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Forschung

Die Beteiligung breiter Schichten wird die Technik voranbringen

Neue Methoden der partizipativen Technikentwicklung

Hans-Liudger Dienel
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Herr Professor Dienel, ohne Partizipation geht nichts mehr in Politik und Gesellschaft, hat man den Eindruck. Die Bevölkerung fordert ihre Beteiligung bei vielen Projekten immer dringlicher. Wie kommt es zu diesem Phänomen?
Einerseits haben wir leider eine zunehmende Politikmüdigkeit in breiten Bevölkerungsschichten, doch gleichzeitig steigt die Erwartung an Beteiligung und Mitsprache. Wir erleben daher eine neue Konjunktur für Bürgerbeteiligung, gerade auch in  Technikentwicklung und Wissenschaftspolitik. Es ist auch nicht einzusehen, warum in einem so wichtigen Bereich der Gesellschaft der Souverän, die Bürgerinnen und Bürger, außen vor bleiben sollen. Deshalb gibt es immer mehr Citizen Science sowohl auf der Ebene der strategischen Fragen – welche Forschung und welche Technik wollen wir? – als auch in konkreten Projekten der Forschung und Entwicklung. Dabei kommen neue Formen der Bürgerbeteiligung zum Zug. Ging es in den 1970er Jahren stärker um die Sicherung der Rechte der Anlieger, etwa in der Bauleitplanung, also um die Mitsprache von Betroffenen, geht es heute stärker darum, das erkennbare Gesamtinteresse zu befördern, etwa in der Verkehrspolitik oder bei der Energiewende. Bei vielen Projekten, etwa den Stromtrassen, beißen sich Partikular- und Gesamtinteressen. Letztere sollen sich durch mehr Partizipation durchsetzen können, natürlich ohne Erstere völlig an den Rand zu drängen.

Sie haben Ihr Fachgebiet Arbeitslehre-Technik kürzlich mit Billigung des Akademischen Senats der TU Berlin umbenannt in Arbeitslehre/Technik und Partizipation. Warum?
Unsere wichtigsten Forschungsschwerpunkte liegen in der Beteiligung an Technik und Technikpolitik – von der politischen Partizipation über Citizen Science, internes Crowdsourcing in Unternehmen bis hin zur Beteiligung in der Bildung. Mit diesem Schwerpunkt hat meine Professur ein Alleinstellungsmerkmal in einem rasch wachsenden Forschungsfeld. Daneben wollte ich einen Strukturgleichklang mit dem benachbarten Fachgebiet Arbeitslehre/Ökonomie und Nachhaltiger Konsum meines Kollegen Ulf Schrader erreichen. Außerdem sollte der Bezug von Technik zur produktiven und reproduktiven Arbeit in der Fachgebietsbezeichnung erhalten bleiben. Wir bilden im Studiengang Arbeitslehre ja Lehrkräfte für Wirtschaft-Arbeit-Technik aus.
In der Technik- und Innovationsforschung können Beteiligungsprozesse eine zentrale Rolle spielen. Es geht um Teilhabe an der Technik, um partizipative Produktentwicklung, aber auch um die breite Bürgerbeteiligung an Technik, Wirtschaft und Umwelt. In diesen Bereichen gibt es im Fachgebiet viele Forschungsvorhaben und auch Verbundprojekte mit TU-Kolleginnen und -Kollegen.

Die Pinnwand könnte auch bei der Partizipation der Vergangheit angehören. Auch an Modellen der Beteiligung per Smartphone wird gearbeitet
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Ein Beispiel ist ein neues Verbundprojekt, das gerade in der Ausschreibung „Arbeit in der digitalisierten Welt“ im Programm „Zukunft der Arbeit – Innovationen für die Produktion, Dienstleistung und Arbeit von morgen“ positiv evaluiert wurde und mit 1,8 Millionen Euro gefördert werden soll. Worum geht es dabei?
Die Arbeit mit digitalen Werkzeugen und Medien durchzieht heute alle Branchen und verändert nicht nur Arbeitsformen und -inhalte, sondern auch die Möglichkeiten zur Beteiligung von Beschäftigten und Kundinnen und Kunden an der Technikentwicklung. Derzeit hat mein Fachgebiet vier laufende Projekte, in denen es um digitale Beteiligungsprozesse geht. Bei dem von Ihnen angesprochenen neuen Projekt geht es um eine neue Form für das alte „betriebliche Vorschlagswesen“ über die Smartphones der Beschäftigten. Unser Projekt heißt „Internes Crowdsourcing in Unternehmen: Arbeitnehmergerechte Prozessinnovationen durch digitale Beteiligung von Beschäftigten.“ Wir entwickeln das Modell, also Strategie, Plattform, Analyse betrieblicher Rahmenbedingungen und et cetera, andere Verbundpartner testen, optimieren, gestalten die arbeitsrechtlichen Rahmenbedingungen oder Personalentwicklungsmaßnahmen zu Qualifizierung und Weiterbildung oder führen die Partizipation vor Ort durch. Es ist mir wichtig herauszustreichen, dass es sich hierbei um ein internes Crowdsourcing handeln soll, das mit unserem deutschen Arbeitsrecht und mit gewerkschaftlichen Vorgaben in Übereinstimmung zu bringen ist. Es gibt auch amerikanische Modelle, wo hier die Gewerkschafter die Hände über dem Kopf zusammenschlagen würden.

Was genau wird dabei unter „internem Crowdsourcing“ verstanden? Wo liegt der Unterschied zum betrieblichen Vorschlagswesen?
Durch die Nutzung der mobilen Endgeräte ist es wirklich etwas ganz Neues. Es ist auch hier, wie in der Politik, die Frage: Können wir an der Weiterentwicklung der Technik, von Innovationen auch in Unternehmen, nicht noch mehr Menschen beteiligen? Wie kann man Leute motivieren teilzunehmen? Der Hintergrund ist: Wir können es uns nicht leisten, innovative Ideen brachliegen zu lassen. Hier werden Maßnahmen für Unternehmen entwickelt, wie sie ihre Mitarbeiter motivieren können, auch digital an der Ideenfindung für neue Produkte, Dienstleistungen, Arbeitsprozesse und so weiter teilzunehmen. Wir werden in diesem Zusammenhang übrigens auch Weiterbildungsmodule entwickeln, um Unternehmen in die Lage zu versetzen, gezielt solche Beteiligungsprozesse in Gang zu setzen.

Sie legen in Ihrer Forschung auch anwendungsorientierte Ergebnisse vor, wie die kürzlich veröffentlichte VDI-Richtlinie 7000. Was ist der Inhalt? Und welche Bedeutung hat so eine Richtlinie?
Die im letzten Jahr erschienene neue VDI-Richtlinie 7000 für frühzeitige Öffentlichkeitsbeteiligung in Industrie- und Infrastrukturprojekten ist vom Fachbeirat Gesellschaft und Technik des VDI erarbeitet worden, dem ich angehöre. Mit der Richtlinie gibt es jetzt einen Stand der Technik, auf den sich Unternehmen, aber auch Gerichte beziehen können. Die Richtlinie gibt Vorhabenträgern ein praxisnahes Management-Konzept an die Hand, wie sie Beteiligungs- und Dialogelemente in die Projektplanung integrieren können. Sie ist damit für Unternehmen, aber auch für die öffentliche Verwaltung interessant.

Vielen Dank!
Das Gespräch führte Patricia Pätzold


www.technik.tu-berlin.de

Patricia Pätzold, "TU intern" 18. November 2016

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