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TU Berlin

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Standpunkte

Offene Perspektiven unter dem Berliner Fernsehturm

Freitag, 26. Juli 2013

Ein städtischer Freiraum, einst Promenadenzone mit Sputnik-Ikonografie, auf der Suche nach der Zukunft

Von Paul Sigel

Lupe

Während sich die Frage nach der Zukunft des Berliner Zentrums in den beiden Jahrzehnten nach der Wende um die Entwicklung von Potsdamer Platz, Friedrichstadt, Alexanderplatz und Schlossplatz gerankt hatte, blieb der Stadtbereich unter dem Fernsehturm lange im Windschatten der Diskussionen. Er rückte erst in den späten 1990er-Jahren, vor allem aber seit der Konkretisierung des Bauprojekts Humboldt-Forum, in den Fokus. Dabei zentrierte sich die Diskussion nicht nur auf gestalterische Aspekte einer zukünftigen Entwicklung; es ging vielmehr grundsätzlich um die Frage der Wahrnehmung, Wertung und Potenzialität dieses lange vernachlässigten Stadtraums.

Ist er das Zentrum einer geschichtsvergessenen Metropole oder ist er vielmehr ein urbaner Möglichkeitsraum, der als einzigartiger Geschichtsspeicher identitätsstiftend sein kann? Unter dem Fernsehturm flankieren die Marienkirche und das Berliner Rathaus eine in Europa einmalige Freifläche, in jüngerer Vergangenheit Element der sozialistischen Transformation des Berliner Zentrums, unter ihren Rasenflächen und Bäumen jedoch den Kern des vormodernen Berlins mit seinem mittelalterlichen Straßenraster bergend.

Auch zukünftig ein öffentlicher Ort

Allein schon die unterschiedlichen Namensvorschläge für das Areal verweisen auf viele Positionen hinsichtlich Deutung und Zukunftsperspektive dieses zentralen Stadtbereichs. Wenn die Stadtentwicklungsbehörde vom Rathausforum spricht, ist damit auch eine inhaltliche Konnotation verbunden, denn das Forum soll auch zukünftig ein öffentlicher Ort bleiben, für dessen Gestaltung und Weiterentwicklung – partielle Nachverdichtung eingeschlossen – nach Ideen gesucht wird. Doch für die Zukunft des Freiraums gibt es auch völlig konträre Vorstellungen, die den Geschichtsraum im Blick auf seine vormodernen Spuren anders interpretieren und daher diesen Stadtbereich als Altstadt bezeichnen. Eine breite Auseinandersetzung mit dem Areal in seinen planungsgeschichtlichen, architektonischen, gartenarchitektonischen und künstlerischen Dimensionen, aber auch im Blick auf seine unterschiedlichen sozialen Adaptionspotenziale und Probleme fand demgegenüber nur selten Eingang in die öffentliche Debatte. Doch gerade dies muss die Basis für eine zukünftige Entwicklung sein.

Bereits seit Anfang der 1950er-Jahre war das Areal in die übergreifenden Planungen zur Neugestaltung des Zentrums der Hauptstadt der DDR eingebunden und als potenzieller Standort für das geplante, jedoch nie realisierte zentrale Hochhaus vorgesehen. Das Zentrum nahm schließlich die Gestalt des signifikanten stadträumlichen Spannungsfeldes zwischen Palast der Republik und Fernsehturm an, konzentriert auf die politischen Führungsinstitutionen rund um den Marx-Engels-Platz.

„Turm der Signale“

Der westlich des Alexanderplatzes zwischen 1965 und 1969 errichtete Fernsehturm, der auf eine bereits 1958 von Hermann Henselmann vorgeschlagene Idee für einen „Turm der Signale“ zurückging, übernahm die Funktion des vertikalen, auf die Gesamtstadt ausstrahlenden zeichenhaften Baus, mit seiner Sputnik-Ikonografie sollte er auf Überlegenheit in der ideologischen Systemkonkurrenz des Kalten Krieges verweisen, während der Palast als Synthese von politischem Repräsentationsbau und populärem Volkshaus eine Einheit von Politik, Gesellschaft und Kultur zu suggerieren suchte. Die Gesamtgestaltung des ehemaligen Altstadtquartiers östlich der Spree setzte wiederum eine großflächige Auflösung der noch vorhandenen städtebaulichen Strukturen und Abräumung vorhandener Bausubstanz voraus, deren Verfügbarkeit durch vorangegangene Enteignungen gewährleistet wurde. Der maßgeblich von Hubert Matthes geplante Grünraum mit seinen ab 1968 entstandenen, von Marienkirche und Rathaus flankierten Kaskaden, Parterres und Baumplanzungen sollte nun als geradezu neubarocke Achse auf die Spree münden und dadurch Naturraum und künstlerisch gestalteten Raum in einen spannungsvollen Bezug setzen. Ein Aufmarschplatz war das Areal zu keinem Zeitpunkt, vielmehr sollte es eine zwanglose Promenadenzone sein, flankiert von hochwertigen Einkaufszentren und Wohnzeilen. Tatsächlich entwickelte das Areal trotz intensiver Kontrolle durch staatliche Sicherheitsorgane eine vergleichsweise hohe Popularität, eine alltäglich-lockere Note, breit adaptiert, wenn auch nicht gern gesehen, durch jugendliche Subkulturen. Vor allem im Wendeherbst 1989 bildete der Freiraum sogar einen markanten Ort systemkritischer Manifestationen.

Schleichender Utopieverlust

Das von Ludwig Engelhardt bis 1986 realisierte und relativ bescheidene Marx-Engels-Denkmalensemble, ein später Mosaikstein der Gesamtkonzeption, war schließlich das Resultat einer jahrzehntelangen Standortsuche und Gestaltdebatte und sicher auch Ausdruck eines schleichenden Utopieverlustes in den späten Jahren der DDR. Blickt man auf die Entwicklung der Größendimensionen des Areals, erscheinen die letzten Verweise auf die vormoderne Stadt – Marienkirche und Rathaus – als degradiert, einem gewaltsam definierten neuen Bezugssystem von Stadtzeichen untergeordnet. In einer anderen Wahrnehmung können Marienkirche und Rathaus aber auch eine nie da gewesene Korrespondenz aufnehmen. Der letztlich realisierte Gesamtzustand der Zentrumsgestaltung zeigte sich durch die spannungsvollen Bezugssysteme in diesem Stadtraum als komplexes urbanes Setting. Doch der Preis war hoch. Die verkehrsoptimierte Ost-West-Durchfahrung der Innenstadt, ein Planungsthema, das bereits in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts zurückreicht, musste wegen der weiten Fußgängerzonen auf andere, zusätzliche Trassen umgelenkt werden. Die Anlage der mehrspurigen Grunerstraße südlich des Rathauses zerstörte wesentliche Teile der historischen Straßen- und Platzstrukturen. Hier entstand ein vorwiegend dem Verkehr gewidmeter Stadtraum ohne Aufenthaltsqualität, die Rückseite der Medaille.

Weiterer Reflexionsbedarf

Heute verharrt der Freiraum bis auf Weiteres in einem vagen Zwischenzustand. Seiner während der Planungen entstandenen Bedeutungszuschreibung ist er beraubt. Die dem Bau von U-Bahn und Humboldt-Forum geschuldete Translozierung des Marx-Engels-Denkmals 2011 sowie die begonnene Bebauung am östlichen Rand des Areals sind weitere Akte der Auflösung der alten Bedeutungs- und Raumzusammenhänge an diesem einsam gewordenen Ort. Der Stadtraum entwickelt sich seitdem spürbar negativ, das Niveau des ansässigen Einzelhandels sank, die öffentlichen Grünräume wurden vernachlässigt. Doch dieser Stadtraum ist kein Leerraum, weder physisch noch angesichts der Assoziationsgewebe, die sich mit ihm verbinden. Die partielle Verwahrlosung ist vielmehr ein Symptom seiner verlorenen Bestimmung und seiner unklaren Perspektive.

Ein erster Schritt zur erneuten Aufwertung sind die 2011 begonnenen Maßnahmen nach dem Entwurf des Landschaftsplanungsbüros Levin Monsigny. Sowohl das Humboldt-Forum als auch die städtebauliche Neuordnung des Molkenmarktgebiets nach dem „Planwerk Innenstadt“ werden in den nächsten Jahren maßgeblich auf das Areal ausstrahlen und Spreeinsel sowie die angrenzenden Altstadtbereiche enger mit dem Freiraum verknüpfen. Dennoch besteht auch nach Jahren der Debatten weiterhin Reflexionsbedarf darüber, welche Bestimmung wir dem Bereich unter dem Fernsehturm perspektivisch zueignen können. Zweifellos müssen die historischen Bezüge an diesem Ort über die Moderne hinausweisen und Spuren der Stadtgeschichte vom Mittelalter bis in die Gegenwart deutlich machen. Zweifellos muss seine zukünftige städtebauliche Entwicklung auf Kohärenz abzielen und ihn stärker mit den angrenzenden Stadtbereichen verknüpfen. Zweifellos fordert er aber auch Stadtgesellschaft und Planungspolitik heraus, der Bedeutung dieses Ortes und seiner gesamtstädtischen Relevanz gerecht zu werden. Eine erste Voraussetzung wäre, ihn als Ort gesamtstädtischer Bedeutung wahrzunehmen. Und warum sollte nicht verstärkt über eine Ausweitung öffentlicher Funktionen an diesem Ort gesamtstädtischer Bedeutung nachgedacht werden, warum beispielsweise nicht erneut darüber nachdenken, den Neubau der Zentral- und Landesbibliothek hier anstatt in Tempelhof anzusiedeln? Der Freiraum als öffentlicher Raum jedenfalls ist Teil der Berliner Geschichte geworden und er sollte als wertvolles, prägendes, ikonisches Element des Berliner Zentrums auch Ausgangspunkt aller zukünftigen Reflexionen zu diesem Ort sein.

Der Autor

Lupe

Prof. Dr. Paul Sigel ist Gastprofessor am Center for Metropolitan Studies der TU Berlin und forscht unter anderem zu urbanen Identitätskonstruktionen an der Wende vom 20. zum 21. Jahrhundert. Zusammen mit der TU-Professorin Dr. Kerstin Wittmann-Englert (Fachgebiet Kunstgeschichte) veranstaltete er im Mai 2013 die Diskussions- und Vortragsveranstaltung „Frei-Raum unter dem Berliner Fernsehturm – Historische Dimensionen eines Stadtraums der Moderne“ an der TU Berlin.
www.tu-berlin.de/?id=24748

Quelle: Hochschulzeitung "TU intern", 7/2013

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