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TU Berlin

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Forschung

„Ich habe mich noch nie irgendwelchen Moden angeschlossen“

Freitag, 12. April 2013

Einstein-Professor Martin Oestreich über den Sinn und Nutzen internationaler Kooperationen und forscherischen Eigensinn

Chemiker Martin Oestreich legt neben der Forschung auch größten Wert auf die Ausbildung seiner Studierenden und Doktoranden, die höchsten Ansprüchen genügt
Lupe

Herr Professor Oestreich, bereits während Ihres Chemie-Studiums zwischen 1991 und 1996 sind Sie für ein Semester ins Ausland gegangen, nach Manchester. Woher kam der Impuls?

An der Universität Marburg gab es Anfang der 1990er-Jahre ein für die damalige Zeit sehr zukunftweisendes Programm. Es garantierte die vollständige Anerkennung des Auslandssemesters. Man musste also keinerlei Zeitverlust hinnehmen. Das machte es für mich attraktiv. Denn der Verlust eines Semesters kann später die Chancen auf ein Stipendium vereiteln. Während meiner Promotion wurde ich mit dem Kekulé-Stipendium des Fonds der Chemischen Industrie gefördert. Voraussetzung, um sich überhaupt bewerben zu können, war der Abschluss des Diploms in zehn Semestern. Dieses prestigeträchtige Stipendium wäre mir ohne diesen Anerkennungspassus verloren gegangen.

Sie waren danach immer wieder im Ausland. Das zieht sich wie ein roter Faden durch Ihre wissenschaftliche Laufbahn. Auf Manchester folgten Irvine in den USA, Cardiff in Wales und Canberra in Australien. Welche Erfahrungen möchten Sie nicht missen?

Ich habe viele unterschiedliche Forschungsumfelder kennengelernt. Das befähigt einen, seine Leistungen einzuschätzen und einzuordnen. Wenn man ehrlich zu sich selbst ist, ist dieser Vergleich sehr motivierend. Hinzu kommt, dass ich – eigentlich seit dem ersten Tag meines Studiums – gerne „in die Uni“ gehe und schon nach dem Vordiplom von einer Hochschullaufbahn zu träumen begann. Da ist es doch ganz vernünftig, sich in der Welt umzuschauen und zu sehen, wie andere Wissenschaft vermitteln und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter anleiten. Das erweitert den eigenen Horizont ungemein. Wobei die zwei Jahre an der Universität in Irvine in Südkalifornien nach meiner Promotion für mich besonders wichtig waren.

Inwiefern?

Ich konnte als Postdoktorand bei Professor Larry E. Overman arbeiten, einem der führenden Wissenschaftler auf dem Gebiet der Naturstoffsynthese. Nicht nur, dass es ein Privileg war, bei ihm zu forschen, seine Art, eine Arbeitsgruppe zu leiten, gefiel mir und entsprach genau meinen Vorstellungen. Seine Arbeitsgruppe war sorgfältig zusammengestellt und die Atmosphäre von dem Bewusstsein getragen, dass man sich weit über das normale Maß hinaus engagiert, da man bei ihm arbeitet. Es wäre undenkbar gewesen, Ergebnisse zu präsentieren oder Manuskripte vorzulegen, die nicht höchsten Ansprüchen genügt hätten. Auch mir ist es wichtig, die Standards für die Arbeit festzulegen, denen sich alle intuitiv verpflichtet fühlen. Das wiederum zieht einen bestimmten Typ von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern an, der das Arbeiten angenehm macht. Unnötigen Drucks, kritischer Worte und zeitraubender Motivationsgespräche bedarf es dann nicht. Die freie Entfaltung in einem harmonischen Umfeld ist entscheidend.

International zu forschen ist kein Wert an sich. Worin besteht er für Sie?

Ganz einfach: Er besteht für mich darin, dass die Kooperationen unter Einbindung der Doktoranden in hochrangigen gemeinsamen Publikationen münden.

Was macht für Sie die Internationalität einer Universität aus?

Ich könnte jetzt viele große Worte machen, aber eigentlich ist es die Augenbraue, die für einen kurzen Moment anerkennend nach oben geht, wenn der Name der Universität fällt. Aber ein konkretes Beispiel dafür, worin sich für mich Internationalität zeigt, ist, dass namhafte Fachkollegen regelmäßig Vorträge an der Uni halten. Das vernetzt unglaublich, da bleibt man sichtbar. Im Moment wird meine Fachgruppe nur unregelmäßig von Vortragsgästen aus aller Welt besucht. Das möchte ich ändern.

Mit der Einstein-Professur werden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ausgezeichnet, die „auf höchstem internationalem Niveau“ forschen. Können Sie Ihren Erfolg erklären?

Das sollte vielleicht nicht meine Aufgabe sein. (Er lacht.) Ich kann nur so viel sagen, dass ich als Grundlagenforscher noch nie einem Trend gefolgt bin, mich noch nie irgendwelchen Moden angeschlossen habe. Ich wählte den vielleicht nicht ganz einfachen Weg, mir mein Forschungsgebiet selbst zu suchen – jenseits des Mainstreams. Über das Emmy-Noether-Programm der Deutschen Forschungsgemeinschaft wurde ich von Beginn an hervorragend unterstützt, und innerhalb von vier Jahren bin ich mit meinen Mitarbeitern zu guten Ergebnissen gekommen. Das brachte mir relativ früh internationale Anerkennung ein. Die Ergebnisse wurden wahrgenommen und in hochrangigen Zeitschriften publiziert. Ich zog daraus für mich die Schlussfolgerung, dass es richtig ist, seine Ideen mit Nachdruck zu verfolgen, auch wenn einem zunächst Kritik und Unverständnis entgegenschlagen.

Sie legen großes Augenmerk darauf, dass Ihre Doktoranden nach erfolgreicher Promotion in die Welt ziehen. Warum?

Sie sollen die Erfahrung machen, dass, wenn sie in meiner Arbeitsgruppe vielleicht die Besten waren, es außerhalb dieses Universums auch noch einen exzellenten Pool an internationalen Forscherinnen und Forschern gibt. Und da ich meine Aufgabe als Hochschullehrer ganz im klassischen Sinne verstehe, Studierende auszubilden sowie reife Wissenschaftler und Charaktere heranzubilden, gehören für mich Auslandserfahrungen zu einer Forscherpersönlichkeit einfach dazu.

Das Gespräch führte Sybille Nitsche

Zur Person

Viele Preise, viele Publikationen

Martin Oestreich (41) wurde von der Einstein Stiftung Berlin 2011 auf die Einstein-Professur berufen. Die Stiftung fördert exzellente Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit einem hohen internationalen Renommee. Zurzeit gibt es sechs Einstein-Professoren, drei davon an der TU Berlin. Martin Oestreich leitet am Institut für Chemie die Arbeitsgruppe Organische Chemie/Synthese und Katalyse, die sich mit grundlegenden synthetischen Aspekten der silicium- und bororganischen Chemie für die (asymmetrische) Katalyse beschäftigt. Er studierte in Düsseldorf und Marburg Chemie und wurde in Münster promoviert. Er bekam zahlreiche Stipendien, 2006 das dreijährige Karl-Winnacker-Stipendium der Aventis Foundation. 2005 erhielt er den ADUC-Jahrespreis und 2006 den ORCHEM-Preis. Vor seiner Berufung nach Berlin war er Professor an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster und Habilitand an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Seine Publikationsliste ist beeindruckend. Auf seine erste Veröffentlichung im Jahr 1997 folgten bereits 130 Publikationen.

sn / Quelle: Hochschulzeitung "TU intern", 4/2013

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