direkt zum Inhalt springen

direkt zum Hauptnavigationsmenü

Sie sind hier

TU Berlin

Inhalt des Dokuments

Forschung

Gabi Dolff-Bonekämper zum neuen Graduiertenkolleg „Identität und Erbe“

Prof. Dr. Gabi Dolff-Bonekämper
Lupe

Frau Prof. Dolff-Bonekämper, das jüngst von der DFG bewilligte Graduiertenkolleg trägt den Titel „Identität und Erbe“. Warum dieses Thema?

In der Wendezeit arbeitete ich als Denkmalpflegerin in Berlin. Ich erlebte, wie die DDR von einem Tag auf den anderen historisch wurde. Viele ihrer Bauten und Denkmale hatten keinen gültigen politischen Rahmen mehr und wurden auch „historisch“, obwohl noch gar nicht alt. Wer sollte ihren möglichen zukünftigen Denkmalwert prüfen? Ich zum Beispiel. Das war eine große Herausforderung. Ich war mittendrin in allen kontroversen Debatten: um die Neue Wache und ihre von Helmut Kohl gewollte Umwidmung zur zentralen Gedenkstätte der Bundesrepublik Deutschland, um die Berliner Mauer als (un)erträgliches Geschichtsdenkmal und auch um den Palast der Republik, der von Ossis als ein Ort der Freizeit und Freude erlebt worden war, von Wessis als ästhetisch banal, ideologisch verseucht abgetan wurde. Mir wurde rasch klar, dass es nicht nur um Bauwerke ging, sondern dass an den Bauwerken „größere“ Fragen verhandelt wurden.

Welche denn?

Zum Beispiel, ob die Vergangenheit der Wessis mehr wert war als die der Ossis und wer sich in Zukunft wie daran erinnern sollte, dass es die DDR gegeben hatte. Darüber konnte in der Nachwendegesellschaft in Berlin keine Einigkeit bestehen. Der Dissens war Teil der Sache. Er betraf die Kontrahenten im Innersten, in ihrem Zugehörigkeitsgefühl zu Ost- oder West- oder überhaupt zu Berlin beziehungsweise zu Deutschland. Es ging also um bauliches Erbe und persönliche Identität.

Was ist das Ziel der Forschungen im Graduiertenkolleg?

Das Ziel ist, zu verstehen, wie und warum Denkmale als Identitätsstützen für Gemeinschaften beansprucht werden. Bauwerke, Stadtquartiere oder Landschaften, einzelne Kunstwerke oder Sammlungen werden befragt, warum sie von wem mit welcher Sinngebung als Erbe angenommen oder zurückgewiesen wurden. Nachdem in Europa im Laufe der letzten 200 Jahre fortwährend territoriale Grenzen verschoben wurden und Gebiete ihre Besitzer wechselten, haben die Denkmale älterer Zeiten unterschiedliche Deutungen erfahren. Sie wurden in verschiedene nationale Narrative eingebunden, die mit unterschiedlichen nationalen Identitätskonstruktionen verwoben sind. Wenn ein Kultur-Erbstück nicht in die jeweils neue große nationale Erzählung passte, wurde es entweder umgedeutet oder zurückgewiesen und beseitigt. Das haben wir mit dem Palast der Republik erlebt und zuvor mit dem Berliner Schloss, als die DDR-Regierung 1950 befand, dieses Bauwerk gehöre nicht in ihre Vergangenheit.

Heißt das, dass nationale Identitäten reine Konstruktionen sind?

Ja. Sie existieren nicht „an sich“. Identität gilt uns nicht als festgestellte Eigenart etwa einer Person, einer Gruppe, einer Nation. Identitäten gehören dennoch als labile, stets wandelbare Konstrukte zu unserer Wirklichkeit. Die Kollegiaten sollen die Identitätskonstrukte ins Verhältnis zu den Vorgängen der Erbe-Aneignung setzen und dabei die materiellen Eigenarten der Erbe-Stücke nicht aus den Augen verlieren. Das wird anstrengend. Und das soll es auch.

Was könnte denn so eine Frage sein, die zu denken nicht so leichtfällt und die an nationalen Konstruktionen kratzt?

Zum Beispiel: Gibt es tatsächlich verschiedene nationale moderne Architekturen auf dem Territorium der ehemaligen UdSSR? Schon die Frage könnte als Verrat begriffen werden, weil es den früheren Teilstaaten so wichtig ist, sich als eigene Nation zu sehen. Architektur und Städtebau sind aber seit jeher transnationale Produkte. Dass sie in vielen Nationalstaaten als nationales und kulturelles Eigenes behauptet wurden und werden, gehört zur Geschichte ihrer Aneignung und ideologischen Instrumentalisierung. Diese wiederum kann zur Erhaltung der Bauten durchaus nützlich sein. Oder das Gegenteil tritt ein, und das Erbe wird stellvertretend für das abgelehnte System bestraft und zerstört.

Das Interview führte Sybille Nitsche

Identität und Erbe

Das Graduiertenkolleg „Identität und Erbe“ der TU Berlin und der BHU Weimar wird in den nächsten viereinhalb Jahren mit 3,2 Millionen Euro gefördert. Sprecherin ist Prof. Dr. Gabi Dolff-Bonekämper vom Fachgebiet Denkmalpflege. www.tu-berlin.de/?id=92574

Sybille Nitsche, "TU intern" 22. Juli 2016

Zusatzinformationen / Extras

Direktzugang

Schnellnavigation zur Seite über Nummerneingabe

Diese Seite verwendet Matomo für anonymisierte Webanalysen. Mehr Informationen und Opt-Out-Möglichkeiten unter Datenschutz.