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TU Berlin

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Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis

Bewegte Geschichte der Kunstschätze

2,5 Millionen Euro fließen in das Großprojekt zu weltweiten Kulturgutverlagerungen seit der Antike

Von Bénédicte Savoy, Professorin für Kunstgeschichte der Moderne, TU Berlin und Collège de France

Motiviert und ideenreich: Bénédicte Savoy (vorne, M.) und ihr Team, mit jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus acht Nationen
Lupe

Die bewegte Geschichte von Kunstwerken und Kulturgütern steht im Mittelpunkt eines neuen Großprojektes, das im September 2017 am Fachgebiet Kunstgeschichte der Moderne der Technischen Universität Berlin startete. Mit einem internationalen Team verfolge ich ein zunächst auf drei Jahre angelegtes Forschungsvorhaben zu Kulturgutverlagerungen aus historischer Perspektive. Das Projekt „translocations – Historical Enquiries into the Displacement of Cultural Assets“ wird zum großen Teil durch das Preisgeld des Gottfried Wilhelm Leibniz-Preises ermöglicht – mir war 2016 die Ehre zuteilgeworden, diesen wichtigsten deutschen Forschungspreis zu erhalten, der mit 2,5 Millionen Euro dotiert ist (siehe „TU intern“ 4/2016).

Auseinandersetzungen um die territoriale Verlagerung von Kulturgütern in Kriegs- und Friedenszeiten sind so alt wie die Kulturgeschichte selbst, und gleichzeitig hochaktuell. Die Folgen derartiger „Translokationen“ gehören zu den großen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts: Kaum ein Tag vergeht, ohne dass Juristen, Museumsleute, Politiker, Ethnologen und Archäologen, Kunsthändler, politische Aktivisten und Journalisten, Künstler und Schriftsteller um „gerechte“ kulturpolitische Entscheidungen etwa in Restitutionsstreitigkeiten ringen. Meist wird gefragt: Wem gehören die Objekte? Wer hat ein Recht auf ihre Deutung? Welchen Wert hat Provenienzforschung dabei?
Das Projekt „translocations“ möchte keine Besitzstreitigkeiten klären. Es setzt vielmehr auf der wissenschaftlichen Ebene der Geschichts-, Sozial- und Bildwissenschaften an: Was lösten die Verlagerungen quer durch Zeiten und Länder genau aus, wie wurden sie wahrgenommen, erinnert, instrumentalisiert? Das mehrschichtige Großprojekt wird so eine notwendige Grundlagenforschung leisten. Herzstück von „translocations“ sind vier Basisprojekte: ein digitaler Atlas, eine Textsammlung, ein Glossar und ein Bildrepertorium zur Ikonografie der Bewegung von Kulturgut. Mit dem webbasierten Kartenwerk werden die historischen Vorgänge geordnet und durch Visualisierung zusammengeführt.

Die Textsammlung vereinigt berühmte und neu entdeckte Texte von Cicero über Quatremère de Quincy bis zu Victor Hugo, Carl Einstein und Kwame Anthony Appiah. Im Glossar werden Begrifflichkeiten aus unterschiedlichen Sprachkontexten historisch-kritisch untersucht und auf ihre ideologischen und theoretischen Implikationen hin überprüft. Eine Datenbank für Bildquellen macht den vierten Kernbestandteil des Projektmaterials aus: Wie wurden seit der Antike Translokationen – Wegnahmen, Zerstörungen, Abtransporte, Eroberungen, Restitutionen von Kunstwerken und Kulturgütern – inszeniert und dargestellt? Wie sehen die Orte aus, an denen sie sich nicht mehr befinden? Das Augenmerk liegt besonders auf politischer Ikonografie und medialen Mitteln wie Dokumentar- und Propagandafilm beziehungsweise -fotografie bis hin zu Amateurvideos aus dem Internet.
Diese Werkzeuge werden es ermöglichen, die sozialen, politischen und kulturellen Implikationen von Kulturgutverlagerungen der Vergangenheit besser zu verstehen – und Orientierung für gegenwärtige und zukünftige Diskussionen zu geben: Digital Humanities verschmelzen hier auf vorbildhafte Weise mit bewährten historischen Forschungsmethoden.

„Translocations“ besteht aus einer international besetzten Gruppe von 16 Forschenden – neben mir acht Postdocs, vier Doktorand*innen und drei Master-Student*innen. Gemeinsam leisten wir die Forschungsarbeit an den eben skizzierten Basisprojekten von „translocations“ und in damit verbundenen Einzelstudien. In unserem Team treffen acht Nationen aufeinander, die hier vertretenen akademischen Disziplinen reichen von der Kunstgeschichte und Philologie über die Wirtschaftswissenschaften bis zu Design und Informatik. Die Themen der Einzelstudien erforschen unter anderem die historischen Grundlagen des europäischen Kulturgutbegriffs in der Neuzeit (Dr. Robert Skwirblies), untersuchen die durch koloniale Konflikte verursachte Zerstreuung von Kunstschätzen und Manuskripten in Afrika (Dr. Felicity Bodenstein, Dr. Gidena Mesfin Kebede), die Verlagerung von Kulturgütern innerhalb von und aus Ostasien (Ji Young Park, Dr. Christine Howald) oder beschäftigen sich mit Computational Humanities und qualitativer Datenvisualisierung (Dr. Anne Luther).

Ein solches Mammut-Projekt kann nicht ohne ständigen Austausch mit und Unterstützung von anderen Institutionen geschehen – neben dem Deutschen Archäologischen Institut kooperiert „translocations“ mit dem Collège de France in Paris, dem British Museum in London – und steht selbstverständlich in regem Kontakt mit den Staatlichen Museen zu Berlin. Weitere Kooperationen sind bereits im Aufbau. Erste Ergebnisse planen wir der Öffentlichkeit in der ersten Jahreshälfte 2018 vorzustellen.

www.translocations.net (in Kürze online)
www.kuk.tu-berlin.de/menue/forschung/einzelne_forschungsprojekte/translokationen

"TU intern" 9. Oktober 2017

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