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Forschung

Die Gipfelstürmerin

Neben ihrer TU-Professur wird Bénédicte Savoy in den kommenden fünf Jahren auch in Paris lehren. Sie erhielt einen Ruf ans „Collège de France“, an den Olymp der Wissenschaftslandschaft in Frankreich

Bénédicte Savoy
Lupe

Ihre innovative Forschung zu Kunstraub, zu dem Transfer von Kunstgegenständen quer durch Europa, zu deren Herkunft, Verbleib und der Identitätsstiftung gab der Kunstgeschichte in den letzten Jahren viele neue Impulse und erregte internationales Aufsehen. Nun wurde die TU-Professorin der Kunstgeschichte der Moderne Prof. Dr. Bénédicte Savoy an das berühmte Collège de France auf einen internationalen Lehrstuhl berufen. „Objets du désir. Désirs d’objets – Histoire culturelle du patrimoine artistique en Europe, XVIIIe–XXe siècles“ hieß am 30. März 2017 ihre Antrittsvorlesung in Paris, die sich mit den innewohnenden Eigenschaften und Botschaften der Hersteller und der Ursprungsorte von Kunstobjekten befasst, egal, wo sie sich später befinden. Sie wurde live im Internet übertragen.
Die neu eingerichteten internationalen Lehrstühle ermöglichen dem Collège de France die Aufnahme von hochrangigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ausländischer Institute für fünf Jahre, die gleichzeitig an ihrer Heimatuniversität bleiben.

Einen Höhepunkt ihrer wissenschaftlichen Karriere in Deutschland erreichte die Französin, die mit einer Juniorprofessur an der TU Berlin 2003 begann, bereits, als sie 2016 den mit 2,5 Millionen Euro dotierten Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis erhielt. Mit der Professur am Collège de France zieht sie nun in den Pariser Olymp der Wissenschaften ein, wie das französische „Grand Établissement“ in den Medien bezeichnet wurde. 

In ihrer Antrittsvorlesung sowie in den im Sommersemester folgenden weiteren Vorlesungen, die ebenfalls gefilmt und auf der Website des Collège de France frei zur Verfügung gestellt werden, stellt Bénédicte Savoy ihren innovativen Forschungsschwerpunkt vor, der sich darüber hinaus auch mit den
Strukturen des internationalen Kunstmarktes, mit Kunstraub sowie der Museumsgeschichte beschäftigt.

In ihrem Vortrag beschrieb Bénédicte Savoy auch die Marmorstatue, die seit 1878 im Hof des Collège de France steht. Sie zeigt den Ägyptologen Jean-Francois Champollion, der seinen Stiefel auf den Kopf einer Pharaonenstatue stellt. Noch 2013 hatte sie sehr emotionale Reaktionen in ­Ägypten ausgelöst. Sie war ursprünglich für die Weltausstellung von 1887 gedacht
Lupe

„Wem gehört die Schönheit, die Kunst und Kultur der Welt in unseren Museen?“, wird sie wöchentlich am Collège de France fragen und dabei jeweils ein Thema aus diesem Forschungsgebiet aufgreifen. Dabei lädt sie dazu ein, darüber nachzudenken, wie das europäische Kulturerbe in unseren Museen dargestellt wird. „Die glänzende Seite der Medaille hat in der westlichen Welt auch fast immer eine Kehrseite, nämlich die dunkle Seite von Gewalt – symbolischer oder realer“, sagt Bénédicte Savoy. „Man muss beide Seiten zusammen denken. Sie sind untrennbar verbunden, bilden eine widersprüchliche Einheit.“ Im Museum müssten die Objekte dort betrachtet werden, wo sie sich befinden, und gleichzeitig vor dem Hintergrund des Ortes, wo sie sich nicht mehr befinden, nämlich des Ortes ihrer Entstehung oder ihrer Auffindung. Die Umstände, unter denen sie an den aktuellen Ort kamen, müssen also immer mitgedacht werden, seien es wirtschaftliche, kriegerische oder von Erkenntnishunger geleitete Gründe,  die schließlich zur Verlagerung von Objekten vom einen an den anderen Ort führten, über politische Grenzen hinweg. Die Kunsthistorikerin will die Spannungen erforschen und sichtbar machen, die von Anfang an mit der Idee der Museen verbunden sind, und sie will dabei den Blick auch auf die Perspektive und die Stimmen der Enteigneten richten. Sie hat dazu Studien über die symbolischen und materiellen Verwandlungen der – zum Beispiel durch Kriegshandlungen oder durch Verlagerung während der Kolonialzeit – verschleppten Objekte vorgelegt. Sie wird auch die kollektiven Emotionen und Identitätskonstruktionen beleuchten, die mit der Erfahrung einer Enteignung des Kulturerbes beziehungsweise der Aneignung durch Siegermächte einhergehen. Der Streit um die Ausstellung der in Ägypten von dem deutschen Forscher Ludwig Borchardt ausgegrabenen und nach Deutschland verbrachten Büste von Nofretete in Berlin seit 1913 ist ein Beispiel dafür. Bénédicte Savoy wird gleichzeitig einen Bogen schlagen zu den zeitgenössischen Debatten rund um das Humboldt Forum im neu errichteten Berliner Schloss, das ab 2019 die ethnologischen Sammlungen der Berliner Museen vereinen soll, oder auch zu der Einordnung der Debatten, die 2014 der Fund von mehr als 1000 Kunstwerken teils ungeklärter Herkunft beim Erben des Kunsthändlers Gurlitt ausgelöst hat, der in der Nazizeit als Kunsthändler eine  bedeutende Rolle spielte. Bénédicte Savoy wird also viel zwischen Paris und Berlin hin- und herpendeln; eine intellektuelle internationale Gelehrte und Botschafterin eben.

www.college-de-france.fr/site/benedicte-savoy

Patricia Pätzold, "TU intern" 7. April 2017

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