir nicht so gut können, zählt nicht zu Intelligenz. Zwar bewundere ich meinen Taschenrechner dafür, dass er – im Gegensatz zu mir – sehr große Zahlen in Sekundenschnelle multiplizieren kann – aber ist das Intelligenz oder eine „superhuman ability“, also eine übermenschliche Fähigkeit?

Wir müssen unser menschenzentriertes Bild von Intelligenz durchbrechen. Wir sind eine Primaten-Art, die bestimmte Dinge gut kann. Verschiedene Tiere sind sehr gut in anderen Dingen, und auch Computer können manche Fragestellung gut lösen. Wissenschaftlich interessant ist nicht die Frage: „Was ist eine intelligente Maschine?“ Sondern: „Wer kann eine bestimmte Aufgabe in einem bestimmten Maßstab lösen?“ Dann können wir vergleichen, wer diese Aufgabe am besten löst: ein Mensch, ein Tier oder ein Computer. Wenn wir das so sehen, dann ist menschliche Intelligenz nur ein Satz an Fähigkeiten, den wir so benannt haben. Computer oder Tiere verfügen über andere Fähigkeiten. Intelligenz ist nur ein Wort – nichts Reales.

Was antworten Sie also Menschen, die Angst davor haben, dass intelligente Computer demnächst die Weltherrschaft übernehmen, menschliche Arbeit oder sogar der Mensch selbst demnächst überflüssig wird?

Maschinen – auch intelligente Maschinen – sind Werkzeuge, die unser Leben verbessern sollen. Der einzig relevante Grund, sie zu bauen, sollte sein, Menschen zu entlasten. Ein modernes Smartphone verleiht uns „übermenschliche“ Fähigkeiten. Je mehr dieser Maschinen es gibt, desto mehr sollten wir sie als etwas betrachten, das uns entlastet, nicht als etwas, das uns ersetzt. Maschinen sind nicht eitel, neidisch oder machthungrig. Natürlich können intelligente Systeme auch eingesetzt werden, um Menschen zu manipulieren, auf der anderen Seite kann man intelligente Maschinen jedoch auch dazu nutzen, genau solche Manipulationen aufzudecken. Aber: Die zunehmende Automation und der Einsatz maschineller Lernverfahren werden unsere Arbeitswelt in Zukunft dramatisch verändern. Darüber müssen wir nachdenken. Welche Aufgaben, welche Jobs werden zukünftig von Computern erledigt und wie gehen wir damit um? Ich sitze in einigen interdisziplinären Gremien, die den Einfluss von Künstlicher Intelligenz und maschinellem Lernen auf den Alltag erforschen. Ziel dieser Forschung muss es sein, die Vor- und die Nachteile, die der Einsatz solcher Systeme mit sich bringt, in der Gesellschaft gerecht zu verteilen. Generell neige ich aber eher zu der positiven Sichtweise: Wenn man einige Jahrhunderte zurückschaut, hat der Einsatz von Technologie unser Leben bisher eher verbessert als verschlechtert.

Vielen Dank!

Das Gespräch führte Katharina Jung, "TU intern" 10. November 2017

Zusatzinformationen / Extras

Direktzugang

Schnellnavigation zur Seite über Nummerneingabe

Diese Seite verwendet Matomo für anonymisierte Webanalysen. Mehr Informationen und Opt-Out-Möglichkeiten unter Datenschutz.