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TU Berlin

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Forschung

Nachgefragt

Chemie und Biologie auf Naht

Matthias Drieß, Sprecher des Exzellenzclusters „UniCat – Unifying Concepts in Catalysis“ über die Erfolge der vergangenen zehn Jahre und die Pläne für die Zukunft

Der Chemiker Matthias Drieß, TU-Professor für Anorganische Chemie, ist einer der wichtigsten Köpfe im Management des Exzellenzclusters UniCat. Er ist Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina sowie der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (BBAW)
Lupe

Professor Drieß, wir schauen auf zehn Jahre Exzellenzcluster UniCat zurück. Wie fällt Ihre Rückschau aus?
Es ist in jedem Fall eine Erfolgsgeschichte, da es uns gelungen ist, in zehn Jahren mit vier Hochschulen und zwei Max-Planck-Instituten ein enorm schwieriges Forschungsthema, die Vereinigung der chemischen und biologischen Katalyse, voranzubringen. In der wissenschaftlichen Welt ist die Währung des Erfolgs die Publikation. Wir haben hier eine Fülle von guten Publikationen hervorgebracht, die es ohne UniCat niemals gegeben hätte.

Auch unsere Kooperation mit der BASF, mit der wir ein gemeinsames Labor betreiben, das BasCat, gehört eindeutig zu den Erfolgen von UniCat. In diesem JointLab erforschen wir vor allem neue Methoden in dem Bereich der oxidativen Katalyse.

Als einen ganz wesentlichen Fortschritt betrachte ich, dass sich die Grenzen zwischen den unterschiedlichen Fachgebieten der Chemie, der Biologie oder auch der Physik nahezu aufgelöst haben. Bei uns ist es selbstverständlich, ja sogar notwendig, dass alle Fachgebiete eng miteinander kooperieren. Das fängt bei den Doktoranden und Master-Studierenden an, die hier regelmäßig in verschiedenen Laboren zu Gast sind. Um Katalyse in allen ihren Formen wirklich zu verstehen, muss man eine Vielzahl von analytischen Werkzeugen beherrschen – das lernt man nur, wenn jeder auch mal in andere Bereiche reinschaut.

Wie muss man sich das vorstellen? Rotieren Ihre Doktoranden institutionalisiert durch die Labore?
Kommunikation untereinander kann man nicht verordnen. Die Menschen müssen sich kennen, und zwar nicht nur die Professoren, sondern vor allem auch die jungen Leute, also die Doktoranden. Für UniCat haben wir von Anfang an sehr weit gedacht und eine Graduiertenschule als integralen Bestandteil des Clusters gegründet. Dort werden Studierende aus nahezu allen Fachrichtungen akzeptiert, die in einer der Arbeitsgruppen von UniCat promovieren wollen. In der Graduiertenschule verbringen die Stipendiaten die ersten drei Monate komplett gemeinsam. Das ist eine starke Prägung. Wir initiieren von Anfang an ein enges Netzwerk zwischen den verschiedenen Disziplinen, das „bottom up“ geknüpft wird.

Wie schafft man es, so vielfältige und ­verschiedene Institutionen und Kulturen effizient zu koordinieren?
Da sind verschiedene Faktoren entscheidend. Man braucht Vertrauen, um miteinander arbeiten zu können und eine gemeinsame Sprache, das muss sich entwickeln. Die beteiligten Wissenschaftler müssen Lernfähigkeit und Lernwilligkeit mitbringen, um die unterschiedlichen Ansätze zu respektieren oder auch zu verstehen. Die Sichtbarkeit des Clusters nach außen spielt eine Rolle – werden wir als ein Team wahrgenommen? Nachhaltigkeit entsteht nur dann, wenn diese „weichen“ Faktoren stimmen.
Natürlich müssen auch die „harten“ Faktoren passen: eine kritische Masse hervorragender Wissenschaftler, eine gute Ausstattung und entsprechende Ressourcen. Dazu sind finanzielle Mittel wichtig – gute Forschung kostet viel Geld. Aber eine vertrauensvolle, intellektuelle Atmosphäre ist meiner Meinung nach noch entscheidender.

Ein guter Standort unterscheidet sich von einem mittelmäßigen nicht dadurch, dass er mehr Geld einnimmt, sondern dadurch, dass er Fahrt aufnimmt, eine Eigendynamik entwickelt. Die Gründung des BasCat ist nur ein Beispiel dafür, dass wir das geschafft haben. So eine Kooperation leistet sich die Industrie nur, wenn der wissenschaftliche Output etwas bietet, was das Unternehmen alleine nicht leisten könnte. Aber auch der Aufbau des „Inkulab“, die Fülle der Publikationen oder das hohe Interesse internationaler Kollegen an UniCat sprechen für sich.

Wie wichtig ist Identität in diesem ­Zusammenhang?

Extrem wichtig. Ich bin eindeutig ein UniCat-Wissenschaftler und erst in zweiter Linie ein TU-Wissenschaftler. Damit tun sich die beteiligten Institutionen hin und wieder schwer. Manchmal fehlt mir das klare Bekenntnis der Hochschule, UniCat so zu unterstützen und wertzuschätzen, dass es wirklich herausragt aus der Universität als Ganzem. Mir wäre es zum Beispiel sehr wichtig, Neuberufenen das Gefühl zu geben, dass sie als intellektueller Leistungsträger gefragt sind und nicht hauptsächlich als Mittelbringer. Noch einmal – die intellektuelle Atmosphäre ist wichtig. Nur so wird man zu einem Magneten für international herausragende Wissenschaftler.

Welchen Mehrwert bringt UniCat für die verschiedenen Beteiligten, zum Beispiel die Wissenschaftler, die Hochschulen, die Stadt oder für Sie persönlich?
Für uns Wissenschaftler ist das klar: Wir sind Teil einer Forschung, wie es sie so nirgendwo anders gibt. Wir loten Grenzbereiche aus. Verschiedene Institutionen betreiben auf sehr hohem Niveau entweder chemische Katalyseforschung oder biologische. Aber: Warum laufen in der Biologie katalytische Prozesse oft um ein Vielfaches effizienter und weniger aufwendig ab, als wir es in der chemischen Katalyse erreichen können? Diese Forschung an der Naht zwischen Biologie und Chemie findet nur hier in Berlin statt. Für die Hochschulen ist natürlich die wissenschaftliche Exzellenz ein Kriterium. Wissenschaftliche Expertise geht oft einher mit guter Lehre. Zusätzlich bilden wir herausragende junge Wissenschaftler aus und erhöhen die Sichtbarkeit der TU Berlin. Für die Stadt bringt ein Exzellenzcluster natürlich ein deutlich gestiegenes Renommee als Wissenschaftsstandort.

Aus der Exzellenzinitiative wird jetzt die Exzellenzstrategie. Was bedeutet das für UniCat?
90 Prozent aller Produkte, die wir täglich in der Hand halten, benötigen im Laufe der Herstellung einen Katalysator, von der Hautcreme über das Waschmittel bis hin zu Joghurt. Dabei werden heute immer noch viel zu viele Ressourcen vergeudet. Wer über nachhaltige Produktion spricht, spricht über Katalyse. Die Verbesserung der Effizienz eines Katalysators um eine Nachkommastelle hat eine enorme Hebelwirkung bei der Energieeinsparung oder der Ressourcenschonung. Nicht zu vergessen die Prozesse, die man heute noch gar nicht kennt. Wir müssen versuchen, die Welt organischer, runder zu machen. Viele einzelne Komponenten der Katalyse haben wir inzwischen ganz gut verstanden. Um auch zukünftig eine nachhaltige und ressourcenschonende Produktion zu gewährleisten, muss es jetzt verstärkt darum gehen, von den biologischen Systemen zu lernen, wie man diese Komponenten effizient und dynamisch koppelt. Da brauchen wir einen echten Paradigmenwechsel und in diese Richtung geht auch unser neuer Antrag für die Exzellenzstrategie als UniSysCat. Dem sehe ich zuversichtlich entgegen.

Das Interview führte Katharina Jung

"TU intern" 13. Juni 2017

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